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Interview mit Sébastien Jotterand, dem neuen Vorstandsmitglied von mfe

«Interprofessionalität bereichert unseren Alltag!»

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2020.10216
Veröffentlichung: 04.03.2020
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(03):85-86

Sandra Hügli-Jost

Kommunikationsbeauftragte mfe, Haus- und Kinderärzte Schweiz

An der Delegiertenversammlung im November 2019 wurde Sébastien Jotterand neu in den Vorstand von mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz gewählt. Er übernimmt das Ressort «Interprofessionalität».

Herr Jotterand, Standespolitik ist für Sie ja kein neues Thema. Wie und wo haben Sie sich bisher engagiert und wo nehmen Sie die Motivation für dieses Engagement her?

Während meiner Studienzeit in Genf habe ich mich für bezahlbares Wohnen und Radwege eingesetzt. Bei der Gründung von mfe im Rahmen des WONCA-Kongresses 2009 in Basel hat mir das Vorstandsteam sofort gefallen. Im Jahr 2012 wurde ich Mitglied des Vorstands von MF Vaud, zwischen 2014 und 2020 war ich Präsident dieser Gesellschaft. Ich engagiere mich vor allem deshalb, weil ich unsere Arbeitsbedingungen verbessern will und erreichen möchte, dass unsere Arbeit uns Zufriedenheit verschafft. Die Hausarztmedizin ist es wert!

Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit für mfe und wo möchten Sie künftig wichtige Akzente setzen?

Es ist stets wichtig, sich für Interprofessionalität ein­zusetzen, sie bereichert unseren Alltag! Man muss ­allerdings auch achtsam gegenüber den Versuchen mancher Berufsgruppen sein (Apotheker/-innen, spezialisierte Pflegefachpersonen), unter dem Vorwand, wir seien überlastet, nach einer kurzen Schulung unsere Tätigkeiten ausüben zu wollen. Offenheit, doch nicht um jeden Preis; denn der Respekt den anderen (und ­ihrer Ausbildung) gegenüber bleibt die wichtigste Eigen­schaft in der interprofessionellen Praxis.

Die Zukunft der Grundversorger – wo müssen wir Schwerpunkte setzen, um uns für die Herausforderungen von morgen vorzubereiten?

Vor allem gilt es, das Nachwuchsproblem zu lösen. Wir müssen uns aber auch dagegen wehren, dass unsere Tarife im Vergleich zu anderen Fachgebieten abge­wertet werden, dürfen uns gleichzeitig aber nicht beschweren, da wir den schönsten aller Berufe ausüben. Das müssen wir den Studierenden und den Assistenzärztinnen und -ärzten, die bei uns ein Praktikum absolvieren, übermitteln.

Sie übernehmen das Ressort «Interprofessionalität». Was reizt Sie an dieser Aufgabe besonders?

Als ich als junger Arzt in einer Palliativklinik tätig war, habe ich verstanden, dass ich es allein nicht schaffen kann. Die Betreuung von Palliativpatientinnen und -patienten ohne die Unterstützung anderer Pflegender wäre zu schwierig, zu komplex. Wie erleichternd und erfreulich ist es dagegen, Teil eines Teams zu sein, das nicht davor zurückscheut, sich gemeinsam der Komplexität eines Falles zu stellen: «Complicity in complexity», so könnte man ausdrücken, wonach ich strebe. Und das lässt sich umso einfacher erreichen, als die ­allermeisten Menschen, die interprofessionell arbeiten möchten, sehr sympathisch sind!

Wo sehen Sie die Rolle der Haus- und Kinderärztinnen und -ärzte in der Interprofessionalität?

Wie erwähnt, müssen wir versuchen, offen zu sein. Wichtig dabei ist, dass man in einem Team arbeitet, das man schätzt. Unsere Rolle ist, den Standpunkt der Patientinnen und Patienten zu vertreten, indem wir sie stets dabei unterstützen, den zu erwartenden Nutzen eines medizinischen Verfahrens und die potenziellen Nachteile und Risiken abzuwägen. Dieser kritische Prozess ist nicht das Vorrecht der Ärztinnen und Ärzte, wir sind jedoch in der besten Position dafür.

Hausarzt aus Leidenschaft und Überzeugung? Warum soll eine Medizinstudentin oder ein ­Medizinstudent sich heute für diesen Beruf ­entscheiden?

Man fängt aus Leidenschaft an, motiviert durch eine Person, eine Situation. Man weiss es nicht genau. Dann macht man aus Überzeugung weiter, überzeugt davon, dass die Hausarztmedizin das schönste Fachgebiet ist, da wir dabei den Patientinnen und Patienten am nächsten sein können, unabhängig davon, welche ­Probleme sie haben.

Work-Life-Balance ist auch für Haus- und Kinderärzte von grosser Bedeutung. Wo und wie finden Sie Entspannung und Erholung?

Die Natur ist eine unerschöpfliche Quelle der Erholung. Ein Wochenende mit der Familie in Florenz gibt mir neue Motivation für die Saison. Wenn es mir im Alltag zeitlich möglich ist, höre ich Jim Morrison oder Jimi Hendrix, das gibt mir wieder Kraft!

Zur Person

Sébastien Jotterand erwirbt 1990 das Arzt­diplom, 1994 das Facharztdiplom für Tropenmedizin und 2002 ein Diplom im Fach «Éducation thérapeutique». Seit 1999 ist er als Hausarzt in Aubonne ­tätig, ausserdem arbeitet er im Pflegeheim. Im Jahr 2020 wird er sich einer Gruppen­praxis anschliessen. Er nimmt in seiner Praxis Studierende der Medizin und Assistenzärztinnen und -ärzte auf, und unterrichtet Medizinische Praxisassistentinnen im Rahmen ihrer Ausbildung zu ­Medizinischen Praxiskoordinatorinnen am «Espace Compétence» in Cully. Zudem ist er Qualitätszirkel-Moderator und Mitglied der Plattform Interprofessionalität in Bern.

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Redaktionelle ­Verantwortung:
Sandra Hügli, mfe

Credits

Kopfbild: © Photographerlondon | Dreamstime.com

Korrespondenzadresse

Sandra Hügli-Jost
Kommunikationsbeauftragte
mfe Haus- und ­Kinderärzte Schweiz
Geschäftsstelle
Effingerstrasse 2
CH-3011 Bern
Sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch

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