Editorial

Back to the future?

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2022.10559
Veröffentlichung: 05.10.2022

Luchsinger Philippe

Präsident mfe, Haus- und Kinderärzte Schweiz

Es gibt Ereignisse, die sind an gewisse Zeiten gebunden: das Säen, das Ernten, das Ostereiersuchen, das Weihnachtsgeschenkeauspacken oder eben das Jammern über die Prämien- und Kostenentwicklung von santésuisse vor der Festlegung der Krankenkassenprämien für das nächste Jahr. Das ist auch 2022 nicht anders. Pünktlich auf die ersten Herbsttage kommt das Lamento der unsäglich gestiegenen Kosten, vor allem, um die Forderungen nach noch höheren Prämien rechtfertigen zu können. Dass santésuisse dieses Jahr noch unsorgfältiger agiert als sonst jeweils ist vielleicht auch symptomatisch. Zum einen sind da die Zahlen: Die Kosten der OKP seien um 6,4% gestiegen, heisst es da. Und die Prämien müssten deshalb um 10% höher sein. Nur, wenn wir die MOKKE-Zahlen, die aus den Krankenkassenabrechnungen generiert werden, ansehen, kommen wir nur auf 4,5% Zunahme der OKP-Kosten. Wie häufig sind die Zahlen halt nicht absolut und eindeutig, und man nimmt dann gerne diejenigen, die gerade ins politische Konzept passen.

Was sind denn die Folgen dieser Forderungen nach Prämienerhöhungen um 10%? Hauptsächlich werden damit Ängste geschürt, und das in einer Zeit, die vor Unsicherheiten nicht verschont bleibt. Als Haus- und Kinderärztinnen und -ärzte sind wir täglich mit dem Überbringen von schlechten Nachrichten konfrontiert und haben gelernt, dass das Betonen von Ängsten sicher nicht die optimale Lösung ist, an ein Problem heranzugehen. Aber eben, wenn man seit Jahrzehnten nur in der Lauerstellung des Kaninchens vor der Schlange sitzt und nicht einmal realisiert, dass man selbst Teil der imaginären Schlange ist, findet man keine Lösungen. Und die wären eigentlich gefragt.

Da gleichzeitig die Herbstsession des Parlaments beginnt, werden mantramässig die immer gleich lautenden Forderungen gestellt: Man müsse jetzt endlich die Kosten senken, die Medikamente müssten günstiger werden, die Anzahl der Praxen müsse reduziert werden, die Laborkosten müssten gesenkt werden. Alles leider weit weg von der Realität: Dass Kosten gesenkt werden können, gehört bei der Bevölkerungsentwicklung ins Reich der Utopie, auch wenn immer noch einiges gemacht wird, das nicht unbedingt notwendig ist. Bei den Medikamenten haben wir in den Praxen eine ganz andere Sorge: die fehlende Verfügbarkeit von vielen einfachen, günstigen und langbewährten Substanzen und gerade in der Pädiatrie der Rückzug von essentiellen Antibiotika. Beim Labor ist die Revision in vollem Gang, warum wartet man nicht die korrekten Berechnungen ab? Und Praxen zu schliessen: Nun, in welcher Welt lebt jemand, der das einfach so in die Welt posaunt? Und der immer noch evidenzfrei behauptet, jede neue Praxis koste den Prämienzahler 500 000 Franken? Im Umkehrschluss müssten wir jetzt unsere Praxen schliessen und dafür Geld erhalten, für jede Praxis 250 000 Franken. Auch hier machen wir uns ganz andere Sorgen, nämlich dass wir die Grundversorgung überhaupt stemmen können. Dazu sagt santésuisse leider nichts, weil: Die Versorgung ist ja nicht Sache der Versicherungen, sondern der Kantone.

In einer Zeit, in der Vieles nicht mehr so ist, wie wir es uns gewohnt waren, führen die nicht zielführenden Statements von Versichererseite zu weiteren Verunsicherungen. Corona hat unsere Gesellschaft getroffen, Risse eröffnet, Unsicherheiten ausgelöst, die gerade bei unseren Jungen teilweise schwerwiegend sind. Der Krieg in unserer Nähe bedroht uns, wir spüren die Folgen mit der unsicheren Lage in Sachen Energie, aber auch im Selbstverständnis unseres Alltags. Und das ­alles in einer Zeit, in der Mutter Erde kämpft, damit sie nicht überhitzt, und auf unsere Unterstützung angewiesen ist.

Nicht «back to the future», also immer die gleichen wiederkehrenden Sprüche, sondern Gedanken zur sicheren Versorgung, nicht nur medizinisch, sind notwendig. Miteinander.

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Redaktionelle ­Verantwortung: 
Sandra Hügli-Jost, mfe

Korrespondenzadresse

Sandra Hügli-Jost

Kommunikations­beauftragte

mfe Haus- und Kinderärzte

Schweiz

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Sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch

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