Editorial

Massnahmen zur Kostendämpfung – Paket 2

«Heureka»

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2020.10302
Veröffentlichung: 07.10.2020
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(10):285

Philippe Luchsinger

Präsident mfe, Haus- und Kinderärzte Schweiz

In der Badewanne liegend Probleme lösen – wäre doch wunderbar, wenn das immer so gelänge! Bei Archimedes hat das geklappt, er hat genau beobachtet, was ­geschieht, wenn er sich in die Badewanne legt. Das Überschwappen des Wassers hat ihm das Prinzip der Verdrängung eröffnet, zumindest der Legende nach.

«Heureka» zu rufen nach der Eröffnung der Vernehmlassung zum zweiten Paket der kostendämpfenden Massnahmen durch den Bundesrat wäre etwas vermessen. Sicher, einige Punkte kommen innovativ daher, und gerade wir Haus- und Kinderärzte könnten in Versuchung geraten, mit stolzgeschwellter Brust die neugeschaffene Funktion der «Erstberatungsstelle» zu bejubeln. Nun, erstens, wir jubeln nicht so einfach, und zweitens sind wir auch kritisch genug, die neuen Regelungen genau anzuschauen.

Im Grunde genommen ist die Idee, dass zuerst eine kompetente Stelle den Patienten in Empfang nimmt, seine Probleme anhört und ansieht, und mit ihm zusammen entscheidet, welches die weiteren Schritte sind, unser tägliches Brot. In diesem Setting können wir über 90% der Fälle selbständig lösen und verursachen dabei etwa 7% der gesamten Gesundheitskosten. In unserem «Rezept für eine gesunde Schweiz» haben wir von mfe schon mehrfach darauf hingewiesen. Sowohl unsere Erfahrungen wie auch die wissenschaftliche Aufarbeitung der «Hausarztmodelle» haben zudem zeigen können, dass der Hausarzt als Betreuer und Begleiter tatsächlich in der Lage ist, die Kosten in gewissen Grenzen zu halten. Nur, das gelingt dann am besten, wenn sich Patient, Versicherer und Arzt klar zu diesem System bekennen. Schon die Trittbrettfahrer-Listenmodelle können diesen Effekt nicht mehr im gleichen Umfang zeigen, häufig auch deswegen, weil das Commitment zur Zusammenarbeit von Seiten der Patienten fehlt. Und das führt uns auch zum Problem des bundesrätlichen Vorschlags: Unter Zwang wird das System fallieren. Nur schon die Ausweichmöglichkeiten auf die Tele­medizin, die bisher nicht wissenschaftlich nachweisen konnte, dass sie eine qualitativ hochstehende und kostengünstige Arbeit abliefert, mindert den Erfolg. Und dass die Kantone zuständig sein sollen für die Erteilung der Bewilligung, Erstberatungsstelle zu sein, stimmt nicht gerade optimistisch. Sie sollen in einem Feld tätig werden, dass sie bisher überhaupt nicht kennen.

Die Briten schwören auf ihr NHS, die Holländer sind sowieso immer der Meinung, es am besten zu machen, und auch die Dänen kennen es nicht anders: «Man» geht zuerst zum Hausarzt. Eine doch gewichtige Differenz besteht zu unserer Gesundheitsversorgung: Es sind alles staatliche Systeme, in denen nur schon die Finanzierung viel einfacher regelbar ist.

Der grösste Kollateralschaden dieses verordneten und obligatorischen Systems ist aber, dass die AVM (alternative Versicherungsmodelle), in denen mit viel Herzblut, viel Kreativität und bisher so nicht gekannter ­Zusammenarbeit sehr erfolgreich die Qualität der Betreuung der Patienten, aber auch die Arbeit der Hausärzte gefördert wurde, einfach ausgelöscht werden. Kein Versicherer wird mehr Geld investieren, um Innovationen zu ermöglichen, die nicht gefragt sind, kein Netz wird sich mit neuen Ideen engagieren, um die Qualität zu steigern.

Hausärztinnen und Hausärzte sind lösungsorientiert. Deshalb rennen wir nicht wie Archimedes gestikulierend und nackt auf die Strasse, sondern würden es begrüssen, wenn diejenigen, die Erfahrung haben in diesem Bereich, zur Miterarbeitung einbezogen würden. Anhören allein ist nicht wirksam, nicht zweckmässig, und wahrscheinlich auch nicht wirtschaftlich.

Redaktionelle ­Verantwortung:
Sandra Hügli, mfe

Credits

Kopfbild: © Razyph | Dreamstime.com

Korrespondenzadresse

Sandra Hügli-Jost
Kommunikations­beauftragte mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz
Geschäftsstelle
Effingerstrasse 2
CH-3011 Bern
Sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch

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