Editorial

Multiple Facetten eines Landes

La Suisse n’existe pas

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2021.10342
Veröffentlichung: 06.01.2021
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2021;21(01):3

Philippe Luchsinger

Präsident mfe, Haus- und Kinderärzte Schweiz

1992 hat der Künstler Ben Vautier für die Weltausstellung in Sevilla die Aussage «La Suisse n’existe pas» zum Motto des Schweizer Pavillons bestimmt. Nach einem ersten Sturm der Entrüstung bei allen Musterpatrioten und Kleingeistern konnte er in der Diskussion dar­legen, was er damit ­gemeint hat: Es gibt nicht eine Schweiz, ganz im ­Gegenteil, es gibt multiple Facetten dieses Landes, und jede für sich trägt dazu bei, dass die Schweiz eben diese Schweiz ist, in der wir leben.

Multiple Teile können sich idealerweise ergänzen, ­können sogar ein Ganzes entstehen lassen, das mehr ist als die Summe der Einzelteile. Die Betonung liegt auf «können». Multiple Teile können aber auch das ­Gegenteil bewirken, wenn sie für sich allein das Gefühl haben, sie müssten sich abgrenzen, nur ihre eigenen Interessen verfolgen ohne Rücksicht auf die anderen Teile oder das Ganze.

Zu Beginn der Pandemie hatte man den Eindruck, dass wirklich ein Ruck durch das Land ging: Junge und Alte zeigten sich solidarisch, suchten Wege, sich zu unterstützen, die neue Gefahr, die wir bisher nicht kannten, gemeinsam zu bekämpfen. In Italien ging ein Clip ­viral, in dem das Virus sich vorstellt: «Ich bin COVID-19, und ich bin gekommen, um euch zu zeigen, was ein ­Leben eigentlich ausmacht. Ich wollte euch aufzeigen, wie wichtig Nähe, Rücksichtnahme, Wohlwollen, sich sorgen und gegenseitige Unterstützung sind. Ich habe es nicht geschafft.» Kaum war die erste Welle verebbt, sind die Egoismen wieder aufgetaucht, ­ungebremst.

Die Krise stellt unsere Gesellschaft auf die Probe, und als wichtigen Teil davon unser Gesundheitswesen. Die Pandemie deckt schonungslos auf, wie schlecht wir ­organisiert sind. Wir werden auf dem falschen Fuss ­erwischt, können uns dank des beherzten Eingreifens des Bundesrats aber gerade noch in den Frühling und Sommer retten. Was dann folgt? Nichts. Nochmals nichts. Immer noch nichts. Statt sich vorzubereiten auf die zweite Welle werden Interessenkleinkriege ausgefochten, jede Branche möchte noch ihre Sonderrechte bewilligt erhalten, in einem Wettrennen der Inkompetenzen. Sogenannte «Güterabwägungen» führen dazu, dass die ab September steigenden Zahlen von positiven Tests ignoriert werden. Haus- und Kinderärztinnen und -ärzte in der ganzen Schweiz konnten diese Zunahme von ­Erkrankten eins zu eins verfolgen, entsprechend wurden unsere ­Konzepte angepasst, wir haben uns vorbereitet. Wir haben versucht, seit Anfang der Pandemie, unsere Unterstützung anzubieten, haben gefordert, dass Konzepte erarbeitet werden, in die Haus- und Kinderärzte einbezogen werden. Erst nach einem Radiointerview morgens um Viertel nach Sechs bewegt sich langsam etwas. Langsam.

Wenn wir die Situation der Pandemie extrapolieren auf unser gesamtes Gesundheitswesen und uns vor Augen halten, wie Parlament, Verwaltung und Kantone sich verhalten, entstehen Befürchtungen, dass unsere Bevölkerung allein gelassen wird, weil jeder seine Facette pflegt, oder einfacher gesagt: vor sich hinwurstelt. Die Verwaltung ist gefangen im gesetzlichen Korsett, versäumt es aber, Experten wirklich einzubinden. Im Parlament vermisst man gesundheitspolitische Experten, sie sind knapp an einer Hand abzählbar, was dazu führt, dass Interessenvertreter das Zepter führen, Einzelheiten umkämpft werden und ein Gesamtkonzept gar nicht in die Nähe einer Diskussion kommt. Die Kantone? Die sind von der gesetzlichen Kompetenz her im Lead. Aber jeder bitte nur für sich. Das Versagen in der Krise ist der Spiegel des gesundheitspolitischen Unvermögens schlechthin.

Ich wünsche mir für 2021 eine Schweiz, die existiert, mit all ihren Facetten. Vor allem aber, dass diese Facetten sich gegenseitig unterstützen, um ein Ganzes zu bilden, das mehr ist als nur die Summe der Einzelteile. Auch und vor allem im Gesundheitsbereich.

Redaktionelle ­Verantwortung: Sandra Hügli-Jost, mfe

Korrespondenzadresse

Sandra Hügli-Jost
Kommunikations­beauftragte mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz
Geschäftsstelle
Effingerstrasse 2
CH-3011 Bern
Sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch

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