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Themenschwerpunkt

Köbu Zürcher und das «Tschendern» 

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2022.20124
Veröffentlichung: 06.07.2022
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2022;22(7):224-224

Riesen Edy

Ehemaliger Redaktor PHC, pensionierter Hausarzt

«Grosspapi, man sagt tschendern und nicht gendern, nicht mit G», erklärt ihm seine Enkelin Sonja und was sie sagt, ist ihm heilig. Neben all seinen gut geratenen Töchtern und Söhnen und einer Schar von Enkelkindern ist sie Köbus Augenstern; Ingenieurin FH, «ämmel» bald schon. Den «Bätscheler» mit Bravour im Sack und jetzt noch den Master. Köbu muss in sich hineinlächeln, dabei platzt er fast vor Stolz. Er streitet es gar nicht ab, das kommt vom Schlag der Chneubühler, die Familie seiner Frau. Blitzgescheite Leute und die Frauen zuvorderst. Wenn sie früher als Bäuerinnen, Hausfrauen, Krankenschwestern, Bäckerinnen und Schneiderinnen arbeiteten, war das nur, weil sie keine Möglichkeit fürs Studium hatten. Die Zürcher (von Langnau) hingegen waren eher die Kraftmeier, das starke Geschlecht. Auch Köbu hatte als Junger geschwungen, sogar einmal einen Kranz, aber wenn er sich unter Kollegen und Freunden umschaut, wird er nachdenklich. Man weiss, dass bei ihm das Denken langsamer geht, aber wenn es in die Gänge kommt, wird es sehr deutlich. Wer ist hier stark? Er dachte oft an die schönen Zeiten als die Familie jung war. Wie hatte er sein Grittli angebetet, und nebenbei gesagt, hat das nie aufgehört. Da lag man also jungverheiratet beieinander und liebte sich und dabei war das Vorzimmer zum Himmel offen, vielleicht 20 Minuten und dann liebte man sich noch fester und dann ging das Himmelstürchen auf für 20 Sekunden und hopps war Grittli schwanger. Jetzt stelle man sich vor, ein paar Minuten Arbeit für den Mann und dann erst noch ein schöner Büetz. Dann aber seine Liebste, jeweils vier mal drei Monate lang grottenübel und vier mal neun Monate schwanger und die Geburten, die sowieso kein Mann lebend überstehen würde, und Stillen und so. Klar hat Köbu geholfen, aber die Arbeit in der Bude war doch streng und man war abends müde und musste noch in den Turnverein oder ins obligatorische Schiessen. Die Hauptlast trug Grittli, und wie sie das machte: mit erhobenem Haupt! Wegen all diesen Umständen hat Köbu lebenslang einen grossen Respekt vor den Frauen.

Und unterdessen hat er noch viel mehr gelernt. Einer seiner Enkel liebt einen Mann und dieser Junge ist ein solch feiner Kerl, das ihn Köbu einfach gern haben muss. Und in der Bekanntschaft gibt es eine junge schöne Frau, die mit ihrer Freundin zusammenlebt. Ja, die Welt ist anders geworden, aber wahrscheinlich ­einfach, weil man diese Dinge nicht mehr verstecken muss. Grittli hat ihm viel geholfen. Sie hat mit ihrer aufgeschlossenen Art, ihrem Humor und ihrer Intelligenz viel schneller begriffen, wohin der Hase läuft. Sie hat ihm nicht nur das Himmelstürchen geöffnet, sondern ihm überhaupt auf die Sprünge geholfen und ihm viele weitere Türen aufgemacht. Also lebt Köbu gut mit all diesen «Tschenderdingen», wo jetzt auch die frau­lichen Männer und männlichen Frauen dazu gehören und neuer-dings eine Sorte Mensch, die dazwischen ist. «Das muss eigenartig sein», denkt Köbu, «und schwierig noch dazu schon wegen der Toilette und diesem und jenem Dings, wo es nicht klar ist, zu wem man gehört.» Nur mit der Sprache will es ihm noch nicht in den Kopf. Die schreiben jetzt z.B. Mitbürger*innen und wie soll das der Bundespräsident oder die -präsidentin jetzt vorlesen bei der Neujahrsansprache? Liebe MitbürgerSterncheninnen, liebe SchweizerSterncheninnen. So ein Quatsch. Aber zugegeben, auch Köbu hat keine Lösung parat. Das Deutsch bleibt für ihn sowieso immer ein Buch mit sieben Siegeln.

Jetzt haben zwei Ärztinnen die Dorfpraxis vom alten Doktor G übernommen. Man muss froh sein, dass es weiter geht. Es ist anders mit diesen jungen Frauen, die sich abwechseln und auswärts wohnen. Aber Grittli ist begeistert, weil es wirklich Zeit war für den alten Dr. Gaga (Dorfname), der nach Grittli schon leicht «über­ziitig» war. Man muss zwar jetzt nachts und am Wochenende ins Bezirksspital auf den Notfall, aber sonst kommt das gut. Köbu wird es etwas «gschmuuch», wenn er an die fällige Untersuchung der Prostata denkt. Grittli meint nur schmunzelnd, er sehe jetzt, wie das für Generationen für Frauen beim Frauenarzt gewesen sei. Er solle sich nicht so anstellen. Das sei jetzt eben auch «Tschender», aber auf die andere Seite. Köbu sagt dazu, man habe eben nie ausgelernt, das sei das Einzige von dem er Gewissheit habe und irgendwie stelle sich das, was einem zuerst störe, später als das Interessanteste heraus. So gesehen sei er gespannt, was noch alles auf ihn zukomme in dieser «geschtenderten» Welt. Einer hat ihm einmal gesagt, ein neugieriger Mensch werde nie so richtig alt, weil ja die Seele das Alter bestimme und das hat er sich fest hinter die Ohren geschrieben.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Edy Riesen

Hauptstrasse 100

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edy.riesen[a]gmx.ch]

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