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Editorial

2022: Die Wende

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2022.20086
Veröffentlichung: 09.02.2022
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2022;22(2):35-35

Neuner-Jehle Stefan

Chefredaktor Primary and Hospital Care

Die Wende vom Leben mit COVID-19, mit all seinen Einschränkungen und Mühen, zum Leben ohne Pandemie hatten wir uns schon für 2021 erhofft. Schon 2021 ­waren viele von uns müde, manche sogar erschöpft. ­Erschöpft von den menschenunwürdigen Zuständen, wenn Gesundheitssysteme kollabierten oder Sterbende isoliert von ihren Angehörigen waren. Frustriert, wenn reiche Länder sich Impfstoff für dritte oder ­weitere Impfungen reservierten, während die Erst-Impfquoten in wirtschaftlich schlecht gestellten Ländern nicht über den einstelligen Bereich hinauskamen, weil kein Impfstoff da war. Müde angesichts der Polarisierung und der endlosen Diskussionen um Freiheit und Impfzwang. Die Fronten sind hier ebenso verhärtet wie bei der Frage, wie nötig, nützlich oder eben ­riskant eine COVID-19-Impfung sei. Journalist:innen, Politiker:innen und selbsternannte Expert:innen überbieten sich mit Fakten (oder eben Fake News) dazu. Am Ende demaskiert die Pandemie unsere Grundeinstellung: Bin ich bereit, das Risiko ­einer Impfnebenwirkung auf mich zu nehmen, zugunsten der Schutzwirkung – die vielleicht nicht so viel mir selbst nützt, dafür dem Versorgungssystem und dem Schutz von Personen mit hohem Risiko für einen gefährlichen Verlauf? ­Mache ich mich durch die Impfverweigerung mitschuldig am Leiden und Tod Infizierter und an der verlängerten Dauer der Pandemie?

Nebst solch ernüchternder Demaskierung von Egoist:innen gibt es auch positive und kreative Ansätze. Benefizkonzerte für Impfwillige, Hausbesuche durch mobile Impfequipen, Gratis-Bratwürste unter dem Motto «Jetzt geht’s um die Wurst!» und «Impfen statt Schimpfen»; das zaubert sogar ein kleines Lächeln hervor. 

Die Wende also: Sie ist 2022 zu schaffen, versichern uns die Epidemiolog:innen – aber nicht ohne eine hohe Durchimpfung der Bevölkerung. Wie schaffen wir das? Mit Überzeugen. Dabei ist es wichtig, Bedenken gegenüber dem Impfen ernst zu nehmen. Philip Tarr et al. haben im Rahmen des Nationalen Forschungsprogrammes 74 «Gesundheitsversorgung» genau hingesehen, welcher Art diese Bedenken sind. Die initialen Forschungsfragen waren, zwei Jahre vor Pandemiebeginn, auf die HPV-Impfung ausgerichtet. Nichtsdestotrotz sind viele Erkenntnisse für den aktuellen Umgang mit Impfkritischen hilfreich. Lesen Sie dazu den spannenden Artikel auf Seite 52 in diesem Heft und den 2. Teil dann in der Ausgabe 03/2022.

Ich weiss, solche Gespräche mit Impfskeptiker:innen sind Zeitfresser und viele haben den Nerv nicht mehr, sie zu führen. Im hausärztlichen Setting sind wir aber weiterhin Lotsen für unsere Patient:innen. Lotsen Sie auch die «Schwierigen» durch die Pandemie und hin zur Chance, die wir alle mit der Impfung in die Hand bekommen haben. Nicht, dass ich in einem Jahr schreiben muss: «2023: Die Wende».Das alleine wäre nicht der Rede wert, die durch Impfung verhinderbaren Kranken und Toten hingegen ­katastrophal.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med.

­Stefan ­Neuner-Jehle

MPH, Institut für ­Hausarztmedizin

Pestalozzistrasse 24

CH-8091 Zürich

Stefan.Neuner-Jehle[at]usz.ch

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