Arbeitsalltag

Medizinische Grundversorgung auf dem Land

Das Beispiel der Seedorfpraxis ­Uttwil – Nachahmung ist erwünscht

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2021.10367
Veröffentlichung: 05.05.2021
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2021;21(05):173-174

Omar Noorin, Jill Noorin

Seedorfpraxis Uttwil

Viele Gemeinden und deren Hausärztinnen und -ärzte sind besorgt um die zukünftige medizinische Grundversorgung. In Uttwil am Bodensee hat man in einem ­beherzten Vorzeigeprojekt das Problem erkannt und für die nächsten Jahrzehnte gelöst. Am Beispiel der Seedorfpraxis Uttwil soll der sich zuspitzende Ärztemangel auf dem Land beleuchtet und betroffene Gemeinden sowie Hausärztinnen und -ärzte für ähnliche Projekte motiviert werden.

Der demographische Wandel in der medizinischen Grundversorgung ist nicht nur im beruflichen Alltag zu spüren, sondern wird durch die Daten des International Health Policy Survey (IHP) der amerikanischen Stiftung Commonwealth Fund im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit bestätigt [1]. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt die Schweizerische Workforce-Studie in ihrer 4. Befragungsrunde 2020 [2]. Nach 2012 und 2015 wurden auch im Jahr 2019 in der IHP-Studie die Schweiz und zehn weitere Länder (Niederlande, ­Österreich, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Schweden, Norwegen, USA Neuseeland und Kanada) in Bezug auf ihre medi­zinische Grundversorgung durch Befragung der Ärztinnen und Ärzte analysiert. Die Daten beinhalten ­zugleich eine proportionale Stichprobe unter Pädiaterinnen und Pädiatern und kommen zu folgenden Kernaussagen:

– Mehr als 50% der Ärztinnen und Ärzte sind 55 Jahre oder älter. 34% der Befragten sind sogar 60 Jahre oder älter.

– Über 35% der Ärztinnen und Ärzte im Alter von 60 bis 64 Jahren wollen im Alter von 65 Jahren ihre Praxistätigkeit niederlegen. Knapp 64% davon wollen (oder müssen sogar) ihre Tätigkeit über das Pensionsalter fortsetzen.

– 71% der Ärztinnen und Ärzte ab 60 Jahre haben noch keine Nachfolgeregelung für ihre Praxis.

– Der jahresübergreifende Vergleich von 2012, 2015 und 2019 zeigt eine abnehmende Tätigkeit in Einzelpraxen (55%; 45%; 39%) mit proportionaler Zunahme der Tätigkeit in Gruppenpraxen (44%; 54%; 60%).

Diese Kernaussagen des Berichtes geben die Situation in der Gemeinde Uttwil vor der Gründung der Seedorfpraxis sehr gut wieder. In Uttwil war nämlich zu dieser Zeit ein männlicher Grundversorger im Alter von knapp 60 Jahren in einer Einzelpraxis ohne eine Nachfolgeregelung tätig und hatte vor, mit 65 Jahren in die Pension zu gehen. Im Kanton Thurgau, ja sogar in der direkten Nachbarschaft, kennen wir persönlich einige Gemeinden und Kollegen, für die Uttwil und die Ergebnisse des IHP-Berichtes repräsentativ sind.

Das Projekt Seedorfpraxis Uttwil

Als die Post im Frühjahr 2016 den langjährigen Mietvertrag der Räumlichkeiten im Erdgeschoss des Gemeindehauses kündigte, gingen die Gemeindeverantwortlichen und der seit 1993 tätige Hausarzt Dr. M. Kläusler aufeinander zu, um das Problem der Grundversorgung für alle Parteien anzugehen. Sie beauftragten ein Fachbüro für Praxisplanung aus dem Raum ­Zürich mit der Analyse der bestehenden Räumlich­keiten für den Umbau in eine Arztpraxis. Es entstand eine konkrete Machbarkeitsstudie mit Skizzierung einer möglichen Raumgestaltung und Kalkulation der voraussichtlichen Investitionskosten, an denen man sich bis zum Ende des Projektes orientieren konnte. Die für den Laien verständliche Machbarkeitsstudie sowie die leerstehenden Räumlichkeiten und die Erkenntnis des drohenden Arztmangels nach der bevorstehenden Pensionierung des Dorfarztes, resultierte bei den Stimmbürgern in der Genehmigung eines ­Finanzierungskredites für den Umbau einer gemeinde­eigenen Arztpraxis. Auf dieser Grundlage konnte der Hausarzt Dr. M. Kläusler mit uns als Ärztepaar für Allgemeine Innere Medizin und Kinder- und Jugendmedizin fündig werden und das Projekt so richtig ins Rollen bringen. Unter Zuzug einer erfahrenen Treuhänderin haben wir zunächst die verschiedenen Rechtsformen für unsere Zusammenarbeit geprüft. Entschieden haben wir uns für eine einfache Gesellschaft innerhalb einer Praxisgemeinschaft mit Teilung der laufenden Betriebskosten. Nach der Gesellschaftsgründung unter uns Ärzten im Sommer 2018 haben wir im nächsten Schritt einen Mietvertrag mit der Gemeinde gemäss unseren gegenseitigen Bedürfnissen und Interessen selber ausgearbeitet und abgeschlossen. Durch die fixen Mieteinnahmen kann die Gemeinde die Tilgung des Investitionskredites über einen längeren Zeitraum gewährleisten. Nach einer wenige Monate andauernden Planungsphase, in der wir Ärzte immer einbezogen waren, begann ab März 2019 endlich die Umbauphase mit Auftragsvergabe an überwiegend regionale Handwerker. Wenn auch mit geringfügig mehr Endkosten als primär veranschlagt, konnte das Projekt ­reibungslos im gesetzten Zeitplan abgeschlossen und im September 2019 die neue Seedorfpraxis Uttwil eröffnet werden. Nach anfänglichem Start mit drei Ärzten, konnte ab Januar 2020 Dr. B. Rinderer als weiterer Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin dazugewonnen werden. In Uttwil und der Umgebung ist somit die ­medizinische Grundversorgung von der Geburt bis zum hohen Alter sichergestellt. Wir sind zuversichtlich, ab 2024 die enstehende Vakanz durch die Pensionierung von Dr. M. Kläusler durch eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger neu besetzen zu können. Diese Zuversicht ist begründet durch die zeitgemässe Infrastruktur der neuen Praxisräumlichkeiten und die ­finanziell günstigen Einstiegsbedingungen für die Nachfolgerin oder den Nachfolger.

Massnahmen im Kanton Thurgau

Der bestehende und in den nächsten Jahren sich zuspitzende Engpass in der medizinischen Grundver­sorgung ist überkantonal zu einer der wichtigsten ­Aufgaben der öffentlichen Gesundheitsversorgung geworden. Folgerichtig muss die Bewältigung dieser Aufgabe von den unterschiedlichen Parteien in der Gesundheitsversorgung angegangen werden. Im Kanton Thurgau arbeiten das kantonale Gesundheitsamt, die Ärztegesellschaft, der Verband Thurgauer Gemeinden und die medizinischen Kliniken der Kantonsspitäler in Münsterlingen und Frauenfeld zusammen, um den ärztlichen Nachwuchs für die ländliche Grundver­sorgung sicherzustellen. Neben öffentlichen Anlauf- und Beratungsstellen für betroffene Gemeinden und ­Hausärzte, wird seit 2006 das Thurgauer Praxisassistenzprogramm durchgeführt. Dieses ist in zwei Module gegliedert und ermöglicht Assistenzärztinnen und Assistenzärzten über die Kantonsspitäler oder durch Eigeninitiative ihre Weiterbildung zum Facharzt für 3 bis 6 Monate bei einem Hausarzt mit Lehrbewilligung durchzuführen. Die teilnehmenden Hausärztinnen und -ärzte profitieren nicht nur von einer finanziellen Unterstützung durch den Kanton, sondern haben die Gelegenheit für sich oder die Region die medizinische Grundversorgung durch eine Nachfolgeregelung sicherzustellen.

Schlussfolgerung und Ausblick

Retrospektiv betrachtet waren die Umstände in Uttwil mit einer mutigen und willigen Gemeinde, einem vorausschauenden Hausarzt und einem jungen Ärztepaar sehr günstig gewesen. Vermutlich wird anderswo der Weg etwas steiniger sein, aber das wichtigste ist, die Motivation aller Parteien sowie das Problem der medizinischen Grundversorgung zu erkennen und die Weichenstellung selber in die Hand zu nehmen. Man kann sich hierfür Informationen bei den kantonalen Gesundheitsämtern, den Ärztegesellschaften und bei Kolleginnen und Kollegen mit entsprechender Er­fahrung einholen. Wir sind in Uttwil sehr gerne bereit, ­unsere Erfahrungen, dort wo sie nützlich sind, weiterzu­geben.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Omar Noorin
Facharzt Allgemeine ­Innere Medizin FMH
Seedorfpraxis Uttwil
Zentrumsplatz 2
CH-8592 Uttwil
o.noorin[at]hin.ch

Dr. med. Jill Noorin
Fachärztin Kinder- und Jugendmedizin FMH
Seedorfpraxis Uttwil
Zentrumsplatz 2
CH-8592 Uttwil
j.noorin[at]hin.ch

Literatur

1 Pahud O. (2019). Ärztinnen und Ärzte in der Grundversorgung – Situation in der Schweiz und im internationalen Vergleich. Analyse des International Health Policy (IHP) Survey 2019 der amerikanischen Stiftung Commonwealth Funds im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) (Obsan Bericht 15/2019). Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.

2 Zeller A, Giezendanner A. Resultate der 4. Workforce Studie. Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(11):325-328.

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