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Gedanken zu Platon eines Hausarztes und Psychosomatikers

Der Hausarzt und COVID-19

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2020.10248
Veröffentlichung: 06.05.2020
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(05):170-171

Daniel Loustalot

Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH, spez. Psycho­somatische Medizin SAPPM

«Ist nicht jederzeit die Behandlung von zweifacher Art gewesen, die Plato (Gesetze 720 St) zuerst und für immer ­geschildert hat? Er sagt: Es gibt Sklavenärzte für Sklaven, freie Ärzte für Freie. Die Sklavenärzte laufen in der Stadt herum und warten in den Heilstätten auf die Kranken. Sie geben nie den Grund irgendeiner Krankheit eines dieser Sklaven an, lassen sich nicht vom Kranken darüber aufklären. Jedem verordnet ein solcher Arzt sofort, was ihm nach seiner Erfahrung gut dünkt, eigenmächtig, wie ein Tyrann, um dann in voller Eile wieder zu einem anderen kranken Sklaven zu laufen. – Der freie Arzt dagegen gibt sich mit der Behandlung der Krankheiten von freien ­Leuten ab, die er von Grund aus ihrem Wesen nach zu erforschen sucht, indem er den Kranken wie auch dessen Freunde darüber befragt. Er belehrt, soweit ihm das möglich ist den Kranken selbst und trifft Verordnungen nicht eher, als bis er ihn bis zu einem gewissen Grad zu seiner Ansicht gebracht hat. Dann erst versucht er den durch die Kraft der Überredung beruhigten Kranken durch un­ablässige Bemühungen zur Gesundheit zu führen. – Dem entspricht die Rolle, die in der hippokratischen Medizin die Rhetorik spielt, die Rhetorik im griechischen Sinn, die Kunst des gebildeten Sprechens und Überzeugens» [1].

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Der Anfang der «Nomoi» in der Erstausgabe, Venedig 1513. Quelle: editio princeps, ­Wikimedia Commons.

Karl Jaspers nimmt den Text der Sklavenärzte gegenüber den freien Ärzten aus Platons Spätwerk Nomoi (auf Deutsch: Gesetze) zum Vergleich der heutigen Medizin, eine Medizin die sich aufteilt in eine wissenschaftliche, technische Seite und eine Medizin die sich ganzheitlich um den Menschen kümmert. Für Jaspers gehören die Versicherungsärzte, Radiologen, Labormediziner und Virologen in die Gruppe der ­Sklavenärzte, sie erbringen nach bestem Wissen und Gewissen technische Leistungen, die eine Diagnose und Therapie ­erlauben. Dem gegenüber finden wir den Grundversorger und Psychosomatiker, der mit Rhetorik und durch Zuhören dem Patienten begegnet und ihn begleitet.

Heutzutage kann der eine Typ Arzt nicht ohne den ­anderen leben. Die Fortschritte in der Medizin in den letzten Jahrhunderten sind wissenschaftlicher-technischer Natur. Es bleibt aber immer der Patient-Mensch, der behandelt werden will. Die Psychosomatik, seit 100 Jahren (2019) in der Schweiz aktiv, unterstützt und fördert diese Seite der ärztlichen Tätigkeit. Der Hausarzt und Psychosomatiker versucht im Gespräch, zusammen mit dem Patienten, den Weg für Diagnose und Therapie zu finden.

Das Finden des Weges für einen Patienten, im Rahmen der aktuellen Pandemie, betrifft hauptsächlich über 65-jährige Patienten. Menschen, die häufig schon alleine sind und unter mehreren Krankheiten leiden. Diese Menschen sind oft schon ausgegrenzt, isoliert. sei es zu Hause oder im Pflegeheim. In diesem Rahmen ist es die Hausärztin, die zuhört, erklärt und ­begleitet. Dies oft, um die grosse Arbeit der technisch-wissenschaft­lichen Medizin zu begleiten. Das Arbeiten Hand in Hand ist hier essentiell.

Bei der aktuellen Pandemie sind es Gesetze, Richt­linien, Verordnungen, die das tägliche Leben bestimmen. Menschen-Patienten werden in dieser Situation eingeschränkt, freie Entscheidungen sind schwieriger. Wie Michel Foucault [2] in seinem Buch Überwachen und Strafen schreibt, wird die Ausgangszeit, der Ort, wo ich mich bewegen kann, die Begegnung mit anderen Menschen, geregelt und kontrolliert, die persön­liche Freiheit eingeschränkt. Solche Einschränkungen hat man in einer freien Demokratie noch nie erlebt. ­Markus Gabriel nennt dies den «virologischen Imperativ» [3], der unseren Tagesablauf bestimmt. Unter ­diesen Bedingungen benötigen die Patientinnen und Patienten ihren Hausarzt, damit sie mit den starken Einschränkungen, die sie erleben, umgehen können. Zuhören, Blickwinkel wechseln, erlebte Traumen aufarbeiten und Perspektiven erörtern sind an der Tagesordnung.

Der direkte Kontakt Patient – Arzt erlaubt es dem Pa­tienten, die schwierige Situation durchzustehen. Pierre de Villiers, für über 40 Jahre General in der französischen Armee, sagt in seinem Buch Qu’est-ce qu’un chef? [4]: «J’ai pris le temps de la rencontre, les yeux dans les yeux, qui fait tant défaut aujourd’hui.» Das heisst für den obersten General de Villiers, schwierige Momente in Beziehungen oder für Menschen können nur im ­direkten Kontakt, mit direktem Augenkontakt angegangen werden.

Denken wir immer daran, der Computer hilft uns zu dokumentieren, aber er wird nie die direkte Kommunikation zwischen Menschen ersetzen können.

Die Pflege von Patientinnen und Patienten ist ein Teamwork. Krankenschwestern, Therapeuten und Ärztinnen begleiten die Pa­tienten. Dieses Teamwork hat Florence Nightingale Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit­gestaltet und aufgebaut. Als Pflegende braucht es Führungspersönlichkeiten, die dem Team den Patienten-Arzt-Kontakt ­vorleben, und in der Pflege und im Altersheim am Krankenbett die Betreuung gestalten.

Der General de Villiers: «Pour être exemplaire et donc crédible, le mieux est déjà de rester naturel. Le chef ne se distingue pas par la force de ses maxillaire ou encore par la distance qu’il instaure entre ses équipes et lui. C’est son rôle de créer cette dynamique de l’action, de créer «l’ambiance», de révéler ses talents. Il ne peut y parvenir que s’il sait convaincre, que s’il accepte de se livrer, pas dans la communication, mais dans la vérité. Être sérieux sans se prendre au sérieux. L’essentiel, c’est d’avoir un style, et ce style, «c’est l’homme même», disait Buffon. (...) L’exemplarité précède ainsi la subsidiarité. Les grands chefs sont admirés pour ce qu’ils sont et ce qu’ils font. Ils sont admirables pour ce qu’ils délèguent.»

Speziell im Pflegeheim sind es Führungspersonen, die präsent sein müssen und vorleben, wie das Team am besten die Patientinnen und Patienten begleiten kann.

In der Hausarztmedizin ist es auch das Behandlungsteam, das dem Patienten beisteht auf dem Weg der Genesung.

Redaktionelle ­Verantwortung:
Alexander Minzer, SAPPM

Korrespondenzadresse

Dr. med. Daniel Loustalot
FMH medicina Interna
Medicina Psicosomatica e Psicosociale SAPPM
Medicina Manuale SAMM
Via Pioda 15
CH-6600 Locarno
loustalot[at]hin.ch
www.medicodifamiglialocarno.ch

Literatur

1 Karl Jaspers: Der Arzt im technischen Zeitalter. Technik und Medizin. Arzt und Patient. Kritik der Psychotherapie. München: Piper 1986.

2 Michel Foucalut. «Überwachen und Strafen», «Die Geburt des Gefängnisses» Suhrkampp 1994.

3 https://www.nzz.ch/feuilleton/coronavirus-warum-der-virologische-imperativ-auch-gefaehrlich-ist-ld.1548594

4 Pierre de Villiers. « Qu’est-ce qu’un chef ? », Fayard, 2018

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