Lehre

Immersionsmodul Gemeinschaftsgesundheit («Immersion communautaire» – IMCO) – Medizinstudierende in der Feldforschung

Vier Wochen lang betreiben Medizinstudierende im dritten Jahr an der Universität Lausanne Feldforschung zu einem Thema ihrer Wahl. Ziel des Moduls ist, den angehenden Ärztinnen und Ärzten die nicht biomedizinischen Aspekte der Gesundheit, der Krankheit und der medizinischen Praxis näherzubringen: Lebensstil, psychosoziale und kulturelle Faktoren, Umwelt, politische Entscheidungen, wirtschaftliche Zwänge, ethische Fragen usw. In Gruppen zu fünf Personen beginnen die Studierenden mit der Festlegung eines interessanten Forschungsthemas und der Durchsicht der wissenschaftlichen Literatur dazu. Durch ihre Recherchearbeit kommen sie in Kontakt mit dem Netz der ­Akteure der betreffenden Community, Fachpersonen oder Patientenorganisationen, deren Rollen und jeweiligen Einfluss sie untersuchen. Jede Gruppe wird von einem Tutor betreut, der an der Biologischen und Medizinischen Fakultät der Universität Lausanne lehrt. Am Ende des Moduls präsentieren die Studierenden die wichtigsten Ergebnisse ihrer Arbeiten bei einem zweitägigen Kongress. Seit einigen Jahren haben sechs Studentengruppen die Möglichkeit, ihre Arbeit im Rahmen eines interprofessionellen Immersionsprojekts zur Gemeinschaftsgesundheit im Ausland durchzuführen, das in Zusammenarbeit mit der Haute École de la Santé La Source veranstaltet wird. Durch das Projekt können die Studierenden eine Problemstellung der Gemeinschaftsgesundheit im Ausland (Indien und China) aus der Perspektive der Medizin und der Pflege untersuchen. Dazu werden Gruppen aus zwei Medizinstudierenden und zwei Studierenden in Pflegestudiengängen gebildet, die aus den von unseren akademischen Partnern im Ausland vorgeschlagenen Themenbereichen ein Thema wählen. Aus den Arbeiten werden vier zur Veröffentlichung in Primary and Hospital Care ausgewählt.

Immersionsmodul Gemeinschaftsgesundheit der Biologischen und Medizinischen Fakultät der UNIL unter der Leitung von Prof. Jean-Bernard Daeppen (Verantwortlicher), Dr. Jacques Gaume (Koordinator), Prof. Patrick Bodenmann, Prof. Thierry Buclin, Dr. Aude Fauvel, Frau Sophie Paroz, Dr. Daniel Widmer und Prof. Madeleine Baumann (HEdS La Source)

Ein Thema, bei dem ein Mangel an spezifischen Daten herrscht

Betreuung männlicher Opfer von häuslicher Gewalt

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2020.10204
Veröffentlichung: 03.06.2020
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(06):194-195

Fannie Kneuss, Oliver Krajewski, Nina Muhaxheri, Melanie Rochat, Zoé Tavernier

Studierende im dritten Bachelor-Jahr an der Biologischen und Medizinischen Fakultät der Universität Lausanne

Einleitung

Häusliche Gewalt – sei sie körperlich, verbal, psychisch, sexuell oder wirtschaftlich – ist ein Problem, bei dem die Opferrolle oftmals mit Frauen assoziiert wird. Dennoch waren im Jahr 2017 in der Schweiz 22% der Opfer Männer [1].

Die Lücken in der Fachliteratur und den Mangel an ­spezifischen Daten zu diesem Thema haben wir zum Anlass genommen, die Möglichkeiten zu untersuchen, die zur Betreuung männlicher Opfer von häuslicher Gewalt verfügbar sind, sowie ihre allfälligen Einschränkungen.

Methode

Grundlage unserer Studie sind elf teilstrukturierte Interviews, die wir nach ­einer Recherche in Fachartikeln und offiziellen Broschüren zusammenstellten. Wir sprachen dazu mit Vertreter/-innen von Einrichtungen und Organisationen, die an der Betreuung der Opfer von häuslicher Gewalt im Kanton Waadt beteiligt sind, etwa von der Stiftung Malley-Prairie, dem Centre LAVI, der Kantonspolizei, der Unité de médecine des violences (UMV/CHUV), dem Zentrum für psychiatrische Beratung «Les Boréales» (CHUV), dem Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (BGFM), dem Genfer Verein Pharos, sowie mit einer Soziologin, einem Psychologen und einer Staatsanwältin.

Ergebnisse

Jedes Opfer von häuslicher Gewalt kann sich an mehrere in einem Netzwerk organisierte Stellen wenden (Abb. 1), um eine komplette Betreuung durch eine individuelle Neuorientierung zu erhalten. Koordiniert wird das Netzwerk zur Gewaltbekämpfung und -prävention vom BGFM, das 2018 eine Broschüre heraus­gegeben hat, die sich speziell mit männlichen Gewaltopfern beschäftigt.

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Abbildung 1: Übersicht über das verfügbare Betreuungsnetz.

Aufgabe der Polizei ist es, die Aussagen für die Staatsanwaltschaft entgegenzunehmen, damit das Straf­verfolgungsverfahren eingeleitet werden kann [2]; in 20 bis 30% dieser Rechtsfälle handelt es sich um männliche Opfer [3]. Dass der Anteil bei den übrigen Organisationen des Netzerks geringer ist, könnte darauf ­hindeuten, dass sich Männer nur zögerlich an die verfügbaren Unterstützungsinstanzen wenden, vor allem weil sie laut einer Studie der UMV eine Stigmatisierung fürchten [4]. Das Centre LAVI, dem die Polizei Informationen über den Fall übermittelt, stützt sich auf das Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von Straftaten und bietet den Opfern juristische, finanzielle und psychologische Hilfe [5].

Die Notfallabteilungen der Spitäler sind angewiesen, die Betroffenen an die UMV zu überweisen, wo 12,5% der ­Opfer von häuslicher Gewalt Männer sind [4]. Dass dieser Anteil über jenem liegt, den andere Instanzen angeben (eher zwischen 5 und 10%), ist möglicherweise dadurch erklärbar, dass die medizinisch-juristische Konsultation geschlechtsunspezifisch und neutraler ist. Das Zentrum Malley-Prairie bietet seit dem Frühjahr 2018 Sprechstunden für Männer an (allerdings ohne die Möglichkeit einer Unterbringung) und verzeichnet lediglich eine geringe Zahl an Interessierten.

Das auf Misshandlung in der Familie spezialisierte Zentrum für psychiatrische Beratung «Les Boréales» (CHUV) bietet psychologische Unterstützung und paarspezifische Therapien an. Auch eine systemische Therapie in einer Privatpraxis kann dazu beitragen, die Kommunikation zwischen den Partnern zu verbessern. Auffallend ist, dass ungeachtet des bestehenden Bedarfs keine Selbsthilfegruppe speziell für Männer existiert.

Aus unserer Untersuchung geht zudem hervor, dass die Betreuung der Opfer von häuslicher Gewalt geschlechtsunspezifisch erfolgt, sowohl im Hinblick auf die Ausbildung als auch auf die Intervention der Netzwerkorganisationen. Trotzdem machen Männer wenig Gebrauch vom Netzwerk und nutzen lieber ihre persönlichen Ressourcen.

Diskussion

Wir konnten feststellen, dass sich die Betreuung männlicher Opfer nur wenig von jener unterscheidet, die Frauen angeboten wird, dass Männer aber die verfügbaren Ressourcen weniger in Anspruch nehmen. Ein mögliches Hindernis dafür, dass Männer auf Hilfsangebote zurückgreifen, ist die Stigmatisierung im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Stereotyp des «dominanten», «starken» Geschlechts. Wichtig wäre darum, die Fachleute in ihrer Haltung gegenüber männlichen Gewaltopfern zu sensibilisieren und die Bevölkerung verstärkt zu informieren, um die für die Betroffenen entscheidende Unterstützung der Angehörigen zu fördern.

Danksagung

Wir danken unserer Tutorin, Dr. Claudia Mazzocato, für ihre ­Unterstützung sowie allen an dieser Arbeit Beteiligten.

Credits

Kopfbild: Randy DuBurke

Korrespondenzadresse

Jacques Gaume
Responsable de recherche
Privat-docent 
Service de médecine des addictions
Département de psychiatrie
Rue du Bugnon 23A
CH-1011 Lausanne
Jacques.Gaume[at]chuv.ch

Literatur

1 Bundesamt für Statistik [online]. Häusliche Gewalt [aufgerufen am 2. August 2019]. Verfügbar unter: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kriminalitaet-strafrecht/polizei/haeusliche-gewalt.html

2 LOVD, du 26 septembre 2017. Etat de Vaud [En ligne]. Disponible: https://www.vd.ch/fileadmin/user_upload/organisation/dec/befh/PUBLICATIONS_-_REFONTE/violence_domestique/LOVD_futur.pdf 

3 Entretien avec Mme Hélène Rappaz, procureure du Ministère public central division affaires spéciales, 27 juin 2018. 

4 Romain-Glassey N, De Puy J, Abt M. Les hommes victimes de violence de couple. REISO Revue d’information Social et Santé [En ligne]. 12 mai 2016 [cité le 3 août 2019]. Disponible: https://www.reiso.org/articles/themes/genre/439-les-hommes-victimes-de-­violence-de-couple 

5 Opferhilfegesetz (OHG) vom 23. März 2007 (Stand am 1. Januar 2019) (RS 312.5). Schweizerische Eidgenossenschaft [online]. [aufgerufen am 3. August 2019]. Verfügbar unter: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20041159/index.html

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