Editorial

Düstere Zeiten?

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2021.10427
Veröffentlichung: 07.07.2021
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2021;21(07):211

Philippe Luchsinger

Präsident mfe, Haus- und Kinderärzte Schweiz

Die Cinephilen unter uns können sich noch an den Film «Outbreak» erinnern; Dustin Hoffman bekämpft ein Virus, das in einem afrikanischen Dorf plötzlich zu Todesfällen führt. Wenn Hollywood Pandemien inszeniert, ist das Szenario bedrohlich, die Gefahr für Leib und Leben ist omnipräsent. Glücklicherweise bleiben wir als Zuschauer aussen vor, sind nicht direkt betroffen, aber leiden mit, bangen um die Protagonisten, die tapfer und mutig der Gefahr entgegentreten. Solche Bilder beeinflussen viele unserer Mitmenschen, wenn ihr gewohntes Leben in unvorhergesehener Weise ­beeinträchtigt wird. Die Filme­macher wählen düstere Farben, um die Stimmung atmosphärisch zu gestalten.

Düstere Themen prägen auch das vorliegende Heft von PHC, es geht unter anderem um Depression, Suizid und Demenz. Nicht wenige Menschen, die schon zuvor von Zweifeln geplagt worden sind, deren Leben immer wieder von Ängsten geprägt worden ist, benötigen in schwierigen Zeiten mehr Unterstützung, um sich zu behaupten. Die COVID-19-Krise ist nicht nur ein ­infektiologisches ­Geschehen, besteht nicht nur aus epidemiologischen Modellrechnungen, sondern hat vielen Patient*innen, aber auch bisher gesunden Menschen plötzlich aufgezeigt, mit wie viel Unsicherheit ihr Leben behaftet ist. Erstaunlicherweise haben unsere Kolleg*innen der Psychiatrie laut einer Umfrage ihrer ­Fachgesellschaft in diesen Zeiten keine Zunahme der Belastungen und keine vermehrten Wartezeiten für Behandlungen feststellen können. Eine ganz andere Einschätzung hingegen vernimmt man von den ­Verbänden der Psycholog*innen. Vor allem von den Kinder- und Jugendpsychiater*innen und -psycholog*­innen. Benachteiligte Menschen und die Psyche nicht zu vergessen, ist eine wichtige Folgerung aus dieser Pandemie.

Die Geschichte lehrt uns, dass Menschen nach einer schweren Bedrohung Kompensationen suchen, häufig in hedonistischem Verhalten. Brot und Spiele besänftigen das Volk, das wussten schon die alten Römer. Wenn man die Stimmung und die Lebensfreude in den Fussballstadien Europas im Moment sieht, keimt die Hoffnung auf Normalisierung unseres Lebens auf. 60 000 Zuschauer im Puskás-Stadion in Budapest, Tausende bei einem Public Viewing in Berlin versprechen hoffentlich nicht zu viel. Eine Parallele zwischen ­COVID-19 und der Europameisterschaft ist zudem, dass es etwa gleich viele Experten für Viren wie für Fussball gibt. Und das Brot? Unser Brot heisst Tarif, im Moment sind wir damit konfrontiert, dass TARDOC, die mit viel Aufwand von mfe miterarbeitete Tarifstruktur, aus ­fadenscheinigen Gründen nicht eingeführt wird. Das Tarifwerk 500 Tage unbeantwortet zu lassen, lässt einiges an Respekt vermissen. Das Referenzeinkommen dann noch unter den Wert von 2004 anzusetzen und die Tagesarbeitszeit um zwei Stunden auf nicht legale elf Stunden zu verlängern, hätte uns Haus- und Kinderärzt*innen massiv geschadet. Mit dem Blockbuster der Fussballinterviews von Giovanni Trapattoni 1998 gesprochen: «Was erlauben sich Bundesrat? Spielen wie Flasche leer!».

«Ich habe fertig!»

Redaktionelle ­Verantwortung:
Sandra Hügli-Jost, mfe

Korrespondenzadresse

Sandra Hügli-Jost 
Kommunikations­beauftragte mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz
Geschäftsstelle
Effingerstrasse 2
CH-3011 Bern
Sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch

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