Editorial

Der Beruf erfordert Vielseitigkeit

Ein wenig Hausarzt? 
Geht gar nicht!

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2017.01605
Veröffentlichung: 26.07.2017

Stefan Neuner-Jehle

Mitglied der Redaktion, Chefredaktor

Ein wenig Hausarzt1, das funktioniert nicht. Viele unserer Patienten kommen ja nicht aus Zerstreuung zu uns (natürlich, es gibt Ausnahmen), sondern in der Not. Darauf braucht es eine engagierte Antwort.

Teilzeitarbeiter, Lebensabschnittspartner, Hobby­sportler, Freizeitgärtner, ein bisschen Lokalpolitiker und ein wenig von allem – es lebe die Optionengesellschaft. Jungärzte halten sich lieber kurzfristige Optionen offen und scheuen die Verantwortung der beruf­lichen Selbständigkeit. Altärzte driften in die Frühpensionierung, um ihr «Golden age» noch anderweitig zu geniessen als in der aufreibenden Sprechstunde. Der Wohlstand erlaubt so viele Variationen in einem Leben, und ja, ich gebe gerne zu, ein Leben so vielseitig zu verbringen, es so auszukosten, ist super.

Wenn wir selbst aber ein wenig alt und ein wenig Patient werden, wie sieht es dann aus? Möchten Sie ein wenig medizinisch oder pflegerisch betreut werden, wenn Sie mehr als nur ein wenig krank sind? Viele Menschen (vielleicht auch ein paar Roboter dazugemixt), die sich ein wenig um Sie kümmern? Die fraktionierte Medizin hat ihre Nachteile, und ein Wert der chronic care ist gerade, dass wir als Patienten über lange Zeit einen Vertrauten haben, der sich für unsere Gesundheit engagiert.

Wohlgemerkt, ich schreibe nicht gegen Kollegen, die sich – nebst ihren Familienpflichten – in Teilzeit als Ärzte engagieren. Die allermeisten von ihnen sind hochengagiert, und im Vergleich zu medizischen Arbeitstieren sozial kompetenter, vielleicht entspannter, glücklicher? Ein wenig Hausarzt zu sein meint, sich so nebenher mit der Grundversorgung von Patienten zu beschäftigen, und das geht gar nicht. Der Job braucht fachliche und menschliche Verbindlichkeit, in der Zeit, in der wir uns um Patienten kümmern. Der Job bedeutet voller Einsatz für den Nachwuchs, für ein Teaching am Patienten, damit wir die gute Grundversorgung für die Zukunft sichern. Der Job bedeutet, in der Öffentlichkeit zu sagen, was es braucht, um den Beruf attraktiv zu erhalten. Der Job bedeutet, diese Art von Medizin auch in der Forschung abzubilden, ihre Leistung wie ihre Problemzonen, um die Qualität der Betreuung zu verbessern und die Hausarztmedizin als eigenständige Disziplin weiterzuentwickeln. Ein Einsatz, der nur teilweise (ach ja, ein wenig) an den universitären Instituten geleistet werden kann: Hier braucht es vor allem den Beitrag aus den Praxen. Dort, wo Hausarztmedizin stattfindet.

Sie sehen: Die anfangs beschriebene Vielseitigkeit lässt sich auch auf den Hausarztberuf anwenden, und das Auskosten der ganzen beruflichen Bandbreite ist wirklich eine Bereicherung. Ich hoffe, Sie haben ein wenig Bestätigung dafür bekommen, dass Sie nicht nur ein wenig Hausarzt sind, sondern viel mehr. Die Patienten danken es Ihnen, nicht nur ein wenig!

1 Gleichbedeutend mit
der männlichen ist selbstverständlich die weibliche Form gemeint.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Stefan Neuner-Jehle
MPH, Institut für ­Hausarztmedizin
Pestalozzistrasse 24
CH-8091 Zürich
sneuner[at]bluewin.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close