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Editorial

Was verbindet verschollene Überweisungsberichte und ein schiefes Schloss Chillon?

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2021.20052
Veröffentlichung: 01.12.2021
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2021;21(12):387-387

Röllin Odermatt Alexandra

Redaktorin Primary and Hospital Care

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Mögt Ihr Euch an die Bastelbögen in der Primarschule erinnern? Die Papiermodelle von Kyburg, Rega-Heli­kopter oder Schloss Chillon (www.modellbogen.ch)? Da gab es gestrichelte Linien und ausgezogene Linien, gestrichelt hiess «hier falten», ausgezogen hiess «hier schneiden». Diese Knick- und Schnittstellen erforderten Präzision, Hingabe und geschicktes Hantieren mit der Leimtube, ansonsten stand Schloss Chillon schief oder der Helikopter zerbrach in seine Einzelteile.

Genau so kommt es mir manchmal mit unserer ­modernen Medizin vor. Wir haben immer schicker designte Modelle, sprich tollen wissenschaftlichen Fortschritt in Diagnostik und Therapie von allen möglichen Erkrankungen. Mit diesem Fortschritt und der Anzahl von beteiligten Akteuren im Gesundheitswesen nehmen allerdings die potentiellen Knick- und Schnittstellen schon fast exponentiell zu. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir – geblendet von all den wunderbaren Errungenschaften – diesen Schnittstellen nicht die notwendige Aufmerksamkeit schenken. Denken, dass wenn das Modell bloss perfekt gezeichnet ist, dann ergibt sich das mit diesen leidigen Knick- und Schnittstellen fast wie von selbst.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir – ­geblendet von all den wunderbaren Errungenschaften – diesen Schnittstellen nicht die notwendige Aufmerksamkeit schenken.

Dass dies einem naiven Wunschdenken entspricht, habe ich schon vor rund 20 Jahren als Assistenzärztin erfahren müssen (als es nota bene noch viel weniger Schnittstellen gab). So wundere ich mich heute noch darüber, warum damals von den drei Exemplaren des Überweisungsberichtes eines internistischen Patienten (eines per Fax ans Zentrumsspital, eines dem Transportdienst mitgegeben und eines dem Patienten selbst in die Hand gedrückt) kein einziges beim nachbehandelnden Arzt angekommen ist. Die Hoffnung, dass sich dieses Problem beim Wechsel vom Spital in die Praxis, einem überschaubareren, wenig komplexeren System lösen würde, hat sich leider auch nicht erfüllt. Ein Grossteil der Schnittstellen hat sich einfach vom Inneren des Systems an seine Aussengrenzen verschoben.

Die Frage, wie wir möglichst konstruktiv mit dieser Realität umgehen, hat mich in all diesen Jahren immer wieder beschäftigt. Wie können wir verhindern, dass wichtige Informationen verloren gehen oder zur Unkenntlichkeit verdreht werden, bevor sie zum Empfänger gelangen? Besteht der «Leim», der die Einzelteile am wirksamsten zu einem sinnvollen und stabilen Ganzen zusammenfügt, eher in unserem ganz persönlichen Einsatz und der Kommunikationsfähigkeit, die wir mitbringen? Oder sind vielmehr strukturelle Fragen, wie die Organisation unseres Gesundheitswesens oder technische Lösungen wie ein elektronisches Pa­tientendossier, entscheidend?

So freut es mich denn ungemein, dass Sie dieses Themenschwerpunktheft vom PHC in den Händen halten. Es widmet sich aus den verschiedensten Blickwinkeln genau diesen Fragen und soll zum Weiterdenken und Mitdiskutieren anregen. Was sind Ihre Erfahrungen mit Schnittstellen-Problemen und Ihre Strategien im Umgang damit? Vielleicht finden Sie während der bevorstehenden «Schnittstelle im Jahreskreis», welche die Menschen schon seit Jahrtausenden zum Innehalten und Nachdenken gebracht hat, die nötige Ruhe und Distanz, um sich Gedanken darüber zu machen. Denn wenn wir den leidigen Knick- und Schnittstellen nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenken, dann steht am Schluss irgendetwas tüchtig schief, wie unser ­Papiermodell von Schloss Chillon, aber etwas, dessen Auswirkungen um einiges gravierender und weit­reichender sind.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen alles Gute für die kommenden Festtage sowie viele spannende Ein- und Ausblicke bei der Lektüre dieser etwas anderen Weihnachts-Nummer von PHC!

Korrespondenzadresse

Dr. med. Alexandra Röllin Odermatt

FMH Allgemeine Innere Medizin

Gemeinschaftspraxis ­Brunnmatt

Brunnmattstrasse 63

CH-3007 Bern

alexandra.roellin[at]gmail.com

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