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Editorial

Viele kleine Goliaths

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2022.20123
Veröffentlichung: 09.03.2022
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2022;22(3):68-68

Luchsinger Philippe

Präsident mfe, Haus- und Kinderärzte Schweiz

Sonntag, 13. Februar 2022. In der Schweiz wird gerade Geschichte geschrieben. Die erste Volksinitiative, die das Thema Gesundheitsprävention aufnimmt, könnte von Volk und Ständen angenommen werden. Die hauptsächlich am Abstimmungskampf Beteiligten, die Initiantinnen, die Vertreterinnen der wichtigsten ­Organisationen, die hinter diesem Anliegen stehen, sind in der Grossen Schanze in Bern versammelt und fiebern den Abstimmungsresultaten entgegen: Schaffen wir es?

Kurze Rückblende: Mehr als fünf Jahre sind vergangen, seit in einem Sitzungszimmer in der Berner Altstadt von Ständerat Hans Stöckli eingeladen worden war. Als direkt Involvierter durch die Arbeit in verschiedenen Gesundheitsligen und mit Allianz «Gesunde Schweiz» hatte er eine Vision. Ziel sollte sein, dass der Tabakkonsum in der Schweiz reduziert werden kann, damit die mit dem Rauchen verbundenen gesundheitlichen ­Folgen und das damit verbundene Leiden verringert werden kann. Hans Stöckli hatte erkannt, dass er mit den Ligen allein sein Ziel nicht erreichen kann, die Passivrauchinitiative hatte es gezeigt. Sein Ansatz: Wir nehmen die Gesundheitsberufe mit ins Boot, mit den «Weisskitteln» erhöhen wir unsere Chancen. Kommt dazu, dass die Vorstellung ursprünglich war, die Unterschriften zu sammeln, die Initiative bereitzustellen, den Druck aufs Parlament dadurch zu erhöhen, ein vernünftiges Tabakproduktegesetz zu erarbeiten und zu verabschieden. Die Initiative zur Abstimmung zu bringen, das war eigentlich eine Nummer zu gross.

Grosse Schanze, Bern, kurz nach 12 Uhr, die Urnen sind geschlossen. Gespannt warten alle auf die ersten ­Resultate. Wird Glarus wieder der erste Kanton sein? Wie bei der Hausarztinitiative damals mit 92% Ja? Ein für uns nie erreichbares Resultat! Glarus ist wichtig, ein sogenannter Swing State, wenn wir den gewinnen können, sind wir im Kampf um das Ständemehr schon einen Schritt weiter. Glarus ist tatsächlich der erste Kanton, und sagt mit 200 Stimmen Unterschied Ja!

Nochmals zurück: Die Unterschriftensammlung haben wir knapp geschafft. Und der Plan, die Diskussion um das neue Tabakproduktegesetz positiv zu beeinflussen, ging zunächst auch auf, die Ständerätliche Kommission ist uns in vielen Punkten gefolgt. Die Ernüchterung folgte auf dem Fusse, der Lobbyapparat der Tabakmultis war erwacht und hat mit seinen immensen Mitteln Gegensteuer gegeben. Das Resultat? Unsere Initiative wird vom Parlament abgelehnt, und das Tabakproduktegesetz ist unbrauchbar. Wir müssen in die Abstimmung! Das heisst Analysen erstellen, Strategie diskutieren, Gelder sammeln, Kommunikation auf allen Ebenen ausbauen mit ganz vielen Helferlein. Im Wissen darum, dass die «Gegner» unendlich mehr Geld zur Verfügung haben. Aber eben nicht den Willen, das Engagement.

Draussen scheint die Sonne, drinnen tröpfeln die ­Resultate herein, ein Kanton nach dem anderen. Zen­tralschweiz und St. Gallen sagen Nein, nicht überraschend. Die Abstimmungssendung will uns aufgrund der Hochrechnungen schon zu Siegern erklären, wir sind vorsichtiger, wir haben noch nicht die notwendigen 12 Standesstimmen. Der Aargau stimmt ebenfalls Ja, die Rüeblitorten werden bereitgestellt!

Um 14.30 Uhr ist es so weit: 12 Stände haben Ja gesagt zu «Kinder ohne Tabak», sicher mehr als 55% der Stimmenden ebenfalls. Ein historisches Ereignis, und mfe ist mittendrin. Ein riesiges Dankeschön an alle, die uns so aktiv und engagiert unterstützt haben, zuvorderst unsere Geschäftsstelle! «Wir sind die kleinen Goliaths, die dem grossen Goliath die Stirn geboten haben.» ­(Zitat Hans Stöckli). Nehmen wir das mit für unsere weitere politische Arbeit!

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Redaktionelle ­Verantwortung:

Sandra Hügli-Jost, mfe

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Carlos Quinto, Alexander Möller, Heidi Zinggeler Fuhrer, Philippe Luchsinger. Foto: Philippe Luchsinger.

Korrespondenzadresse

Sandra Hügli-Jost

Kommunikations­beauftragte

mfe Haus- und Kinderärzte

Schweiz

Geschäftsstelle

Effingerstrasse 2

CH-3011 Bern

Sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch

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