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Erfahrungen eines Allgemeinmediziners

Einflüsse und Konflikte fordern den Hausarzt

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2017.01670
Veröffentlichung: 21.11.2017
Prim Hosp Care (de). 2017;17(22):0

Alexander Minzer

Präsident Schweizerische Akademie für Psychosomatische und Psychosoziale Medizin

Hausärzte sind vielen Einflüssen ausgesetzt bei der Reintegration von psychisch angeschlagenen Arbeitnehmern. Und es drohen Konflikte. Ohne gute Zusammenarbeit mit den anderen Beteiligten geht es nicht.

Der Hausarzt ist bei der Reintegration von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit psychischen ­Erkrankungen und psychosozialen Problemen am ­Arbeitsplatz stark gefordert. Zum einen ist eine lang­dauernde und schwierige Arbeitsplatz-Reintegration für den Hausarzt unbefriedigend, weil sich Fortschritte nur langsam einstellen. Zusätzlich fallen viele und langdauernde Konsultationen an. Zum anderen ist eine zeitintensive Reintegration immer mit sehr viel administrativem Aufwand verbunden.

Hausarzt in einem Spannungsfeld

Der Arzt gerät mit seiner Rolle ins Spannungsfeld von Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Taggeldversicherung, IV, Krankenkasse und Juristerei. Und diese Rolle ist vielschichtig. Der Hausarzt ist «Anwalt» des Patienten, Vermittler, Sachverständiger, Bindeglied zu den Spezialisten und «Zeugnisaussteller». Gleichzeitig hat er in der Regel die Fallübersicht, ist häufig die erste Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Problemen, die körperliche Beschwerden als «Türöffner» für Krankschreibungen nutzen. Er ist im Gegensatz zu einem Psychiater auch weniger stigmatisierend.

Der Hausarzt ist somit sehr vielen Einflüssen, aber auch Konflikten ausgesetzt. Die gesetzlich vorgeschriebene Schweigepflicht zu wahren, ist nur eine Komponente. Vom Arbeitgeber wird dies häufig als Unwille zur Kommunikation verstanden, was einen eventuell schon bestehenden Konflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer verstärkt.

Gleichzeitig ist bei schwierigen Situationen am Arbeits-platz nach einer Rückkehr des Angestellten nicht selten mit einer Kündigung zu rechnen, was alle Reintegra­tionsbemühungen erschwert, wenn nicht verhindert.

Körperliche Probleme vorgeschoben

Mangelndes Wissen über den Arbeitsplatz des Patienten macht die medizinische Beurteilung schwierig. Gelegentlich ist in ländlichen Regionen der Hausarzt gar mit dem Inhaber des Unternehmens ­befreundet, was vom Arbeitnehmer allenfalls als nachteilig erlebt wird. Die einzige Möglichkeit für ihn, an seiner schwierigen Situation etwas zu ändern, ist oft die Krankschreibung aufgrund körperlicher Symptome, die vor das psychische Leiden geschoben werden.

Hintergrundwissen über familiäre oder andere Probleme, die den Heilungsverlauf verlängern, bringt den Behandler in weitere Konflikte. Das Zusammenführen der unterschiedlichen Therapeuten erfordert ein gutes Zusammenspiel und gute Vernetzung, vor allem mit dem behandelnden Psychiater oder Psychologen. Häufig bestehen noch körperliche Probleme, die vom Pa­tienten oft als wichtiger als die psychischen Probleme wahrgenommen werden.

Was der Hausarzt beachten sollte

Der Hausarzt sollte bei seinen Patienten grundsätzlich eine Arbeitsplatz-Anamnese erheben, das heisst, sich über die genaue Tätigkeit und Befindlichkeit erkundigen. Die Befindlichkeit sollte wiederholt erfragt werden. So sind Spannungen und Probleme früher erkennbar und allfällige Weichen lassen sich rechtzeitig stellen. Der Arzt kann den Betrieb beraten, wenn das der Patient möchte.

Untersuchungen oder Abklärungen, die vom Arbeit­geber gewünscht werden, müssen mit Einverständnis des Patienten auch vom Arbeitgeber bezahlt werden und nicht von der Krankenkasse. Hier sollte man darauf achten, dass der Hausarzt nicht in einen Loyalitätskonflikt mit dem Patienten gerät.

Runde Tische mit Einbezug von Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Sozial- und Taggeldversicherungen und behandelnden Ärzten sowie Psychologen sollten stattfinden und finanziert werden. Sie dienen der Kommunikation zwischen Hausarzt und Arbeitgeber und somit dem Patienten.

Allerdings: Jede noch so gut geplante und reglementierte Reintegration scheitert, wenn am Arbeitsplatz zwischenmenschliche Spannungen bestehen und diese nicht erkannt und angegangen werden.

Dieser Artikel wurde auch im Magazin «diagonal», Sonderdruck 2017, der Psychiatrie Baselland PBL publiziert. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der PBL.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Alexander Minzer
Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin, Psychosomatische und Psychosoziale Medizin SAPPM, Präsident ­Schweizerische Akademie für Psychosomatische und Psychosoziale Medizin
Breitenstrasse 15
CH-4852 Rothrist
Alexander.Minzer[at]hin.ch

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