Reflexionen

Ein Schutzwall für Ärztinnen und Ärzte

Die Verdrängung

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2019.10082
Veröffentlichung: 04.09.2019
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2019;19(09):291-292

Anonym*

Beim dringend nötigem Aufräumen des Archivs in der Praxis habe ich zum wiederholten Male tausende von Artikeln, Notizen, Briefen und alte Folien und Slides meiner Präsentationen entsorgt. Ganz wenig habe ich behalten. Ich habe dabei festgestellt, dass ich nur ein paar Prozent der Papiere wiederholt zur Hand nahm. Ich pflegte ein chaotisches System der Einordnung, wo ich erstaunlicherweise das Nötige schnell fand.

Einige wenige Dokumente machten mich sehr nachdenklich. Einmal wollte ich nicht begreifen: Wie konnte ich so etwas vergessen? Da muss eine gewaltige Verdrängung des Unvorstellbaren mitgespielt haben! Ich entdeckte, verschüttet unter anderen Erinnerungen, etwas Schreckliches in Form eines in die Maschine getippten Berichtes, den ein unterdessen längst integrierter ­Patient* mir vor vielen Jahren anvertraute. Der erschütternde Ausschnitt lautet wie folgt:

«Wenn sie mich zum Foltern nahmen, stank es in ihren Mündern nach Alkohol (Sie nannten es ein “bisschen Streicheln”, das heisst foltern und schlagen). Meistens ­waren die Primarschulgebäude ihr Lagerplatz. Am ersten Tag hatten sie ein Stück Holz von fünf bis sieben Kilo an meinen Penis gehängt, und das vor den Augen meines Vaters. Dabei sass jemand von diesen Mördern auf meinem Rücken. Diese ehrenlosen Menschen sagten: “Was für ­einen schönen Arsch hast Du”, und lachten dabei. Sie hatten vor sich den Sohn eines weinenden Vaters. An einem andern Tag schlugen sie mit den Gewehren auf meine ­Füsse. Danach musste ich im Wasser laufen, damit keine Spuren blieben. Oder sie streuten Salz auf meine Wunden und liessen Tiere daran lecken … Es ist unmöglich, alle die unzähligen verschiedenen Methoden zu erzählen.»

Die Verdrängung schützt uns Ärztinnen und Ärzte wie alle anderen Menschen auch. Die stete Erinnerung an das Leiden und die Qualen der Menschen würden einen umbringen. In dem vorliegenden Fall beschäftigte es mich sehr, dass ich, obwohl ich noch eine diffuse Erinnerung hatte, gerade den furchtbaren Kern des Berichtes «vergessen» hatte. Mein Umgang mit dem intelligenten und sympathischen Patienten, der damals (kein Wunder!) jahrelang unter heftigen, oft ungeklärten Schmerzen litt, hat zwar nicht darunter gelitten und war immer warm und respektvoll. Er hat es mir mit grosser Treue und Zuwendung gedankt. Er konnte in einem qualifizierten Job eine Arbeit und zusammen mit seiner Partnerin ein neues Leben finden.

Ich denke immer wieder an die vielen erniedrigten und misshandelten Menschen, wie sie uns Ärztinnen und Ärzten gegenüber sitzen, und ich wünsche mir so sehr, dass wir ihnen ein kleines Stück Sicherheit, Zutrauen, Wärme und Trost schenken können. Es ist das Einzige, was wir in der Sprechstunde anzubieten haben. Wenn wir uns immer wieder bewusst sind, welch zentnerschwere Last die Folteropfer herumschleppen, verstehen wir manche Symptome und ihre Klagen besser. Es ist unsere noble Pflicht, ihnen einen winzigen Teil ihrer Last abzunehmen respektive mit zu tragen.

* Aus Sicherheitsgründen wird sein Herkunftsland nicht genannt. Patient und Arzt bleiben anonym. Es geht um das Exemplarische, das uns alle betreffen kann.

Credits

ID 28547413 © Firina | Dreamstime.com

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