Editorial

«Weihnachten anderswo»

Weihnachten, 
welche Weihnachten?

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2016.01425
Veröffentlichung: 07.12.2016

Stefan Neuner-Jehle

Mitglied der Redaktion, Chefredaktor

Welche Art Weihnachten darf es denn dieses Jahr sein? Besinnliche Weihnacht, weisse Weihnacht, Mitsing-Weihnacht, fröhliche Weihnacht, kommerzielle Weihnacht (dazu genügt ein Blick in die Schaufenster seit anfangs November)? Viele reden von Weihnachtsstress und fragen sich, wo denn nur der Sinn dieses Festes abgeblieben sei (neben den paar arbeitsfreien Tagen). Im Grunde erinnern wir uns damit ja an den Geburtstag eines Visionärs, der eine Alternative zum machtdominierten Zusammenleben entwickelt und dafür mit seinem Leben bezahlt hatte.

Die diesjährige Weihnachtsausgabe von Primary and Hospital Care ist Menschen in verschiedenen Teilen der Welt gewidmet, die für ihre Überzeugungen ähnlich hart verfolgt und unterdrückt werden. Die Berichte aus verschiedenen Krisenherden stammen einerseits von Amnesty International, andererseits berichtet Ärzte ohne Grenzen über die aktuelle Lage der Flüchtlinge im Mittelmeer und ihren dortigen unermüd­lichen Einsatz. Wie zynisch mag die Weihnachts­botschaft – Toleranz und Nächstenliebe – wohl für politisch Verfolgte klingen?

Es ist nicht unsere Absicht, Ihnen mit den im Heft gesammelten Schicksalen die entspannte Weihnachtsstimmung zu verderben. Wir sind privilegiert, dass wir sie geniessen dürfen. Aber nicht nur als Menschen, sondern auch als Mediziner sollte uns politische Verfolgung beschäftigen: Repression führt wie Armut zu Krankheit, physisch wie psychisch. Wie können wir also einen kleinen Teil zur Verbesserung beitragen? Bei der Begegnung mit Flüchtlingen Respekt zeigen, Respekt und nochmals Respekt. Weitere Gelegenheiten bieten sich Ihnen vielleicht in einem freiwilligen Engagement – vielleicht bei Amnesty International oder Ärzte ohne Grenzen? – oder in einem Amt.

Die Weihnachtszeit ist also durchaus eine Gelegenheit, kritisch zu reflektieren, ob denn wirklich soviel Friede herrscht, und wie wir zum Frieden beitragen können. Ich meine nicht nur die «grosse Welt», wie in diesem Heft skizziert. Es genügt ein Blick in Ihre nächste Umgebung. Auf ihre «Nächsten» eben, vor allem, wenn sie hier fremd sind.

In genau diesem Sinn wünschen Ihnen der Schweizerische Ärzteverlag und die Redaktion von Primary and Hospital Care eine nachdenkliche Weihnacht 2016!

Der Briefmarathon von Amnesty International

Mit dem Briefmarathon erinnert Amnesty International alljährlich an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die am 
10. Dezember 1948 unterzeichnet worden ist. Menschen auf der ganzen Welt schreiben gleichzeitig Hunderttausende von Briefen und E-Mails zugunsten von Personen, die als Gewissensgefangene inhaftiert oder deren grundlegenden Rechte schwer verletzt worden sind.

Der Briefmarathon ist gemessen an der Beteiligung die weltweit grösste Menschenrechtskampagne. Im letzten Jahr kamen über drei Millionen Briefe, Unterschriften und E-Mails für Opfer von Menschenrechtsverletzungen zusammen.

Und der damit generierte öffentliche Druck wirkt:

– 2014 wurden zwei russische Demonstranten und der bekannte weissrussische Menschenrechtsaktivist Ales Bialiatski freigelassen.

– Der in einem unfairen Prozess – er soll angeblich Handys ­gestohlen haben – zum Tode verurteilte junge Nigerianer Moses Akatugba kam nach dem Briefmarathon frei: «Als ich keine Hoffnung mehr hatte, änderte sich meine Situation durch den Briefmarathon. Der Gouverneur begnadigte mich, und die Nachrichten, die ich bekam, überwältigten mich. Ich schöpfte neue Hoffnung.»

– Ende Dezember 2015 beschloss das griechische Parlament die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Im Briefmarathon 2015 hatte sich Amnesty International gegen Hassverbrechen an LGBTI und für ihre rechtliche Besserstellung eingesetzt.

– Ende Februar 2016 erklärte der Justizminister Burkina Fasos den Kampf gegen Zwangsheirat zur nationalen Priorität und kündigte konkrete Massnahmen an. So soll das Heiratsmindestalter auf 18 Jahre festgeschrieben und der Tatbestand der Zwangsverheiratung in Strafgesetz verankert werden.

– Am 23. Februar 2016 ist in den USA Alfred Woodfox nach 40 Jahren Isolationshaft endlich freigelassen worden. Auch für ihn hatte Amnesty International sich im Rahmen des Briefmarathons eingesetzt.

Die zwölf Porträts der Fälle des diesjeährigen Briefmarathons stammen vom renommierten chinesischen Künstler Ai Weiwei. Als Aktivist, der auch schon Konsequenzen dafür tragen musste, dass er sich mittels seiner Kunst unablässig für Gerechtigkeit einsetzt, hat Ai Weiwei viel mit den Menschen gemeinsam, für deren Rechte in diesem Jahr Briefe geschreiben werden.

In diesem Heft stellen wir Ihnen einige der Fälle aus dem diesjährigen Briefmarathon vor.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Stefan Neuner-Jehle
Facharzt für
Innere Medizin FMH
Schmidgasse 8
CH-6300 Zug
sneuner[at]bluewin.ch

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