Forschung

Projekt 24 des Nationalen Forschungsprogramms 74 «Smarter Health Care»

Bessere Daten zur Qualität der häuslichen Pflege

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2022.10489
Veröffentlichung: 05.10.2022

Wagner Aylina,b, Schaffert Renéa,b, Dratva Juliaa,b

a für die HCD-Forschungsgruppe

b Institut für Public Health, ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Hintergrund

Die demografische Entwicklung der Bevölkerung geht mit einer wachsenden Zahl von Menschen, die an einer oder mehreren chronischen Erkrankungen leiden, einher. Dies führt zu einem höheren Bedarf an häuslicher Langzeitpflege [1]. Bislang besteht in der Schweiz wenig Wissen zu Angebot, Nachfrage und Qualität der professionellen Pflege zu Hause (Spitex). Eine relevante Datenquelle, um dieses Wissen zu vertiefen, bildet der Datenpool HomeCareData (HCD) von Spitex Schweiz, dem nationalen Dachverband der Schweizer Nonprofit-Spitex. Das NFP 74-Projekt «Bessere Daten zur Qualität der häuslichen Pflege» hat sich zum Ziel gesetzt, die Qualität und das Potenzial des Datenpools HCD zu untersuchen und HCD weiterzuentwickeln.

Methoden

Um das Potenzial des Datenpools HCD für die Versorgungsforschung zu erheben, wurde in einer ersten Projektphase die ­Datenqualität von HCD und eine Verknüpfung mit anderen Gesundheitsstatistiken untersucht. In der zweiten Phase wurde ein Frage­bogen zur Messung der Zufriedenheit von Spitex-Klientinnen und -Klienten entwickelt und getestet, sowie die auf HCD aufbauenden Spitex-Qualitätsindikatoren in einem Konsensverfahren evaluiert. In der Schlussphase wurden gemeinsam mit Stakeholdern Empfehlungen für die zukünftige Nutzung des Datenpools HCD entwickelt.

Resultate

Die Ergebnisse zeigten, dass HCD viel Potenzial für die Forschung, Gesundheitspolitik und Praxis bietet. Der Datenpool ist eine wesentliche Ergänzung zur Statistik der Hilfe und Pflege zu Hause (Spitex-Statistik) des Bundesamts für Statistik (BFS), da er im Gegensatz zur Spitex-Statistik Einzeldaten und nicht aggregierte Daten enthält. Die Studie zeigte zudem, dass eine Verknüpfung mit anderen Datensätzen des BFS (z.B. mit der Medizinische Statistik der Krankenhäuser) ebenfalls machbar und verlässlich ist. Allerdings liefern aktuell nur 140 Spitex-Organisationen (von rund 400 Nonprofit-Organisationen) Daten an HCD, so dass aufgrund mangelnder Repräsentativität der Daten noch keine nationalen Aussagen möglich sind [2]. Das in der Studie entwickelte «Client Satisfaction Instrument-Home Care (CSI-HC)» ist ein Patient-reported Experience Measure (PREM) mit 10 rating-basierten Items, das eine hohe Sensitivität auf negative Patientenerfahrungen aufweist und mit 75% einen hohen Anteil der Gesamtzufriedenheit von Spitex-Klientinnen und -Klienten erklärt. Ein für die Praxis öffentlich zugängliches Handbuch erläutert die Entwicklung und Anwendung des Messinstruments [3]. Die Überprüfung von Indikatoren für die Messung der Spitex-Pflegequalität ergab, dass 18 von 43 potenziellen Indikatoren aus Public-Health-Sicht und darunter sieben auch aus Praxissicht für die Anwendung im Schweizer Kontext als geeignet beurteilt wurden [4–6].

Diskussion

Die Studie hat zum ersten Mal das Potential des Datenpools HCD wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse legen eine wichtige Basis, um die Datenlage und somit auch die Qualität der häuslichen Pflege in der Schweiz zu verbessern. Zudem gewinnt der Datenpool HCD an Bedeutung für die Versorgungsforschung, indem gezeigt werden konnte, dass die Daten verlässlich mit anderen Datensätzen verknüpft werden können. Das gemeinsam mit Expertinnen und Experten sowie Spitex-Pflegefachpersonen erarbeitete Indikatorenset zur Messung der Spitex-Pflegequalität stellt einen Meilenstein dar. Dieses Indikatorenset leistet zusammen mit dem validierten Instrument zur Messung der Zufriedenheit der Spitex-Klientinnen und -Klienten (CSI-HC) einen wichtigen Beitrag zur transparenten Beurteilung der Leistungen der Langzeitpflege zu Hause in der Schweiz.

Welchen Nutzen haben die ­Ergebnisse der Studie für ­verschiedene Stakeholder im ­Gesundheitswesen?

Die Studienergebnisse belegen einen Mehrwert der HCD-Daten für verschiedenste Stakeholder im Gesundheitswesen. Zum einen bieten die Daten für die Versorgungsplanung und Qualitätssicherung die Möglichkeit, differenzierte Profile der Spitex-Klientinnen und -Klienten zu erstellen und die Qualität der Spitex-Organisationen untereinander zu vergleichen. Zum anderen sind die HCD-Daten für die Gesundheitspolitik eine Informationsquelle zu Bedarf, Inanspruchnahme und Qualität der häuslichen Pflege, um für diesen wachsenden Gesundheitssektor evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Zu guter Letzt ist der Datenpool HCD für die Forschung eine wichtige Datengrundlage, um wissenschaftlichen Fragestellung rund um die häusliche Pflege zu untersuchen.

Welches Verbesserungspotential gibt es hinsichtlich des Datenpools HCD?

Die Studie kommt zum Schluss, dass der Datenpool HCD zwar grosses Potential hat, sich zurzeit jedoch aus mehreren Gründen noch nicht für nationale Erhebungen eignet. Einer der Hauptgründe ist, dass erst wenige Spitex-Organisationen Daten an den Datenpool liefern, da die Teilnahme freiwillig ist. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass für viele Spitex-Organisationen der Nutzen der HCD-Daten noch zu wenig ersichtlich ist. Aufgrund der Komplexität der Daten sind für deren Verständnis und Nutzung spezifisches Fachwissen und Strukturen erforderlich. Langfristig hängt die angestrebte Verwendung von entsprechenden Ressourcen und einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der HCD-Daten ab. In der NFP 74-Studie wurden verschiedenen Empfehlungen für eine Verbesserung von HCD ausgearbeitet [7]. Unter anderem wurden zur Verbesserung der Teilnahme und Datenqualität empfohlen, bereits bestehende Prozesse zu stärken und eine nachhaltige Struktur zur Unterstützung von Spitex-Organisationen in der Verwendung der HCD-Daten zu entwickeln. Die Studie kommt zum Schluss, dass der Datenpool HCD zwar grosses Potential hat, sich zurzeit jedoch aus mehreren Gründen noch nicht für nationale Erhebungen eignet. Einer der Hauptgründe ist, dass erst wenige Spitex-Organisationen Daten an den Datenpool liefern, da die Teilnahme freiwillig ist. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass für viele Spitex-Organisationen der Nutzen der HCD-Daten noch zu wenig ersichtlich ist. Aufgrund der Komplexität der Daten sind für deren Verständnis und Nutzung spezifisches Fachwissen und Strukturen erforderlich. Langfristig hängt die angestrebte Verwendung von entsprechenden Ressourcen und einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der HCD-Daten ab. In der NFP 74-Studie wurden verschiedenen Empfehlungen für eine Verbesserung von HCD ausgearbeitet [7]. Unter anderem wurden zur Verbesserung der Teilnahme und Datenqualität empfohlen, bereits bestehende Prozesse zu stärken und eine nachhaltige Struktur zur Unterstützung von Spitex-Organisationen in der Verwendung der HCD-Daten zu entwickeln.

Welche Herausforderungen zeigten sich bezüglich der Entwicklung von Spitex-Qualitätsindikatoren?

Die Studie hat gezeigt, dass die Mehrheit von bestehenden Qualitätsindikatoren für die häusliche Pflege aus Praxissicht als ungeeignet für die Qualitätsmessung in der Schweiz beurteilt wurde. Während die meisten Indikatoren als relevant beurteilt wurden, war der Hauptkritikpunkt an den Qualitätsindikatoren die mangelnde Beeinflussbarkeit der durch die Indikatoren gemessen Patientenergebnisse durch die Spitex-Pflege. Die Spitex-Pflege in der Schweiz ist dadurch gekennzeichnet, dass unterschiedliche Gesundheitsfachpersonen, wie beispielsweise Hausärztinnen und Hausärzte und Apothekerinnen und Apotheker, in die Versorgung der Spitex-Klientinnen und -Klienten involviert sind. Folglich werden Patientenergebnisse durch die interprofessionelle Zusammenarbeit der involvierten Gesundheitsfachpersonen sowie den informellen Helfenden beeinflusst. Die zurzeit bestehenden Spitex-Qualitätsindikatoren berücksichtigen diesen Aspekt nicht. Folglich wäre für eine umfassende Messung der Spitex-Pflegequalität die Entwicklung von validen und reliablen Qualitätsindikatoren, die nicht nur Patientenergebnisse, sondern auch Prozesse der interprofessionellen Zusammenarbeit erfassen, von grosser Bedeutung.

Reihe: Projekte des Nationalen Forschungsprogramms NFP 74 «Smarter Health Care»

Der vorliegende Text fasst die wichtigsten Ergebnisse des Projekts Nr. 24 «Bessere Daten zur Qualität der häuslichen Pflege» von Prof. Julia Dratva von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zusammen mit dem OBSAN, der Spitex Schweiz und dem ZHAW Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie. Dieses Projekt ist eines von insgesamt 34 geförderten Projekten des NFP 74 des Schweizer Nationalfonds. Ziel des NFP 74 ist es, wissenschaftliche Grundlagen für eine gute, nachhaltig gesicherte und «smarte» Gesundheitsversorgung in der Schweiz bereitzustellen.

Informationen: nfp74.ch

Korrespondenzadresse

Für das Projekt:

Prof. Julia Dratva

Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Departement Gesundheit, Winterthur

julia.dratva[at]zhaw.ch

Für das Programm:

Heini Lüthy

Verantwortlicher Medienarbeit des NFP 74 www.nfp74.ch

Tössfeldstrasse 23

CH-8400 Winterthur

hl[at]hluethy.ch 

Literatur

1. Höpflinger F, Bayer-Oglesby L, Zumbrunn A. Pflegebedürftigkeit und Langzeitpflege im Alter. Aktualisierte Szenarien für die Schweiz. Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan), editor. Bern: Huber; 2011.

2. Dutoit L, Pellegrini S. Pflege zu Hause: neue Daten. Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium; 2020 p. 8. Report No.: 1.

3. Hollenstein E, Schmelzer S, Liberatore F. Handbuch Client Satisfaction Instrument-Home Care : NFP74 Home Care Data. 2020 Nov [cited 2020 Dec 21]; Available from: https://digitalcollection.zhaw.ch/handle/11475/21005

4. HCD Research Group, Wagner A, Zúñiga F, Rüesch P, Schaffert R, Dratva J. Selecting home care quality indicators based on the Resident Assessment Instrument-Home Care (RAI-HC) for Switzerland: A public health and healthcare providers’ perspective. PLoS One. 2020 Dec;15(12):e0244577. http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0244577 PubMed

5. Wagner A, Schaffert R, Möckli N, Zúñiga F, Dratva J. Home care quality indicators based on the Resident Assessment Instrument-Home Care (RAI-HC): a systematic review. BMC Health Serv Res. 2020 Apr;20(1):366. http://dx.doi.org/10.1186/s12913-020-05238-x PubMed

6. Wagner A, Schaffert R, Dratva J. Adjusting Client-Level Risks Impacts on Home Care Organization Ranking. Int J Environ Res Public Health. 2021 May;18(11):5502. http://dx.doi.org/10.3390/ijerph18115502 PubMed

7. HCD Research Group, Wagner A, Schaffert R, Dratva J. Verbesserung der Datenlage zur Spitex in der Schweiz: Potenziale für eine zukünftige Nutzung des Datenpools HomeCareData (HCD). Ergebnisbericht von Interviews mit Expertinnen und Experten im Rahmen des NFP 74 Projekts «Bessere Daten zur Qualität der häuslichen Pflege (Spitex)» [Internet]. Winterthur: ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften; 2020 p. 34. Available from: https://digitalcollection.zhaw.ch/handle/11475/20436

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