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Fortbildung

Osteopathische Medizin

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2022.20083
Veröffentlichung: 03.08.2022
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2022;22(8):248-250

Landolt Patricka, Hugentobler Bernhardb, Steger Sophieb, Zürcher Patrickb

a Praxisinstitut, Adliswil

b Schweizerische Ärztegesellschaft für Osteopathische Medizin (SAGOM)

Am KHM-Kongress in Luzern 2021 wurde im Rahmen eines Workshops ein Einblick gegeben in den aktuellen Stand der osteopathischen Medizin in der Schweiz. Sie ­lesen nachfolgend eine Zusammenfassung dieses Referates, das neben mehrerer osteopathischen Übungen Bestandteil des Workshops war.

Der Begriff Osteopathie, wie wir ihn heute verwenden, geht auf die Zeit Ende des 19. Jahrhunderts zurück. ­Damals beobachtete ein Chirurg, A.T. Still, 1828–1917, wie im amerikanischen Bürgerkrieg Patientinnen und ­Patienten mittels Bone Setting behandelt wurden. Er perfektionierte über Jahrzehnte die Methode und gilt heute als Begründer der modernen Osteopathie. Osteopathie ist kein geschützter Begriff. Deshalb benötigen Osteopathen Kürzel, um ihre Kompetenz zu dokumentieren. In Europa wird für Ärztinnen und Ärzte die Bezeichnung EROP (European Register of Osteopathic Physicians) als Gütesigel gebraucht (www.erop.org).

Etwas Geschichte

A. T. Still selbst hatte wenig zu seinen Methoden ­notiert. Sein Wissen wurde über Notizen in seinen ­Büchern, die er für Fachfremde schrieb, durch seine Schülerinnen und Schüler weitergetragen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelten viele Ärzte und Ärztinnen, aber auch Nichtmedizinerinnen und -mediziner die Methoden weiter und ergänzten sie nicht nur mit Behandlungen der Knochen und Gelenke, sondern auch mit Behandlungen von Eingeweiden, die zum Beispiel aufgrund von durchgemachten Entzündungen Ver­narbungen zeigten, die Beschwerden verursachten. ­Bekannte Osteopathen und Osteopathinnen sind beispielsweise: Fulford, Jones, Sutherland, Chila, Barral, Chauffour, Careiro, Becker und Palmer.

In den USA hat sich die Ausbildung in Osteopathie auf die Universitäten verlagert, wo osteopathische Medizin wie Zahnmedizin als Richtung im Medizinstudium gewählt werden kann. Dort findet auch viel mehr ­osteopathische Forschung statt. In der Schweiz hat die Erforschung der Osteopathie an der Fachhochschule für Osteopathie in Fribourg begonnen. Im Zusammenhang mit dem Masterstudium für Osteopathie an der WSO (Wiener Schule für Osteopathie) werden seit einigen Jahren auch wissenschaftliche Arbeiten verfasst. In Deutschland sind Ansätze für Forschung erkennbar. In der Studie zu HWS-Beschwerden bei hohen Streichern war Osteopathie signifikant und klinisch relevant wirksam hinsichtlich der Schmerzen nach 12 Wochen (primärer Zielparameter, fünf Behandlungen) im Intergruppenvergleich [1].

Eigentlich trägt der Begriff Osteopathie der osteopathischen Tätigkeit nicht mehr Rechnung. Bei einer osteopathischen Behandlung werden nicht nur Knochen, sondern auch Gelenke, Ligamente, Faszien und Muskeln als funktionelle Einheit osteopathisch angegangen. In Abbildung 1 sind einige Techniken aufgelistet, die medizinische Osteopathen bzw. Osteopathinnen verwenden.

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Abbildung 1:

Einzelne Techniken, die medizinische Osteopathen und Osteopathinnen verwenden.

Inhalte

Muskel-Energie-Technik (MET), Strain/Counterstrain, Facial Approach und Myofaszialer Release sind Methoden, die am Bewegungsapparat angewendet werden (Abb. 1). Zu ihnen gehört auch die HVLA(high velocity, low amplitude)-Methode, die Behandlung mit Impuls, die vor allem Manualmedizinerinnen und -mediziner und Chiropraktorinnen und Chiropraktoren anwenden.

Die medizinische Osteopathie verlangt nach einem deutlich höheren Grad an sensiblem Potenzial in Fingern und Hand als in der Schulmedizin üblich. Die ­Fähigkeit, kleine Unterschiede in der Konsistenz des Gewebes und der Beweglichkeit zu ertasten, wird während der Ausbildung vertieft. Das osteopathisch tätige medizinische Fachpersonal palpiert schichtweise und ertastet so unterschiedliche Spannungen im Gewebe.

Das kommt vor allem beim Tasten der inneren Organe und beim Säugling und Kleinkind zum Tragen. Entsprechende Weiterbildungskurse in altersspezifischer Osteopathie (Pädiatrie, Geriatrie) oder Verbesserung der Tastfähigkeit (Becker-Technik, BLT [balanced ligamentous tension]) führen zur Vertiefung der osteopathischen Fähigkeiten.

Die Basis der Osteopathie stellt die Anatomie des Menschen dar. Manchmal spielen auch embryonale Entwicklungen eine Rolle. Anatomie verbindet sich mit Funktion. Feine Funktionseinschränkungen bilden die Basis für die Diagnostik. Die medizinische Ausbildung in Anatomie und Physiologie bildet eine besonders gute Basis für die osteopathische Tätigkeit. Mit der Integration von medizinischen und osteopathischen Befunden lässt sich ein konkreter Therapieplan erstellen.

Ausbildung

Eine Ausbildung zum osteopathisch tätigen Mediziner bzw. zur osteopathisch tätigen Medizinerin ist in der Schweiz zurzeit nicht möglich (Box 1). In Deutschland bieten zwei Ärztegesellschaften die Aus- und Fortbildung an: die DGOM (Deutsche Gesellschaft für Osteopathische Medizin) und die DAAO (Deutsch-Amerikanische Akademie für Osteopathie). In der Schweiz ist die Ausbildung in Manueller Medizin – diese dauert 8 × 4 Tage, rund 260 Stunden – Voraussetzung für die osteopathische Abrechnung nach KVG.

DGOM und DAAO bieten meist Kurse von drei Tagen an. Die berufsbegleitende Ausbildung dauert rund 400 Stunden und endet wie bei der Manuellen Medizin mit einer Prüfung.

In der Schweiz haben sich Ärztinnen und Ärzte auch in Osteopathie-Schulen für Nichtmedizinerinnen und -mediziner – vor allem für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten – ausgebildet. Ihnen ist eine Verrechnung nach Krankenkassentarif nur nach Bestehen der Prüfung in Manueller Medizin möglich.

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Abbildung 2:

Die Ausbildung in der Schweiz.

Indikationen/Kontraindikationen

Indikationen für die medizinische Osteopathie in der Primärversorgung stellen häufige funktionelle Beschwerden dar (Box 2). Myalgien und uncharakteristische Gelenkschmerzen stellen wohl das Gros der ­Behandlungsmöglichkeiten in der osteopathischen Medizin dar. Aber auch Symptome wie uncharakteristischer Schwindel, uncharakteristische präkordiale Schmerzen oder uncharakteristische Abdominalschmerzen, bei denen die medizinische Abklärung zu ­keinen pathologischen Befunden geführt hat und die trotzdem bestehen bleiben, können osteopathisch angegangen werden.

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Abbildung 3:

Auflistung einzelner Beratungsergebnisse in der Hausarztmedizin nach Häufigkeit.

Akute und chronische entzündliche Krankheiten, Infektionen, Tumoren (Box 3) sind keine Indikation für osteopathische Techniken, ebenso wie metabolische Störungen, frische Frakturen oder Psychosen und ­andere schwere psychische Erkrankungen.

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Abbildung 4:

Die Kontraindikationen.

Disclosure statement

Die Autoren haben keine finanziellen oder persönlichen Verbindungen im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Patrick Landolt

Praxisinstitut

Zürichstrasse 77A

CH-8134 Adliswil

landolt-theus[at]bluewin.ch

Literatur

1 G. Rotter et al.: The effect of osteopathic medicine on pain in musicians with nonspecific chronic neck pain: a randomized controlled trial, in Therapeutic Advances in Musculoskeletal Disease, 2020, Vol. 12: 1–19.

2 P. Landolt-Theus: Die 50 häufigsten Beratungsergebnisse einer Allgemeinpraxis, Schweiz. Med. Wschr. 116 Nr. 14 (1986), 446–9.

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