Editorial

Themenschwerpunkt Nachwuchs in der Grundversorgung

Wer schmeisst in Zukunft den ­Laden?

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2020.10313
Veröffentlichung: 04.11.2020
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(11):324

Stefan Neuner-Jehle

Chefredaktor Primary and Hospital Care; Leiter Chronic Care, Institut für Hausarztmedizin, Zürich

In diesem Schwerpunktheft finden Sie eine Sammlung von lesenswerten Artikeln zum hochrelevanten Thema des medizinischen Nachwuchses in unserem Fachgebiet. Patientinnen1 wünschen sich eine leicht ­erreichbare, kontinuierliche und vertrauensvolle ­medizinische Grundversorgung, wie sie im Modell ­medical homes von Hausärzten geleistet wird. Gesundheitspolitiker und Steuerzahler wünschen sich eine ­bezahlbare Medizin, wie sie Systeme mit starkem Gewicht auf die Grundversorgung bieten. Beides ist aber nur möglich, wenn sich der bereits spürbare Hausärzte­mangel wieder bessert. Andreas Zeller und Stéphanie Giezendanner berichten in ihrem Artikel über die Workforce-Studie, ob die Trendwende schon in Sicht ist. Mary McCarthy, Vizepräsidentin der Europäischen Union der Allgemeinpraktiker (UEMO), schildert die Faktoren, die europaweit zu mehr oder eben weniger Zufriedenheit von Hausärztinnen mit ihrer Arbeit führen.

Eine der Schlüsselfragen ist, wie es gelingt, junge Medizinerinnen für den Weg in die Hausarztmedizin zu motivieren. Michael Harris zeigt in seinem Artikel auf, welche Lösungen das englische Gesundheitssystem gefunden hat. Markus Schmid und Roman Hari stellen ein Modell für die Ausbildung vor, wo die Studierenden eine simulierte, aber sehr realitätsnahe hausärztliche Sprechstunde erleben. Dabei ist entscheidend, welches Rollenmodell wir Etablierten ihnen vorleben: Jammern wir über Stress und ungerecht niedriges Einkommen, dann sind das sichere Ablöscher. Wenn sie aber die Highlights unserer Arbeit miterleben, dann werden sie «angefixt»: Einfluss auf das Schicksal von Patienten zu haben; die Arbeitsumgebung und den Arbeitsrhythmus mitzugestalten; eine rationale Stufendiagnostik und angemessene Medizin ohne Übertreibung zu bieten; die menschliche Wärme und die einzigartigen Geschichten der Patienten zu erleben. Daniel Gelzer betont im Rückblick auf sein Praktikerleben genau diesen Beziehungsaspekt und das menschliche Engagement als zentrale Elemente der Betreuung, die nicht nur den Patienten ­dienen, sondern auch für uns Ärzte bereichernd sind. Die SGAIM und die Swiss Young Internists schreiben darüber, wie sich solche positiven Botschaften in Kampagnen fassen lassen und junge Kolleginnen auf dem Weg zur ­Allgemeinen Inneren Medizin motivieren können.

Auch die Pädiatrie leidet unter Nachwuchsmangel. Die Kollegen Geiser, Holtz und Wehrli schildern, welchen Wert die pädiatrische Praxisassistenz hat, und wie sie in die Ausbildungscurricula eingefügt werden kann. Ihr abschliessender Ruf nach standespolitischem ­Effort ist absolut gerechtfertigt, und wird vom JHaS Think Tank der Jungen Hausärzte Schweiz aufgegriffen, die eine «Praxisassistenz für alle» in der Weiterbildung zum Facharzt Allgemeine Innere Medizin oder Pädiatrie fordern. Auch der Verband mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz setzt sich seit Jahren engagiert und erfolgreich dafür ein: Die Nachwuchsförderung ist als wichtiger Punkt in seiner Mission aufgeführt.

Was können Sie selbst als altgedienter Praktiker tun? Melden Sie sich doch beim Institut für Hausarztmedizin Ihrer Region als Lehrarzt. Ihr Engagement wird sich dreifach lohnen: Es bereitet Freude, junge Menschen auszubilden. Sie finden so vielleicht eine Praxisnachfolgerin. Und spätestens, wenn Sie in der Zukunft selbst einmal gebrechlicher sein sollten, werden Sie eine verlässliche hausärztliche Versorgung zu schätzen wissen!

Zum Abschluss ein prägnantes Zitat aus dem Artikel von Mary McCarthy über die Essenz der Hausarztmedizin – leben wir sie unseren Studierenden und Assistenten vor: «It is a discipline that stretches the mind and ­expands the heart. No other branch of medicine is so ­holistic, so mindful to keep the patient in the centre of the process, so broad in its applications.»

1 Männliche und weibliche Formulierungen sind in diesem Artikel immer im gleichwertigen Sinn zu verstehen. Der besseren Lesbarkeit zuliebe wird immer nur eine Form genannt.

Credits

Kopfbild: © Rawpixelimages | Dreamstime.com

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. ­Stefan ­Neuner-Jehle
MPH, Institut für ­Hausarztmedizin
Pestalozzistrasse 24
CH-8091 Zürich
Stefan.Neuner-Jehle[at]usz.ch

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