Editorial

Es gibt auch noch andere Themen

Die Dauerwellen

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2020.10270
Veröffentlichung: 29.07.2020
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(0708):219

Philippe Luchsinger

Präsident mfe, Haus- und Kinderärzte Schweiz

Wisst ihr noch, was Bigoudis sind? Könnt ihr euch an die Frisuren eurer Mütter und Grossmütter erinnern (und einiger Herren in den 80ern)? Dauerwellen waren der Renner der optischen Optimierung.

Vor lauter ersten und zweiten Wellen hat man das Gefühl, dass es in der Gesundheitspolitik keine anderen Themen mehr gibt: weit gefehlt! Nach einer initialen Schockstarre und einem Atem anhalten unter der ­ersten Welle haben sich die anderen Themen zuerst ­zögerlich, dann immer bestimmter wieder gemeldet. Einigen dieser Geschäfte hat die Ruhe des Lockdowns irgendwie gutgetan, Platz wurde frei, und die Distanzierung hat auch die Schärfe der Diskussionen zumindest teilweise gemildert. Ob das an den Masken liegt, die man beim Coiffeur jetzt anziehen muss?

Eine Dauerwelle, seit es Ärztinnen und Ärzte gibt (und die gab es vor den Krankenkassen), ist die adäquate Vergütung ihrer Leistungen. Die Zeiten der Naturallöhne haben wir knapp hinter uns und mit sehr viel Aufwand vor allem aus der Ärzteschaft ist ein «neuer» Tarif entstanden. Die Diskussion darüber, ob es eine betriebswirtschaftliche Rechnung im Nullsummenspiel der Kostenneutralität überhaupt gibt, ist wohl eher philosophisch. Eine kleine Welle weiter sind wir nach dem Lockdown gekommen, zum einen, weil sich die SWICA zum neuen Tarif bekennt, zum anderen, weil FMH und curafutura einen Weg gefunden haben, wie der neue Tarif überführt und angepasst werden soll. Die Zeitungsleser sind ­etwas aufgeschreckt worden durch die Meldung, die Taxpunktmenge werde einfach gekürzt: Wie immer ist es beim Tarif viel komplexer! Die Tarifspezialisten von mfe sind an vorderster Front dabei und werden unsere Mitglieder laufend informieren.

Ebenfalls ein Dauerbrenner ist die neue Qualitäts­gesetzgebung. Zusammen mit SGP und SGAIM haben wir innerhalb der AGQ, der Arbeitsgruppe Qualität von FMH und Versicherern, Pilotprojekte gestartet. Ziel ist, selbst zu bestimmen, woraus der Inhalt einer solchen, vom Gesetz geforderten Vereinbarung, bestehen soll. Viele Mitglieder sind etwas überrascht worden vom Mailing, sie sollen doch bitte angeben, was sie an ­Qualitätsarbeit bereits machen. Zwei Punkte sind wichtig: Zum einen ist es ein Pilotprojekt, zum anderen (und da gibt es einfach nichts zu rütteln) sind wir gesetzlich zu solchen Qualitätsbemühungen verpflichtet. In der Vernehmlassung zur entsprechenden Verordnung haben wir von mfe aber auch klar Stellung dazu bezogen, dass solchermassen erweiterte An­sprüche nicht einfach gratis zu haben sind. Und dass Organisationen, die sich schon seit Jahren mit Qualitätsfragen auseinandersetzen, unbedingt eingebunden werden müssen.

Das Delegationsmodell in der psychologischen Psychotherapie liegt in den letzten Zügen, breit ist der Konsens, dass auf ein Anordnungsmodell gewechselt werden muss. Die sorgfältige Arbeit, die das BAG hier an den Tag gelegt hat, um praktikable Lösungen zu präsentieren, soll hier auch ausdrücklich erwähnt werden. Für mfe ist wichtig, dass sowohl Hausärztinnen wie Kinderärzte die Berechtigung erhalten, Psychotherapien anzuordnen. Dass im Hearing im BAG auch die Versicherer diesen Punkt unterstützen, ist höchst erfreulich, und zeigt, dass offensichtlich auch ihnen das Sicherstellen der Versorgung wichtiger ist als die reinen Kosten. Dies im Gegensatz zu unseren Parlamentariern, die überall dämpfen wollen: zur Kostendämpfung kommen wir ein anderes Mal, diese Welle schwimmt uns nicht davon.

In der Schweiz sind noch nie so viele Swimmingpools bestellt, aufgestellt und gebaut worden wie 2020. Nur: Mit Dauerwellen den Kopf unter Wasser halten, ruiniert die Frisur. Ich wünsche allen einen sonnigen und sorgenfreien Sommer.

Redaktionelle ­Verantwortung:
Sandra Hügli-Jost, mfe

Credits

Kopfbild: © Voyagerix | Dreamstime.com

Korrespondenzadresse

Sandra Hügli-Jost 
Kommunikations­beauftragte mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz
Geschäftsstelle
Effingerstrasse 2
CH-3011 Bern
Sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch

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