Aktuelles

Nachhaltigkeit in der Medizin

Ein vielschichtiges Problem

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2020.10276
Veröffentlichung: 02.09.2020
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(09):254-255

Lea Muntwyler

Mitarbeiterin Kommunikation/Marketing, Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM)

Das Thema Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Anliegen der Ärzteschaft. Dies zeigte sich auch am regen Interesse an diesem Thema an der letzten regulären SGAIM-­Delegiertenversammlung. Die Aspekte der Nachhaltigkeit sind vielschichtig, und machen sie im Hinblick auf die Entwicklung der Medizin zu einer gewaltigen Herausforderung.

Die Auswirkungen auf die Gesundheit, die Entwicklung des Schweizer Gesundheitssystems und die sich verändernden Bedürfnisse von Ärztinnen und Ärzten sowie Patientinnen und Patienten: Das Thema der Nachhaltigkeit in der Medizin ist auf vielen Ebenen angesiedelt. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) verfolgt das Thema aufmerksam und trägt mit ihrem Engagement in den Bereichen der Qualität, Forschung und Innovation, Gesundheitspolitik und dem Physician Well-Being dazu bei, Lösungen für aktuelle Herausforderungen zu finden.

Makro-Ebene: Die Umwelt gibt den Takt vor

Es ist kein Geheimnis, dass der globale Klimawandel und die sich verändernden demographischen Entwicklungen reale Auswirkungen auf die medizinische ­Praxis haben. Diverse Artikel, beispielsweise im Lancet oder im British Medical Journal, dokumentieren einen deutlichen Anstieg von Krankheiten im Zusammenhang mit Luftverschmutzung, Ernährungsproblemen, Wassermangel und übertragbaren Krankheiten neben einer Zunahme der chronischen Erkrankungen und ­einer starken Belastung für ältere Patientinnen und Patienten.

Lärm, Luftverschmutzung, Strahlenschutz, (Elektro-)Smog, Schadstoffe im Boden, Wohngifte und Raumklima: Die Liste von gesundheitsschädigenden Aus­wirkungen von Umweltgefahren und Klimawandel ist lang. Dies gilt es ernst zu nehmen und als (Mit-)Ursache für Beschwerden zu berücksichtigen, heisst es bei der Vereinigung Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU). Fachärztinnen und Fachärzten der Allgemeinen Inneren Medizin (AIM) können hier eine zentrale Rolle einnehmen.

Meso-Ebene: Das Schweizer ­Gesundheitssystem

Das Gesundheitssystem beansprucht einen hohen Anteil an finanziellen, personellen und natürlichen Ressourcen und ist damit zu einer Herausforderung für Ärztinnen und Ärzte geworden – sowohl im ambulanten Bereich als auch im Spital.

Eine nachhaltige Patientenversorgung bekämpft die Über- und Fehlversorgung in der Medizin und schont dadurch wertvolle Ressourcen. Studien zeigen, dass der Anteil der unnötigen Behandlungen in der Schweiz bei 20–30% liegt. Diese Fehl- und Überversorgung hat negative Auswirkungen auf die Qualität der Gesundheitsversorgung und deren Kosten. Hier setzen die Initiativen des Swiss Medical Boards (SMB) und smarter medicine an: Sie zielen darauf ab, die Fehlentwicklungen bezüglich Über- und Fehlversorgung im Schweizer Gesundheitssystem zu vermindern. Mit ihren Berichten, Kampagnen und Empfehlungen tragen sie dazu bei, die beste Behandlung für die einzelne Patientin oder den Patienten zu finden. Ganz nach dem Motto «die optimale, nicht die maximale Medizin», die nicht nur unsere Umwelt sowie Patientinnen und Patienten, sondern auch das Gesundheitswesen und die in diesem Sektor tätigen Menschen schont.

smarter medicine statt mehr medicine

Der Nutzen medizinischer Interventionen ist nicht immer vorhanden, oft wird er überschätzt bzw. falsch interpretiert. Der Trägerverein smarter medicine setzt sich gegen die Fehl- und Überversorgung in der Medizin ein. Ein Kernstück der Tätigkeit ist die Veröffentlichung von Listen mit Interventionen, die unnötig oder potenziell gefährlich für Patientinnen und Patienten sind. Daneben setzt sich der Verein für gemeinsame Entscheidungen zwischen Ärztin oder Arzt auf der einen Seite und Patientin oder Patient («Patient Enabling») auf der anderen Seite ein.

Mehr Informationen: www.smartermedicine.ch

Als Pionierin in der Schweiz veröffentlichte die SGAIM bereits 2014 als erste Fachgesellschaft eine eigene «Top-5»-Liste für den ambulanten Bereich in der Schweiz, ­gefolgt von einer «Top-5»-Liste für den stationären ­Bereich zwei Jahre später. Im Herbst 2020 soll eine weitere Top-5-Liste für den ambulanten Bereich veröffentlicht werden, womit die SGAIM erneut eine Vorreiterrolle einnimmt.

Auch die Qualitätsstrategie der SGAIM-Qualitätskommission soll ganz nach dem Motto «Qualität ist kein Zufall» einen Beitrag zur hochwertigen Betreuung und Behandlung von Patientinnen und Patienten in der Allgemeinen Inneren Medizin leisten. Mehr dazu finden Sie unter www.sgaim.ch/qualitaet

Micro-Ebene: Nachhaltigkeit beginnt beim Menschen

Ein zielgerichtetes Nachhaltigkeitsengagement bietet auch Chancen für Arztpraxen und Spitäler: Neben Kosteneinsparungen, beispielsweise im Bereich der Energieeffizienz, Behandlungsoptimierung, zufriedeneren Mitarbeitenden und tieferen Fluktuationsraten, bietet sich das Nachhaltigkeitsengagement im Bereich Marketing an, insbesondere bei der Personalrekrutierung.

Nachhaltige Medizin

Das Ziel einer «nachhaltigen Medizin» ist die zukunftsfähige Gestaltung der Werte, Ziele und Aufgaben der Medizin, sodass auch spätere Generationen von guten medizinischen Leistungen profitieren können, um auf ihre Gesundheitsprobleme zu reagieren.

Mehr Informationen zur nachhaltigen Entwicklung des Gesundheitssystems: https://www.samw.ch/de/Projekte/Nachhaltiges-Gesundheitssystem.html

Dies bestätigt Sabine Mannes, Co-Leiterin der Fachstelle Nachhaltigkeit der Insel Gruppe: Viele Ärztinnen und Ärzte würden sich heute nach der nachhaltigen Unternehmensführung und der Umsetzbarkeit von nachhaltigen Arbeitsprozessen im Spitalalltag erkundigen. Die Bedeutung des medizinischen Personals rückte hinsichtlich der SARS-CoV-2-Pandemie und der Pflege-Initiative 2020 in das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Bei einer nachhaltigen Institution geht es nicht primär darum, Personalkosten zu sparen und Leistungen kurzfristig zu steigern. Produktivität, Zufriedenheit, ein offenes Betriebsklima und eine «open door»-Politik leisten auch ihren Beitrag zu erfolgreichen Arztpraxen und Spitälern.

Im Rahmen der Strategie 2020–2024 verfolgt die SGAIM in enger Zusammenarbeit mit der Kommission für Nachwuchsförderung und den Swiss Young Internists (SYI) das Ziel, mit verschiedenen Massnahmen das «Physician Well Being» zu fördern.

Begriff Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist ein Handlungsprinzip zur Ressourcen-Nutzung, bei dem eine dauerhafte Situation durch die Bewahrung der natürlichen Regenerationsfähigkeit der beteiligten Systeme (vor allem von Lebe­wesen und Ökosystemen) gewährleistet werden soll. Damit betrifft es ökologische, ökonomische, ethische und soziale Dimensionen.

Redaktionelle ­Verantwortung:
Claudia Schade, SGAIM

Credits

Kopfbild: © Korn Vitthayanukarun | Dreamstime.com

Korrespondenzadresse

Claudia Schade
Kommunikationsverantwortliche und stellvertretende Generalsekretärin Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere ­Medizin (SGAIM)
Monbijoustrasse 43
Postfach
CH-3001 Bern
claudia.schade[at]sgaim.ch

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