Editorial

Corona können wir nicht – und Gesundheitswesen?

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2021.10394
Veröffentlichung: 05.05.2021
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2021;21(05):141

Philippe Luchsinger

Präsident mfe, Haus- und Kinderärzte Schweiz

«Wie will man mit einem Krankernversicherungsgesetz Gesundheitspolitik machen?» Diese sehr berechtigte Frage hat der Doyen der Gesundheitsökonomen in der Schweiz, Heinz Locher, vor vielen Jahren gestellt. Wenn man die Geschichte etwas näher betrachtet und die Entwicklung der Politik, der Verwaltung beobachtet, kommt man zu einem beängstigenden Schluss: Statt den grösstmöglichen gemeinsamen Nenner ­miteinander zu suchen, um dem Auftrag (für die Bevölkerung die beste Lösung zu erarbeiten) gerecht zu werden, wird das gesucht, was einfach niemandem wehtut. Aber auch niemanden weiterbringt.

Das ursprüngliche Konstrukt des KVG, des Krankenversicherungsgesetzes, wurde von seinen Erbauern ­eigentlich geschickt mit Möglichkeiten ausgestattet, Innovationen zu gestatten. Fördern wäre da wohl etwas zu viel gesagt. Bestes Beispiel dafür sind die alternativen Versicherungsmodelle, die es erlaubt haben, in der Partnerschaft und der Zusammenarbeit von einigen weiterdenkenden Versicherungen und kreativen Hausarzt-Netzwerken wirklich Neues aufzubauen. Keine andere Form hat die Betreuungsqualität so markant verbessert, und gleichzeitig die ­Zufriedenheit der Hausärztinnen und -ärzten in ihrer Arbeit gesteigert. Nicht von Ungefähr kopiert der Bundesrat in seinen sogenannt kostendämpfenden Massnahmen diese Konstruktion und nennt sie Erst­beratungsstelle. Und genau da zeigt sich, dass Politik und Verwaltung etwas Entscheidendes verkennen: Inno­vation kann weder verordnet noch reglementiert werden.

Nochmals zurück zur Pandemie: im Moment kämpfen wir damit, die Impfungen optimal zu verabreichen. Mit grossem Engagement, wie beim Testen, bei der Betreuung der Erkrankten oder beim Unterstützen des Contact Tracing, stehen Haus- und Kinderärztinnen bzw. -ärzte bereit. Wir stellen unsere Ressourcen zur Verfügung, wären «das Rezept für eine erfolgreiche Bekämpfung», wie wir für das Gesundheitswesen «das Rezept für eine gesunde Schweiz» sind. Nur: das interessiert offensichtlich niemanden. Die Kassenwarte beklagen sich fortlaufend, dass Arbeit etwas kostet. Die Kantone erfinden bei jedem Schritt die Welt neu und zwar jeder für sich, 26-mal in der Schweiz. Und das BAG versteckt sich hinter Formalismen: Wenn wir so viele Dosen Impfstoff gekauft haben, verpiksen wir auch genauso viele Impfungen. Und keine mehr. Wenn in der Pandemie rasches Reagieren und vorausschauendes Handeln gefragt wären, versagen die Strukturen. Die in Normalzeiten perfekten Administrationen, wie sie die Schweiz und Deutschland kennen, sind offensichtlich nicht in der Lage, pragmatisch in einer ausser­ordentlichen Situation zu improvisieren.

Die Parallelen zu unserem Gesundheitswesen? Seit Jahren, ja Jahrzehnten wird am KVG statt vorwärtsgedacht, ängstlich herumgeschraubt, wird nur eingeengt, mehr reglementiert. Die Kostendämpfungsmassnahmen sind die letzte Steigerung eines Abwürgens jeg­licher positiven Entwicklung. Hand in Hand mit der Verwaltung blockieren die Krankenkassen jede Innovation aus lauter Angst, es könnte etwas kosten. Die Kantone? Eingeklemmt zwischen Eigennutz und Juristerei halten sie krampfhaft an ihren Gartenhägen fest. Fazit: Wir können nicht Corona und können auch nicht Gesundheitswesen.

Heinz Locher hat bei einem seiner letzten Auftritte in der Öffentlichkeit klar ausgesprochen, was in seinen erfahrenen Augen die Basis eines funktionierenden Gesundheitswesens ist: hausärztliche Netzwerke, denen die Möglichkeiten offenstehen, sich zu entwickeln.

Bremsen war noch nie innovativ.

Redaktionelle ­Verantwortung:
Sandra Hügli-Jost, mfe

Korrespondenzadresse

Sandra Hügli-Jost 
Kommunikations­beauftragte mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz
Geschäftsstelle
Effingerstrasse 2
CH-3011 Bern
Sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch

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