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Junge Forschende der AIM im Porträt

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2021.20087
Veröffentlichung: 01.12.2021
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2021;21(12):388-389

Das Interview führten: , Méan Mariea, Tritschler Tobiasb

a Leitende Ärztin am Service de médecine interne, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, Mitglied der SGAIM-Forschungskommission

b Leitender Arzt an der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin, Inselspital Universitätsspital Bern, Mitglied der SGAIM-Forschungskommission, Präsident der Swiss Young Internists

Die Schweiz ist eine Forschungsnation – dazu tragen auch Forschende in der Allgemeinen Inneren Medizin (AIM) bei. Wann entscheiden sich Internistinnen und ­Internisten für eine Karriere in der Forschung? Was war ihre Motivation und was raten sie jungen Internistinnen und Internisten, die nicht sicher sind, ob sie eine akademische Laufbahn einschlagen sollen? Diese Fragen haben wir Schweizer Forschenden gestellt, darunter Dr. med. Manuel Blum, Mitglied der SGAIM-Forschungskommission, der mit der OPERAM-Studie zeigen konnte, dass 9 von 10 älteren und multimorbiden Patientinnen und Patienten teils unnötige oder ungeeignete Medikamente erhalten und man diese erfolgreich vermindern kann ohne Auswirkungen auf den Gesundheitszustand.

SGAIM-Forschungskommission: Interview mit Dr. med. Manuel Blum, MSc

Wie hat die OPERAM-Studie deine Begeisterung für die klinische Forschung bekräftigt?

Ich war ganz zu Beginn im Setup der von Prof. Nicolas Rodondi geleiteten Studie beteiligt und am Ende im Rahmen der Dateninterpretation, Manuskripterstellung und Publikation. Die OPERAM-Studie (s. Kasten 1) ist aus vielen Gründen ein hervorragendes Beispiel von klinischer Forschung: Eine für unsere Patientenpopulation von zumeist älteren und multimorbiden Patientinnen und Patienten wichtige Fragestellung, die internationale Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten verschiedener Spezialitäten und Richtungen, und die erfolgreiche Veröffentlichung im ­British Medical Journal (BMJ) von Resultaten, welche die klinische Praxis direkt betreffen.

Zu welchem Zeitpunkt deiner Karriere hast du dich für eine akademische Laufbahn entschieden und was war deine Motivation? Wer half dir damals bei dieser Entscheidung?

Anlässlich meines Vorstellungsgesprächs für eine Stelle als Assistenzarzt an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin am Inselspital in Bern fragte mich Prof. ­Rodondi, ob ich bei ihm eine Stelle als Forschungsassistenzarzt antreten möchte. Ich habe da spontan zugesagt, und so erhielt ich einen Einblick in die klinische Forschungstätigkeit. Mir gefiel dabei, durch methodologisches Vorgehen neue Erkenntnisse zu gewinnen, welche oft auch im klinischen Alltag anwendbar sind.

Was rätst du jungen Internistinnen und Internisten, die sich nicht sicher sind, ob sie eine akademische Laufbahn einschlagen sollen?

Ich rate ihnen zum einen direkt in der Forschung tätige Leute anzusprechen und um ihre Meinung und Ratschläge zu bitten; zum anderen, auch von den vielfältigen Informationsmöglichkeiten (innerhalb der Klinik, über die SGAIM, die Swiss Young Internists usw.) Gebrauch zu machen. Letztlich kann es aber wie bei mir auch hilfreich sein, einmal ganz unvoreingenommen im Rahmen einer Forschungsassistenz Erfahrungen zu sammeln.

Zur Person

Dr. med. Manuel Blum, MSc, ist Oberarzt an der Univer­sitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin (AIM) am Inselspital Bern, Dozent und Leiter Nachwuchsförderung am Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) sowie Mitglied der Forschungskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin.

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Forschungskommission der SGAIM

Die Forschungskommission der SGAIM wurde 2019 ins Leben berufen. Sie entwickelt Massnahmen, um die patientenzentrierte klinische Forschung im Bereich AIM und den akademischen Nachwuchs zu fördern. Daneben will sie Empfehlungen entwickeln, um die Situation der AIM-Forschung an den verschiedenen Universitäten zu verbessern und idealerwiese zu vernetzen.

Präsident

Prof. Dr. med. Nicolas Rodondi, MAS

Berner Institut für Hausarztmedizin BIHAM und Chefarzt und Leiter Poliklinik, Inselspital Bern

Mitglieder

Prof. Dr. med. Drahomir Aujesky, MSc

PD Dr. med. Kevin Selby, MAS

Dr. med. Andreas Plate, MSc

PD Dr. med. Marie Méan

Prof. Dr. med. Carole Clair, MSc

Dr. med. François Bastardot, MSc

Dr. med. Hervé Spechbach

PD Dr. med. Christine Baumgartner, MAS

Dr. med. Manuel Blum, MSc

PD Dr. med. Tobias Tritschler, MSc

Dr. med. Christoph Becker

Kasten 1: Mehr zur OPERAM-Studie

Multimorbidität und Polypharmazie sind häufig bei älteren Patient:innen und können zu Über- und Fehlmedikationen sowie unnötigen Hospitalisationen führen. Ob anhand einer strukturierten, evidenzbasierten Evaluation unnötige Medikamente wegge­lassen oder indizierte fehlende Medikamente hinzugefügt werden können und dies Auswirkungen auf die Gesundheit hat, wurde in der OPERAM-Studie untersucht.

OPERAM war eine randomisierte, multizentrische, klinische, im Rahmen des Europäischen Forschungsprogramms HORIZON 2020 finanzierte Studie mit insgesamt neun Partnern, wobei die Universitäts­klinik für Allgemeine Innere Medizin des Inselspitals die Gesamtleitung innehatte. Eingeschlossen wurden 2008 Personen über 70 Jahre, die mindestens drei chronische Erkrankungen aufwiesen und regelmässig fünf oder mehr Medikamente einnahmen. Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte wurden in zwei Gruppen randomisiert, in welchen die Studien­patient:innen entweder eine Standardbehandlung oder eine strukturierte Evaluation der Medikamente erhielten. Letztere erfolgte durch ein Team aus Ärzti:nnen sowie Pharmazeut:innen, die durch eine Software zum Erkennen nicht-indizierter Medikamentenverordnungen unterstützt wurden. Die Empfehlungen zur Medikamentenoptimierung wurden dann ans Behandlungsteam sowie an die Haus­ärzt:innen weitergeleitet. Die OPERAM-Studie zeigte, dass 9 von 10 älteren und multimorbiden Pa­tient:innen teils unnötige oder ungeeignete Medikamente erhalten. In der Gruppe mit strukturierter ­Optimierung wurden im Durchschnitt Empfehlungen zu 2,75 ungeeigneten oder fehlenden Medikamenten pro Patient:innen ausgesprochen, wobei bei ungefähr zwei Dritteln der Patient:innen Empfehlungen umgesetzt wurden. Eine statistisch signifikante ­Verringerung von medikations-assoziierten Hospitalisationen (primärer Endpunkt) konnte damit nicht gezeigt werden. Ebenfalls zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen beim Risiko für Stürze oder Todesfälle. Zusammenfassend konnte die OPERAM-Studie zum ersten Mal nachweisen, dass die Polypharmazie bei multimorbiden Patient:innen erfolgreich vermindert werden kann, ohne dass dies negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand hat.

Mehr Informationen unter: Blum MR, Sallevelt BTGM, Spinewine A, O’Mahony D, Moutzouri E, ­Feller M, et al. Optimizing Therapy to Prevent Avoidable Hospital Admissions in Multimorbid Older Adults (OPERAM): cluster randomised controlled trial. BMJ. 2021 Jul 13;374:n1585. doi: 10.1136/bmj.n1585.

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Redaktionelle ­Verantwortung:

Lea Muntwyler, SGAIM

Korrespondenzadresse

Lea Muntwyler

Verantwortliche ­Kommunikation/Marketing

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