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Mehr junge Hausärzt/-innen für eine hochstehende Grundversorgung – auch in Zukunft!

JHaS-Positionspapier Aus- und Weiterbildung in Hausarztmedizin

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2019.10143
Veröffentlichung: 02.10.2019
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2019;19(10):

Regula Kronenberga, Luzia Gislerb, Insa Konéb

a Präsidentin JHaS; b Mitglieder JHaS

Was braucht es in der Aus- und Weiterbildung, damit aus Studierenden motivierte und kompetente Hausärztinnen und -ärzte werden? Welche Schwierigkeiten be­stehen, und wie können diese minimiert werden? Wie kann der Weg zur Haus­ärztin oder zum Hausarzt so attraktiv gestaltet werden, dass das Ziel nicht auf­gegeben wird?

Die Jungen Hausärztinnen und -ärzte Schweiz (JHaS) befassen sich seit jeher mit diesen Fragen und setzen sich dafür ein, dass die Aus- und Weiterbildung junger und angehender Hausärztinnen und -ärzte permanent verbessert wird. Die 2016 gegründete Gruppe «Think Thank Politics» befasste sich intensiv mit diesem Thema und hat die wichtigsten Standpunkte und Forderungen in einem Positionspapier zusammengefasst und publiziert dieses erstmals im Primary and Hospital Care. Dieses Positionspapier ergänzt das Grundsatz­papier «Unsere Vision der Hausarztmedizin 2030» (www.jhas.ch).

Unsere Kernanliegen

JHaS-Positionspapier

Ausbildung

1. Kontakt mit der Hausarztmedizin ab dem 1. Stu­dienjahr. Hausarztpraktika sollen an allen medizinischen Fakultäten ab dem 1. Studienjahr fixer Bestandteil des Studiums sein. Dies gibt Einblick in die Arbeit der hausärztlichen Grundversorgung, schafft persönliche Beziehungen und Vorbilder und fördert eine Identifizierung der Auszubildenden mit dem Beruf der Hausärztin*.

2. Förderung von Lehrärztinnen. Motivierende, enga­gierte und begeisterte Lehrärztinnen sollten durch die Institute für Hausarztmedizin auf ihre Aufgabe vorbereitet, angemessen entschädigt und langfristig bei der Ausbildung der Studierenden in Ihrer Praxis unterstützt werden.

Weiterbildung

3. Förderung von Praxisassistenzen. Frühe Praxis­assistenzen sollen bereits zu Beginn der Weiterbildung gefördert werden. Dadurch wird einerseits früh der Grundstein für den Berufswunsch Hausärztin gelegt und andererseits erkennt die Assistenzärztin früh, welche Fähigkeiten sie sich in ihrer Weiterbildung erwerben muss und kann die Stellen entsprechend planen.

4. Ausbau von Rotationsstellen in Spezialdisziplinen. Befristete Stellen für angehende Hausärztinnen in Spezialdisziplinen sollen mithilfe von Hausarztinstituten schweizweit strukturiert gefördert werden. Dazu braucht es adäquate finanzielle Ressourcen. Restriktive Aufnahmebedingungen wie ein 100%-Pensum, anschliessende Tätigkeit in ­einer bestimmten Region etc. sollten vermieden werden.

5. Weiterbildungsqualität; zurück ans Patientenbett, weg vom PC. Es braucht eine motivierte, hochstehende Teaching-Kultur; personelle und finanzielle Ressourcen müssen vermehrt in die Begleitung von Assistenzärztinnen bei praktischen Fertigkeiten (wie beispielsweise Anamnese, Untersuchen, Punktieren, Schienen, Gipsen) investiert werden. Ärztinnen sollen durch neue Technologien und andere ­Berufsgruppen von organisatorischen und bürokratischen Aufgaben entlastet werden.

6. Verringerung der Zusatzkurse und -zertifikate. Die Weiterbildungszeit soll nicht verlängert und durch zunehmende obligatorische zeit- und kostenintensive Zusatzkurse und -zertifikate verteuert werden. Die gefragten praktischen Fähigkeiten sollen vielmehr im direkten Teaching während der Weiterbildungszeit erlernt werden können.

7. Einfacherer Zugang zu A-Kliniken. Lehrärztinnen und Institute für Hausarztmedizin sollen vermehrt mit A-Kliniken zusammenarbeiten. Es braucht kombinierte Weiterbildungsangebote und Teilzeitstellen, damit sowohl Eltern mit internistischem Hintergrund wie auch Quereinsteigerinnen mit Erfahrung in spezialisierten Fachgebieten einfacher zum «A-Jahr» in Innerer Medizin kommen. Damit könnte ein grosses menschliches Potenzial, das ­aktuell noch brachliegt, ausgeschöpft werden.

8. Obligatorische Praxisassistenz für alle. Wir erachten es als unabdingbar, dass Assistenzärztinnen Einblick in die Abläufe sowie die diagnostischen und therapeutischen Besonderheiten der Hausarztmedizin erhalten. Entsprechende Kenntnisse sind auch für eine spätere Tätigkeit im Spital von substantiellem Nutzen, sodass eine Praxis­assistenz ein Pflichtbestandteil der Facharztaus­bildung sein soll.

Arbeitszeit und -organisation

9. Flexible Teilzeitarbeit. In Spitälern sollen 50%-Pensen ermöglicht werden, unabhängig davon, ob man selbst die andere 50%-Partnerin mitbringt. Auch Pensen zwischen 50- und 100% sollen möglich sein.

10. Behandlungskontinuität mit Teilzeitpensen durch Neuorganisation von Praxen und Notfalldiensten. In der Praxis, insbesondere in ländlichen Gebieten, müssen die Praxisformen und die Regelung der Notfalldienste an zeitgemässe Bedingungen angepasst werden. Durch gut organisierte Teilzeitarbeit und Vertretungsregelungen kann eine kontinuierliche und langfristige Grundversorgung durch qualifizierte Hausärztinnen sichergestellt werden.

Praxiseröffnung/ -übernahme

11. Verringerung der Hürden auf dem Weg zur eigenen Praxis. Bei einer Praxisübernahme sollen die rechtlichen Hürden und die finanzielle Belastung reduziert werden. Es braucht Konzepte, die eine Praxisübernahme mit wenig Eigenkapital und überschaubarem bürokratischem Aufwand und finanziellem Risiko möglich machen. Nicht-Profit-orientierte Institutionen könnten bei der Praxisübernahme mit unternehmerischem Know-how unterstützen.

12. Weiterbildung in Softskills für Praxisführung. Es sollte niederschwellig Angebote geben, um sich die notwendigen unternehmerischen Fähigkeiten für die Praxisübernahme (Personalführung, Buchhaltung etc.) im gewünschten Umfang während der Weiterbildungszeit aneignen zu können.

Forschung

13. Qualitativ hochstehende hausärztliche Forschung. Forschung in der Grundversorgung folgt eigenen Regeln. Sie ist von Individuen geprägt und muss dabei den Menschen in seiner Komplexität inklusive der sozialen und psychologischen Dimensionen berücksichtigen. Die hausärztliche Forschung muss äquivalent zu den anderen Fachgebieten institu­tionell, finanziell und personell von der Universität unterstützt werden. Praxiserfahrene Hausärztinnen sollen in die Arbeit der Institute und Lehrstühle für Hausarztmedizin miteinbezogen werden. Der Zugang zu hausärztlicher Forschung muss in der Weiterbildung mit entsprechenden Karrieremöglichkeiten gefördert werden.

Kommentar von Philippe Luchsinger, Präsident mfe

Forderungen? ­Wunschliste?

Eigentlich sind diese Punkte, die im von den JHaS erarbeiteten und hier publizierten Positionspapier zur Aus- und Weiterbildung in der Hausarzt­medizin aufgeführt sind, keine Forderungen, ­eigentlich sollten sie selbstverständlich sein. Und doch: Seit Jahrzehnten sind wir dran, beackern das Feld, suchen Möglichkeiten, erhoffen und erkämpfen uns Unterstützung. Sicher trägt das Engagement der letzten 30 Jahre Früchte, Vieles ist heute wirklich besser, aber uns locker zurücklehnen können wir noch lange nicht. Und da hilft uns dieses Positionspapier: Die JHaS, am nächsten beim Geschehen, direkt betroffen, sagen uns, wie sie sich Aus- und Weiterbildung, und noch mehr, vorstellen. Alle diese Punkte können wir von mfe sehr gut unterstützen. Wir sind nur etwas neidisch: Das hätten wir doch auch gerne gehabt!

* In der Folge wird jeweils ausschliesslich die weibliche Form verwendet, wobei die männliche jeweils darin miteingeschlossen ist.

Redaktionelle
Verantwortung:
Manuel Schaub, JHaS

Credits

Kopfbild: © Daniel Hurst | Dreamstime.com

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