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Nicholas Papachrysostomou, Einsatzleiter auf dem MSF-Rettungsschiff «Dignity I», erinnert sich an zwei dramatische Rettungen im Oktober 2016

Ein schwimmender Friedhof

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2016.01453
Veröffentlichung: 07.12.2016

Nicholas Papachrysostomou

Einsatzleiter auf dem MSF-Rettungsschiff Dignity I

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als wir am 
22. Oktober um kurz nach vier Uhr auf rauer See vor der Küste Libyens fuhren. Nach einem anstrengenden Vortag war die Dignity I schon fast voll besetzt. Wir wurden zur Rettung eines weiteren Gummiboots nicht weit von uns gerufen. Ohne zu wissen, was uns erwartete, erreichten wir schnell die Position von zwei nur noch halb mit Luft gefüllten Booten. Das Bild, dass sich uns bot, übertraf unsere schlimmsten Albträume: Auf den vollen Gummibooten waren Dutzende Menschen in Panik. Sie fühlten sich verloren in der Dunkelheit und der unermesslichen Weite des Meeres. Sie wollten nur noch gerettet werden und konnten weder abwarten, noch hörten sie auf uns.

Bevor wir entscheiden konnten, wie wir vorgehen wollten, sprangen die Ersten bereits ins Wasser. Sie schrien und griffen nach unseren aufblasbaren Rettungsbooten. Wir halfen ihnen an Bord, aber als die anderen das sahen, dachten sie, dass es ein sicherer Weg wäre, um gerettet zu werden. Innerhalb weniger Minuten waren vielen von ihnen im Wasser, und die Teams arbeiteten pausenlos daran, sie an Bord zu bringen. Viele waren bewusstlos, hatten Verätzungen oder waren kurz vor dem Ertrinken.

Währenddessen hatten wir das Boot an die Seite der ­Dignity I herangezogen und festgemacht. Und da erkannten wir erst das wahre Ausmass der Tragödie: In dem Boot schwammen neun Leichen. Wasser war eingetreten und Frauen und Kinder, die normalerweise in der Mitte sassen, waren niedergetrampelt worden und schliesslich in einem Gemisch aus Treibstoff und Wasser gestorben.

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Einsatzleiter Nicholas Papachrysostomou instruiert Menschen, die im Mittelmeer in einem Schlauchboot vor der Küste Libyens aufgefunden wurden. Das MSF-Team des Rettungsschiffes Dignity I wird sie zu sich an Bord nehmen. Foto: Sara Creta/MSF.

Nicht genug Platz

Meine Kollegen banden diesen «schwimmenden Friedhof» an die «Dignity I», damit die Körper später geborgen werden konnten. Am selben Tag retteten wir innerhalb von acht Stunden acht weitere Boote in Seenot. Weil wir nicht genug Platz an Bord hatten, wurden die Boote nur noch gesichert, Rettungswesten verteilt und die Schwächsten an Bord geholt. Während der letzten Rettungsaktion entdeckten wir aber ein Boot, das zu sehr beschädigt war. Ausnahmsweise holten wir daher alle Insassen an Bord. 668 Menschen befanden sich jetzt auf der «Dignity I», Alle mussten von Treibstoff gereinigt werden, etwas zu essen bekommen und am wichtigsten: Wir mussten sie über ihre verstorbenen Angehörigen informieren.

Für alle von uns war es sehr hart, mit dieser Situation umzugehen. Leider sind diese Bilder vom Mittelmeer so sehr zur Gewohnheit geworden, dass es schwierig ist, auf das Leiden der Menschen aufmerksam zu machen.

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Einsatzleiter Nicholas Papachrysostomou verabschiedet Menschen, die von der Dignity I von Bord gehen. 
Foto: Sara Creta/MSF.

Tote ohne Namen

Am 3. Oktober – ein weiterer trauriger Höhepunkt – waren wir zusammen mit einem irischen Kriegsschiff an einer Rettung beteiligt. Sie waren schon da, als wir ankamen und sahen, dass einige Menschen schon ­längere Zeit im Wasser waren. Einige hatten schon Treibstoff eingeatmet und eine Menge Salzwasser geschluckt. Sie waren kurz vor dem Ertrinken und unser Schiffskrankenhaus war deshalb in kürzester Zeit brechend voll. Eine 34-jährige schwangere Frau aus Nigeria konnte nicht wiederbelebt werden und starb.

Doch das war erst der Anfang: Während das medizinische Team Dutzende Patienten mit Verätzungen und anderen Problemen behandelte, fingen unsere Passagiere an, mir schwierige Fragen zu stellen. Eine Frau fragte mich, wo ihre Kinder seien, aber wir hatten keine Kinder mehr an Bord, die zu ihr gehören könnten. Später erzählten uns die Verantwortlichen des ­irischen Schiffes, dass während der chaotischen Rettung sechs Leichen nicht mehr von dem Boot geborgen werden konnten. Diese Menschen sind anonym gestorben. Sie wurden nicht registriert, weil ihre Körper im Meer davongetrieben sind.

Als ich der Mutter davon berichtete, brach sie vor mir zusammen. Sie hatte versucht, ihre zwei Kinder festzuhalten, aber das Boot brach auseinander. Sie fand sich im Wasser wieder, wo sie sie nicht mehr festhalten konnte. Sie hatte gehofft, dass sie irgendwo noch am Leben waren. Aber das waren sie leider nicht – ebenso wenig wie vier weitere Erwachsene.

Korrespondenzadresse

Lukas Nef
Communications Officer
Médecins Sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen (MSF)
Kanzleistrasse 126
CH-8004 Zürich
lukas.nef[at]geneva.msf.org

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