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Zu gross, zu klein, zu leicht oder übergewichtig

Wachstumskurven anpassen oder nicht?

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2020.10321
Veröffentlichung: 02.12.2020
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(12):371-372

pädiatrie schweiz (Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie)

Eine Expertengruppe unter Schirmherrschaft der Fachgesellschaft pädiatrie schweiz plädiert dafür, die seit 2011 empfohlenen Standard-Wachstumskurven vorläufig weiterzuverwenden, weil sie das Kindeswohl nach wie vor gewährleisten. Neue Studien­ergebnisse aus der Deutschschweiz sind mit solchen aus der lateinischen Schweiz zu ergänzen.

Wann ist ein Kind seinem Alter entsprechend zu gross oder zu klein? Zu leicht, übergewichtig oder gar fett­leibig? Einen Hinweis darauf geben teilweise die sogenannten Wachstumskurven, unter zusätzlicher Berücksichtigung genetischer Faktoren wie die Elterngrösse.

In der Schweiz gibt es Meinungsverschiedenheiten dazu, welche Wachstumskurven in der Pädiatrie verwendet werden sollen. Kürzlich gab das private Pädiatrisch-Endokrinologische Zentrum PEZZ aus Zürich ­einen Atlas mit sogenannten Referenzdaten für das Wachstum von 0- bis 20-Jährigen in der Schweiz heraus. Die Referenzwerte weichen zum Teil von jenen ab, welche die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert und in der Schweiz zur Anwendung kommen.

Empfehlungen der Expertinnen und ­Experten

Die Fachgesellschaft pädiatrie schweiz hat eine Gruppe mit Expertinnen und Experten formiert, die Studie von Eiholzer et al. [1] zu analysieren und zu prüfen, ob die Wachstumskurven in der Schweiz allenfalls ­anzupassen seien. An der soeben publizierten Analyse beteiligten sich Fachleute aus den Bereichen Entwicklungspädiatrie, pädiatrische Gastroenterologie, pädiatrische Endokrinologie, Adipositas, öffentliche Gesundheit sowie Schulärztinnen und -ärzte.

Wichtigste Ergebnisse dieser Analyse:

– pädiatrie schweiz empfiehlt, die seit 2011 empfohlenen Standard-Wachstumskurven vorläufig beizubehalten.

– Mit der Verwendung dieser Wachstumskurven ­können Wachstumsstörungen aller Kinder in der Schweiz durch Kinderärzte erkannt werden. Das Kindeswohl ist somit nach wie vor gewährleistet.

pädiatrie schweiz empfiehlt zudem, die Schweizer Wachstumsdaten in einer neuen umfassenden Studie zu überprüfen. Dabei sind die vorliegenden, fundierten Daten von Eiholzer et al. wie folgt zu ergänzen:

– Einbezug von Daten aus Längsschnittstudien (d.h. Erhebung von Messdaten von gleichen Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Wachstumsverlauf).

– Einbezug von zusätzlichen Wachstumsdaten wie zum Beispiel Pubertätsentwicklung.

– Einbezug von Daten aus weiteren Regionen, insbesondere auch aus der Romandie und dem Tessin, während die PEZZ-Studie vor allem auf Querschnittdaten aus den Kantonen Zürich (70%) und Luzern (30%) beruht.

– Einbezug von Daten aus bereits vorhandenen periodischen Schweizer Studien.

Sollte die Auswertung dieser Daten nahelegen, dass eine Anpassung der Wachstumskurven sinnvoll sein könnte, ist vor dem Entscheid detailliert zu untersuchen, welche Auswirkungen auf Diagnosen und Behandlungen sowie welche Kosten mit einer Anpassung verbunden wären – so wie das bei Anpassungen von Richtlinien im schweizerischen Gesundheitswesen üblich ist.

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Ein Beispiel der von der SGP empfohlenen Wachstumskurven.

Standard- oder Referenzkurven?

Zudem ist ein begründeter Grundsatzentscheid zu fällen bezüglich Verwendung von Standarddaten, wie sie die WHO empfiehlt, oder Referenzdaten, wie sie Eiholzer et al. vorschlagen. Beide Arten von Wachstumskurven haben Vor- und Nachteile:

– Beschreibende Referenz-Wachstumskurven zeigen summarisch das aktuelle Wachstum einer Bevöl­kerung samt ihren allfälligen gesundheitlichen ­Einschränkungen. Ist beispielweise eine ganze Bevölkerung übergewichtig, so erscheint in einer ­beschreibenden Wachstumskurve Übergewicht als «normal».

– «Vorschreibende» Standard-Wachstumskurven werden idealerweise von Individuen mit optimaler Gesundheit abgeleitet, um einen Masstab zu setzen, dem ein Kind folgen «sollte». Abweichungen zu Standard-Wachstumskurven können Frühindikatoren von Krankheiten sein, wobei keine seriöse Wachstumsbeurteilung allein auf der Wachstumskurve beruht, sondern immer in einen grösseren klinischen Zusammenhang einzuordnen ist.

Sollten diese Auswertungen zum Schluss führen, dass die Schweizer Wachstumskurven angepasst werden sollten, so ist bei der Definition neuer Kurven unbedingt zu gewährleisten, dass diese national repräsentativ und sowohl national als auch international vergleichbar sind.

Eine Zusammenfassung der Stellungnahme von pädiatrie schweiz zur Anpassung der Wachstumskurven finden Sie in der Online-Version dieses Artikels unter primary-hospital-care.ch.

Die ausführliche Stellungnahme ist auf der Internetseite von ­pädiatrie schweiz publiziert: https://cdn.paediatrieschweiz.ch/production/uploads/2020/10/2020.10.21-Wachstumskurven_Empfehlung-padiatrie-schweiz_engl.pdf

Redaktionelle ­Verantwortung:
Claudia Baeriswyl, pädiatrie schweiz

Credits

Kopfbild: © 9dreamstudio | Dreamstime.com

Korrespondenzadresse

Claudia Baeriswyl
Generalsekretärin
pädiatrie schweiz
Postfach 516
CH-1701 Freiburg
sekretariat[at]paediatrieschweiz.ch

Literatur

1 Eiholzer U, Fritz C, Katschnig C, Dinkelmann R, Stephan A. Contemporary height, weight and body mass index references for children aged 0 to adulthood in Switzerland compared to the Prader reference, WHO and neighbouring countries. Ann Hum Biol. 2019 Sep;46(6):437-447. doi: 10.1080/03014460.2019.1677774.

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