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Obsan-Bericht 2019: Ärztinnen und Ärzte in der Grundversorgung – Situation in der Schweiz und im internationalen Vergleich

Wie steht’s um die medizinische Grundversorgung?

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2020.10219
Veröffentlichung: 04.03.2020
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(03):89-91

Lea Muntwyler

Mitarbeiterin Kommunikation/ Marketing SGAIM

Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium Obsan vergleicht seit 2012 die ­Situation von Ärztinnen und Ärzten der Grundversorgung in der Schweiz mit anderen Ländern. Der neue Obsan-Bericht, der im Rahmen der IHP-Befragungen der amerikanischen Stiftung Commonwealth Fund entstanden ist, zeigt auf, wo bei den Schweizer Ärztinnen und Ärzten der Schuh drückt – und wo sie einzigartig sind. Lesen Sie hier mehr dazu.

Sind Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz gestresster als ihre Kolleginnen und Kollegen im Ausland? Wie steht es um den Nachwuchs? Und welche Beschwerden untersuchen Ärzte und Ärztinnen der Grundversorgung in der Schweiz besonders häufig im internationalen Vergleich? Diese Fragen werden im ­aktuellen Obsan-Bericht beantwortet.

Versorgungsengpass zeichnet sich ab

Der Bericht bestätigt den Ärzte- bzw. Nachwuchsmangel in der Grundversorgung: «Mehr als ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte ist über 60 Jahre alt und fast ein Fünftel der noch arbeitenden Ärztinnen und Ärzte befindet sich bereits im Pensionsalter (von 64+ Jahren)», heisst es in der Zusammenfassung des Berichts (Pahud 2019: S. 4), der im Dezember 2019 veröffentlicht wurde [1]. ­Damit ist der Anteil der Ärztinnen und Ärzte, die 55 Jahre alt oder älter sind, in der Schweiz am dritthöchsten unter den Ländern Australien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Kanada, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Schweden und den USA. Ausserdem arbeiten «[i]n keinem der anderen befragten Länder […] so viele 65+-jährige Männer (15,4%) wie in der Schweiz» (ebd. S. 12). Der Ärztemangel ist auch dem seit 2015 un­verändert kleinem Nachwuchsanteil geschuldet. Eine Entschärfung der Problematik sei deshalb nicht zu erwarten, so der Autor des aktuellen Obsan-Berichts.

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Detailierte Alterspyramiden der Ärztinnen und Ärzte in der Grundversorgung, Schweiz, 2015 und 2019.
Quelle: Commonwealth Fund – International Health Policy Survey 2015 und 2019.
Notiz: Werte in Klammern sind aufgrund der kleinen Fallzahlen (n <30) mit Vorsicht zu interpretieren. Anteile basierend auf weniger als 10 Prozent werden aufgrund der hohen statistischen Unsicherheit nicht angegeben und durch einen Punkt ersetzt.

Physician-Well Being: Schweizer Ärztinnen und Ärzte gestresst

Aktuelle Studien und ein wachsendes Bedürfnis in der Ärzteschaft belegen die zunehmende Problematik des Ärztlichen Wohlbefindens oder «Physician-Well Being». So zeigt auch der Obsan-Bericht, dass bezüglich des erlebten Stresses der Ärzteschaft national und ­international Handlungsbedarf besteht: Der Anteil der äusserst oder sehr gestressten Ärztinnen und Ärzte in allen befragten Ländern nehme zu. «Obwohl die Schweiz im internationalen Vergleich den drittbesten Rang belegt, macht diese besonders vulnerable Gruppe in der Schweiz trotzdem über ein Drittel der Ärzte und Ärztinnen in der Grundversorgung aus», heisst es im Bericht (ebd. S. 29).

60,7% der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz sehen im durch administrative Arbeiten verursachten Zeitaufwand ein grosses Problem. Darunter sind Arbeiten im Zusammenhang mit Versicherungen oder der Abrechnung, mit der Zusammenstellung von Daten für (z.B.) Krankenkassen sowie mit der Koordination mit den Sozialdiensten zu verstehen.

Auch der benötigte Zeitaufwand für das Zusammenstellen klinischer Daten oder von Daten zur Behandlungsqualität für staatliche Stellen oder andere Organisationen (z.B. Krankenkassen) stellt für 42,0% der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz ein grosses Pro­blem dar (ebd. S. 30). Insgesamt hat der Anteil der ­Ärztinnen und Ärzte, für die der durch administrative Aufgaben verursachte Zeitaufwand ein grosses Pro­blem darstellt, seit 2015 zugenommen.

Obsan Bericht 15/2019

Der Obsan Bericht 15/2019 untersuchte nicht nur die Eigenschaften der Ärzteschaft und der Arztpraxen in der Grundversorgung, deren Meinungen zum Gesundheitssystem und Gründe für die Zufriedenheit mit der Praxistätigkeit, sondern auch den Zugang zu Gesundheitsleistungen, Behandlungs- und Sozialkompetenzen, die Koordination mit anderen Leistungserbringern im Gesundheitssystem sowie den Einsatz von eHealth-Instrumenten.

Goldmedaille in der Zufriedenheit

Die Zunahme des Stress-Empfindens der Ärzteschaft trübt das sonst positive Bild der Zufriedenheit von ­Ärztinnen und Ärzten in der Grundversorgung mit ver­schiedenen Aspekten ihrer Tätigkeit. Im Rahmen des Obsan-Berichts wurden sie zum Niveau ihrer Zufriedenheit befragt (z.B. Lohn oder Arbeitspensum). Hier zeigt sich: «Über zwei Drittel (69,3%) der Ärzte und ­Ärztinnen in der Schweiz weisen ein sehr hohes Niveau (äusserst zufrieden oder sehr zufrieden) der allgemeinen Zufriedenheit mit der eigenen ärztlichen Tätigkeit aus, was im internationalen Vergleich dem ersten Rang vor Australien (61,6%) und Norwegen (60,3%) entspricht» (ebd. S. 26).

Ebenfalls zufrieden ist die Ärzteschaft in der Schweiz mit der Aus- und Weiterbildung, wie der Bericht verdeutlicht. Tatsächlich hat die Zufriedenheit in diesem Bereich über die letzten Jahre zugenommen: 2012 lag der Anteil von zufriedenen und sehr zufriedenen ­Ärztinnen und Ärzten mit der Qualität der Aus- und Weiterbildung bei 92,8%. 2019 stieg diese Zahl auf rekordhohe 96% (ebd. S. 26).

Der Run auf die Qualitätszirkel

Der Obsan-Bericht 2019 zeigt aber auch, dass «Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz [im internationalen Vergleich] seltener Daten bezüglich ihrer Patientinnen und Patienten zwecks Qualitätssicherung [empfangen und nutzen]» (ebd. S. 4). Sie landen im internationalen Vergleich auf dem zweitletzten Rang, was die Indikatoren Empfang und Nutzung von klinischen Ergebnissen, Befragungen zur Zufriedenheit und zu den Erfahrungen ihrer Patientinnen und Patienten mit der Behandlung und Pflege oder patientenberichteter Indikatoren anbelangt (ebd. S. 20).

Dagegen ist die regelmässige Teilnahme an Qualitätszirkeln relativ hoch – und blieb fast unverändert. 53,8% der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz nehmen mindestens einmal pro Monat, 31,1% mehrmals pro Jahr an einem Qualitätszirkel oder einer Gruppe zur Qualitätsverbesserung teil. Nur 13,5% gaben an, nie an solchen Veranstaltungen teilzunehmen.

Auch sonst scheint es gut um die Qualität im Schweizer Gesundheitssystem zu stehen: Das Schweizer Gesundheitssystem wird als sehr gut bewertet. Die Qualität wird durch die Ärzteschaft als in den letzten drei ­Jahren unverändert ein­geschätzt. Am ehesten wird ­Potenzial zur Verbesserung der Koordination in der medizinischen Grundversorgung geortet. Laut einem grossen Anteil der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz (84,6%) gilt es, Strategien zur besseren Koordination der medizinischen Grundversorgung mit Spitälern, psychotherapeutischen sowie psychiatrischen Institutionen und den zuständigen Sozialdiensten besonders zu priorisieren, heisst es im Bericht.

Ernährungsprobleme häufiger untersucht

Der Obsan-Bericht 2019 stellt fest, dass in der Schweiz Ernährungsprobleme deutlich häufiger untersucht und beurteilt werden als in den anderen Ländern; hier belegt die Schweiz gar den 2. Rang. Dies sei insofern erstaunlich, als die Ernährungsweise und das Körper­gewicht für viele Krankheitsbilder (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen) von entscheidender Bedeutung sei, so Pahud. Daneben werden auch soziale Isolation und Einsamkeit häufig oder meistens (in 50% bis 100% der Fälle) untersucht. Interessanterweise lässt sich hier eine «Gender Gap» feststellen: Ärztinnen in der Schweiz würden soziale Isolation und Einsamkeit deutlich häufiger beurteilen als ihre männlichen Kollegen (42,6% im Vergleich zu 28,4%). Dagegen werden «häusliche Gewalt und Bedürfnisse in der Energieversorgung (z.B. Wasser, Strom und Heizung) nur manchmal oder selten (in 1% bis 50% der Fälle) thematisiert (76,9% resp. 45,3%)» (ebd. S. 35).

Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan)

Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) ist eine von Bund und Kantonen getragene Institution. Das Obsan analysiert die vorhandenen Gesundheitsinformationen in der Schweiz. Es unterstützt Bund, Kantone und weitere Institutionen im Gesundheitswesen bei ihrer Planung, ihrer Entscheidungsfindung und in ihrem Handeln. Weitere Informationen sind unter obsan.admin.ch zu finden.

Aufholbedarf bei eHealth

Der Bericht untersuchte auch die Verwendung von ­sogenannter «eHealth» in der Schweiz. Der Autor des Obsan-Berichts versteht darunter «den integrierten Einsatz von verschiedenen Informations- und Kommunikationstechnologien zur Gestaltung, Unter­stützung und Vernetzung aller Akteure (Spitäler, Medizinerinnen und Mediziner, Versicherungen etc.) und Prozesse im Gesundheitswesen (eHealth Suisse, 2019).»

Hier zeigt sich, dass das zentrale Zukunftsthema der Medizin 4.0 noch nicht in allen Köpfen angelangt ist: Trotz einer Zunahme elektronischer Dokumentation von Krankengeschichten, ist die Schweiz in dieser Hinsicht unterentwickelt. Im internationalen Vergleich belegt die Schweiz hierbei weiterhin den letzten Rang, wie der aktuelle Obsan-Bericht zeigt.

Faktoren, welche die Verwendung der elektronischen Krankengeschichte erheblich beeinflussen, sind das Alter der Ärztin oder des Arztes und die Praxisgrösse. «Die jüngeren Ärztinnen und Ärzte (<45 Jahre) dokumentieren fast alle die Krankengeschichte elektronisch, während es bei den 55- bis 64-Jährigen etwas mehr als die Hälfte (58,9%) und bei den über 64-Jährigen knapp mehr als ein Drittel (35,1%) ist» (ebd. S. 41). Nur etwa 48% der Einzelpraxen würden die Krankengeschichte elektronisch dokumentieren im Vergleich zu über 84% der Gruppenpraxen, so der Autor der Studie. Die beiden Faktoren stehen in einem Zusammenhang: Jüngere Ärztinnen und Ärzte arbeiten vermehrt in Gruppenpraxen, während die ältere Ärzteschaft eher in Einzelpraxen tätig ist (ebd. S. 41).

Der Bericht zeigt, dass die Schweiz beim eHealth-­Angebot für Patientinnen und Patienten oder den eHealth-Einsatz in der ärztlichen Zusammenarbeit im internationalen Vergleich starkes Aufhol- und Verbesserungspotenzial hat (ebd. S. 5).

Redaktionelle ­Verantwortung:
Claudia Schade, SGAIM

Korrespondenzadresse

Claudia Schade
Kommunikations­verantwortliche und ­stellvertretende ­Generalsekretärin
Schweizerische Gesellschaft
für Allgemeine Innere ­Medizin
Monbijoustrasse 43
Postfach
CH-3001 Bern
claudia.schade[at]sgaim.ch

Referenz

1 Pahud, O. (2019). Ärztinnen und Ärzte in der Grundversorgung – ­Situation in der Schweiz und im internationalen Vergleich. Analyse des International Health Policy (IHP) Survey 2019 der amerikanischen Stiftung Commonwealth Funds im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) (Obsan-Bericht 15/2019).

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