Leserbriefe

Arbeitserleicherung? ­Antiproduktivität!

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2017.01658
Veröffentlichung: 25.10.2017

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Arbeitserleicherung? ­Antiproduktivität!

Leserbrief zu Briner V. Allein mit mehr Studienplätzen gegen Ärztemangel? Primary and Hospital Care. 2017;17(17):324–25.

In ihrem lesenswerten Text zur Hausarzt­medizin widmet sich Verena Briner unter anderem auch der Digitalisierung. «Die Digitalisierung wird eine Erleichterung bringen», lautet die optimistische Prognose der pensionierten Chefärztin. Meine Frage ist: Werde ich in den verbleibenden fünf Jahren meiner beruf­lichen Tätigkeit diese Erleichterung noch er­leben? Ich bezweifle es. Und die Spitalärzte? Auch sie werden sich noch etwas gedulden müssen. Für sie geht es offenbar weiterhin in die umgekehrte Richtung: Weg vom Patientenbett, ran an den Bildschirm. Nur gerade 90 Minuten arbeiten sie am Patienten, ein Viel­faches dieser Zeit müssen sie in administrativen Kram investieren [1]. Der Appetit, ja die Gier auf Daten ist bei den Verwaltungen, staatlichen Datensammlern und Kranken­kassen ungebremst. Und sie ergattern den begehrten «Stoff» heute viel leichter – gerade wegen der Digitalisierung. Jeder Sachbearbeiter kann heute ein dreiseitiges Formular entwerfen und dieses vom Arzt ausfüllen lassen, auf Papier oder am Bildschirm. Fragwürdige Erfindungen zur Arbeitsbeschaffung wie BESA, DRG oder TARPSY wären ohne Computertechnik gar nicht denkbar. Und wie sieht es in der Hausarztpraxis aus? Texte verfassen und im Internet recherchieren – das ist effizient und bequem geworden. Aber sonst? Der Aufwand für die Informatik ist nicht zu unterschätzen: Einscannen, sich für neue Anwendungen schulen, Computerpannen managen, Datensicherungen anlegen – das alles kostet Zeit. Aber auch die Hardware, die Software, und die Lizenzen kosten. Sie kosten Geld, und Geld bedeutet wiederum Zeit: Arbeitszeit. Der Theologe und Buchautor Ivan Illich hat in den 1970er Jahren dargelegt, wie erbärmlich die Effizienz der Fortbewegung mit einem Auto ist – wenn man eine Vollkostenrechnung macht. In der NZZ hat der Kolumnist Rolf Dobelli darauf Bezug genommen und die Kritik von Ivan Illich auf die schöne, neue Welt der digitalen Tools übertragen [2]. Sein Text hat die Überschrift: Antiproduktivität.

Dr. med. Felix Schürch, Zürich

Die Autoren des Artikels haben auf eine Replik verzichtet.

Literatur

1 Wenger N, Méan M, Castioni J, et al. Allocation of Internal Medicine Resident Time in a Swiss Hospital: A Time and Motion Study of Day and Evening Shifts. Ann Intern Med. 2017;166(8):579–86.

2 Dobelli R. Antiproduktivität heisst das neue Zauberwort. Neue Zürcher Zeitung vom 20. Mai 2017.

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