Editorial

Herausforderung und Lösungs­ansätze

Der multimorbide Patient

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2018.01690
Veröffentlichung: 21.03.2018
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2018;18(06):93

Stefan Neuner-Jehle

Chefredaktor; Leiter Chronic Care, Institut für Hausarztmedizin Zürich; Hausarzt in Zug

Liebe Leserin, lieber Leser

Multimorbidität ist ein zunehmendes medizinisches Problem und eine Herausforderung für Gesundheitswesen und Gesellschaft. Dies hat die Schweizerische ­Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) aufgegriffen und Ende 2017 ein Symposium dazu organisiert. In diesem Schwerpunktheft beleuchtet Primary and Hospital Care nun das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln, sozusagen interprofessionell und zeigt die Sichtweisen eines Hausarztes, eines Geriaters und einer Pflegewissenschaftlerin.

Multimorbide Patienten werden immer häufiger: Mit medizintechnischem Fortschritt und Wohlstand steigt die Lebenserwartung. Ältere Menschen werden immer zahlreicher, und im Alter sammeln sich die Krankheiten an. Mit 70 Lebensjahren hat jeder fünfte Patient in der Hausarztpraxis und jeder zehnte in der Allgemeinbevölkerung drei oder mehr Erkrankungen; ab 80 dann fast jeder dritte Hausarztpatient bzw. jeder fünfte Bewohner [1]. Dabei bleibt die hohe Anzahl der Erkrankungen pro Patient/-in nicht das einzige Problem. Denken Sie an die vielen Interaktionen der Erkrankungen untereinander, die Konflikte bei ihrer Behandlung, die kaum mehr fassbare Komplexität.

Multimorbide Patient/innen sterben früher, vor allem, wenn sie wenig soziale Unterstützung erhalten. Auf Systemebene betrachtet, beanspruchen multimorbide Patient/-innen ambulante und stationäre Gesundheitseinrichtungen stärker als der Durchschnittspatient, werden häufiger hospitalisiert, sind polypharmaziert und teurer. Eine Herausforderung für unser Gesundheitssystem, das zwar als leistungsfähig gilt, aber international eines der teuersten ist. Der Ruf nach integrierten Versorgungsmodellen, die multimorbide Patient/-innen effizienter (und damit günstiger) betreuen können, wird laut.

Oft geht die Perspektive des Patienten selbst vergessen. Der typische multimorbide Patient ist weiblich, älter, wenig mobil bis gebrechlich, funktionell durch seine Krankheiten eingeschränkt und dauernd beschäftigt mit deren Behandlung. Er ist schmerzgeplagt, ­bedrückt, überfordert und vereinsamt. Für die Prak­tiker/-innen unter Ihnen eine schwierige, zeitraubende Patientin in Ihrer Sprechstunde. Trotzdem, oder gerade erst recht, verdient sie besondere Aufmerksamkeit, verdient eine «Betreuungsheimat» (medical home) im sonst fraktionierten Betreuungsangebot.

Können wir das mit unseren knappen zeitlichen und personellen Ressourcen leisten? Ja, wenn wir die Betreuung interprofessionell denken: Als Team, in dem eben nicht nur das rein medizinische oder pflegerische Know-how, sondern auch sozialer und organisatorischer Support entscheidend ist. Vergessen wir dabei nicht die Betreuer/-innen aus dem Familien- und Freundeskreis des Patienten, die besondere Unterstützung und Anerkennung verdienen. Dienstleister, Kostenträger und Politiker/-innen sind nun in der Pflicht, innovative interprofessionelle Betreuungsmodelle für multimorbide Patient/-innen zu entwickeln, auszu­testen und zu finanzieren! Die Zeit drängt, wollen wir eine Unterversorgung dieser besonders vulnerablen Patient/-innen vermeiden.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Stefan Neuner-Jehle
MPH, Institut für ­Hausarztmedizin
Pestalozzistrasse 24
CH-8091 Zürich
sneuner[at]bluewin.ch

Literatur

1 Daten aus der hausärztlichen FIRE-Datenbank (2017) und vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan (2013).

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