Lehre

Welche Schlussfolgerungen und welche Zukunftsperspektiven?

Anpassungen im Medizinstudium in der Schweiz seit der ­SARS-CoV-2-Pandemie

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2023.10474
Veröffentlichung: 11.01.2023

Silvana Romerioa, Olivier Pascheb, Arabelle Riederc

a Universitäres Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel, Medizinische Fakultät, Universität Basel; b Ausbildungsverantwortlicher, Vizedirektor des Instituts für Hausarztmedizin (IMF), Universität Freiburg; c Responsable d’enseignement en contexte de stage, Institut universitaire de Médecine de la Famille et de l’Enfance (IuMFE), Faculté de Médecine, Université de Genève

Sollten wir die SARS-CoV-2-Krise als eine Gelegenheit sehen, uns für die ebenso unerwarteten wie eigenartigen Erfahrungen zu bedanken, die wir – Dozierende, praktizierende Ärztinnen und Ärzte sowie Studierende – in einem Pandemiejahr gemeinsam erlebt haben? Die Analyse der Erfahrungen der Studierenden zeigt so etwas wie frische Energie, deren Mehrwert auf dem Geist von Initiative und Innovation beruht, den die ungünstigen Umstände wider Erwarten angeregt zu haben scheinen. In diesem Artikel erörtern wir einige Erfahrungsberichte aus einem Studienjahr in Krisenzeiten.

Einleitung

Wie die Dozierenden aller Hochschulen in der Schweiz und weltweit mussten sich die Lehrbeauftragten (LB) der Schweizer Institute für Hausarztmedizin sehr rasch an die tiefgreifenden Veränderungen anpassen, die seit der ersten SARS-CoV-2-Welle im März 2020 bei ihrem Auftrag zur Übermittlung von medizinischem Wissen und Know-how an die Medizinstudierenden eingetreten sind [1]. Die Medizinstudierenden waren damit konfrontiert, dass Präsenz-Lehrveranstaltungen annulliert, stark geändert oder verringert wurden. Die LB und Studierenden mussten sich mit innovativen Lehrmethoden vertraut machen, was von allen Beteiligten einen erheblichen Anpassungsaufwand erforderte. Der Lockdown für die Schweizer Bevölkerung in der ersten Pandemiewelle im März 2020 war auch von zahlreichen Einzelinitiativen studentischer Solidarität geprägt. So unterstützten Studierende die überlastungsbedrohten Spitäler und meldeten sich je nach Bedarf der Kantone als Freiwillige (Hotline, Unterstützung bei PCR-Tests in der Notfallabteilung usw.) [2].

In diesem Zusammenhang und nach über einem Jahr tiefgreifender Veränderungen für LB und Studierende beschreibt die Gruppe Lehre der Swiss Academy of Family Medicine (SAFMED), der LB der Schweizer Institute für Hausarztmedizin angehören, einige bemerkenswerte und oftmals inspirierende Aspekte dieser anstrengenden und fachlich wie pädagogisch anspruchsvollen Zeit. Wir stützen uns auf mehrere Informationsquellen:

eine Umfrage der Universität Basel [3];

Erfahrungs- und Erlebnisberichte von Medizinstudierenden an drei Schweizer Medizinfakultäten (Basel, Freiburg und Genf) sowie von LB an Instituten für Hausarztmedizin (Basel, St. Gallen, Lausanne, Bern), die im April und Mai 2021 per E-Mail kontaktiert wurden.

Umfrage unter Medizinstudierenden in Basel

Die Rücklaufquote einer Umfrage der medizinischen Fakultät Basel, die sich an alle Studierenden richtete, betrug etwas weniger als 20%, mit Ausnahme der Studierenden im 2. Masterstudienjahr 2MA; 3,4%). Die Studierenden im 2MA befanden sich zu Beginn der Pandemie im Wahlstudienjahr und waren darum nicht direkt von der Lehre betroffen, wodurch sich die geringe Antwortrate erklären könnte.

Themen der Umfrage waren Informationsmanagement, digitales Lernen und selbstständiges Studium. Bei einem medianen Ergebnis von 5 (auf einer Skala von 1 für «trifft nicht zu» bis 6 für «trifft vollständig zu») zeigten sich die Studierenden zufrieden mit den von der Universität zur Verfügung gestellten Informationen. Informationen zu Prüfungen wurden indes lediglich als ausreichend mit einem medianen Ergebnis von 4 bewertet.

Auch die Verfügbarkeit und Qualität des bereitgestellten Lehrmaterials wurden lediglich als ausreichend bewertet. Die Studierenden zogen aufgezeichnete Vorlesungen deutlich vor. Streaming ohne Aufzeichnung wurde weniger geschätzt.

Selbststudium war für zahlreiche Studierende eine Problemquelle. Sie hatten Motivationsschwierigkeiten und bewerteten ihr Lernen nur als ausreichend.

Der Mehrheit der Studierenden fehlten die praktischen Übungen und sozialen Interaktionen.

Individuelle Stimmen von Medizinstudierenden

Um eine Vorstellung von den individuellen Erfahrungen der Medizinstudierenden an drei Fakultäten (Basel, Freiburg und Genf) zu erhalten, fragten wir Studierende per E-Mail, welche Schwierigkeiten und vor allem welche Perspektiven und Wünsche für die Zukunft sie hatten, wenn sie an ihre Erfahrungen während der Pandemiewellen zwischen März 2020 und März 2021 dachten. Hier eine Zusammenfassung ihrer Antworten.

Basel

An der medizinischen Fakultät Basel beantworteten fünf Studierende aus verschiedenen Studienjahren die Fragen. Beeindruckend ist die Anpassungsfähigkeit dieser jungen Erwachsenen: Auch wenn sie in einer äusserst wichtigen Lebensphase – jener der Sozialisation – deutlich eingeschränkt und bisweilen auch mit Episoden der Depression konfrontiert waren, gelang es ihnen allen, sich zu motivieren und weiterzumachen. Manche haben sich in Kleingruppen zusammengeschlossen, um Kurse gemeinsam verfolgen und Ideen austauschen zu können, oder haben sich im Freien getroffen, um gemeinsam lernen oder an Projekten arbeiten zu können. Zwar fehlten ihnen die gewohnte Tagesstruktur, die Sozialkontakte, der Sport oder auch der Studentenjob, gleichwohl konnten sie eine neue Struktur finden und sogar positive Aspekte hervorheben, etwa die grössere Lernflexibilität durch aufgezeichnete Vorlesungen.

Genf

In Genf verwiesen die Bachelor-Studierenden auf die «Bedeutung der Ärztinnen und Ärzte als Wissensvermittler» und darauf, dass ihnen Mittel zur Verfügung stehen müssen, damit sie ihre Rolle als Gesundheitsförderer erfüllen können. Dieselben Studierenden äusserten ihre Hoffnung auf «eine Welt, in der Tatsachen wichtiger als individuelle Meinungen sind». Ihnen zufolge sollten die Erfahrungen aus der Pandemie und die Instrumente, die entwickelt wurden, um die Bevölkerung darüber aufzuklären, «auch auf andere Probleme angewandt werden, (…) insbesondere die Klimakrise und ihre Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung». Sie erklärten, den Eindruck zu haben, «von den Behörden allein gelassen worden und sogar eine Studierendengeneration zu sein, die geopfert wurde». Dies veranlasste manche, die am Ende der Ausbildung standen, ihre Investitionen in das Medizinstudium zu minimieren und sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Der Tenor der Antworten war jedoch nicht immer so dramatisch: Eine Studierende, die ihr klinisches Praktikum begonnen hatte, verwies im Hinblick auf die möglichen Zukunftsperspektiven nach der Pandemie auf den pragmatischen Aspekt, dass «man mehr auf Händedesinfektion achten» werde.

Freiburg

Auch in Freiburg äusserten die Studierenden Sorgen über ihre Zukunft. Manche befürchteten die Auswirkungen des Lockdowns und der Telearbeit auf die Ausbildungsqualität, andere hoben die Folgen der lockdownbedingten sozialen Vereinzelung hervor. Sie schienen es mit denselben Lösungen wie ihre Genfer und Basler Kolleginnen und Kollegen versucht zu haben, etwa mit der Bildung von kleinen Arbeitsgruppen, um die Interaktionen mit anderen Studierenden beizubehalten. Alle gaben an, das Angebot der Fakultät, Seminare in Kleingruppen zu besuchen, besonders geschätzt zu haben, und begrüssten, dass die klinischen Praktika trotz der Beschränkungen stattfinden konnten. Dieser Zeitraum scheint die Gelegenheit gewesen zu sein, Eigenverantwortung zu entwickeln und ein neues Gleichgewicht zwischen Studium und Freizeit anzustreben, insbesondere in der Natur. Darüber hinaus scheint die Verallgemeinerung der Telearbeit ihr Interesse an der Klinik gefördert und sie für die klinischen Praktika motiviert zu haben.

Individuelle Stimmen von LB in Hausarztmedizin

Den Fernunterricht mit den Studierenden in Rekordzeit in den ersten Tagen des Lockdowns organisieren zu müssen, war die grösste Schwierigkeit, auf die alle Schweizer Institute hinweisen. Die Dozierenden unterstrichen das Gefühl der Einsamkeit, wenn sie allein im leeren Hörsaal zu einer Kamera sprachen, und bedauerten das Fehlen des persönlichen Kontakts mit den Studierenden über einen längeren Zeitraum. Durch Lösungen, die mit der wertvollen Unterstützung der äusserst reaktionsschnellen Fakultäten gefunden wurden, konnte man mit den Studierenden mittels Online-Lehrmethoden in Kleingruppen in Kontakt bleiben. Die Lehre wurde auch innovativ, etwa indem Präsenz- und Fernunterricht mithilfe einiger weniger Studierender vor Ort zur Demonstration der klinischen Handgriffe kombiniert wurden. In Lausanne wurden die leeren Hörsäle für eine bessere Lehrerfahrung durch Aufnahmestudios abgelöst.

Die Lehre konnte insgesamt aufrechterhalten werden, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Das klinische Studium in den Spitälern und Praxen wurde beibehalten, was ein wichtiger Faktor dieser für Dozierende und Studierende verunsichernden Zeit war.

Zukunftsperspektiven

Eine Tatsache scheint aus den Antworten sowohl der Studierenden als auch der Dozierenden hervorzugehen: Die SARS-CoV-2-Krise wirkte sich aufgrund ihrer Unvorhersehbarkeit mobilisierend auf persönliche Initiativen und stimulierend auf die individuelle, digitale, beziehungsbezogene und soziale Widerstandsfähigkeit aus. Sie regte auch zur Anwendung neuer didaktischer Ansätze an, von denen manche sicherlich auch nach dieser schwierigen Zeit beibehalten werden, insbesondere der Fernunterricht, von dem zahlreiche Stimmen fordern, ihn als fakultative Option zu erhalten. Dieses Thema ist Gegenstand von Debatten in der internationalen Fachliteratur [4]. Gleichzeitig stellen wir fest, dass diese Zeit indirekt die Bedeutung der persönlichen Beziehungen für die Übermittlung von Wissen und klinischen Kompetenzen im weiteren Sinne gezeigt hat; dies ist der Vorzug des begleiteten Lernens, wie die Studierenden in ihren Praktika erfahren konnten. Viele sehen in der Hausarztmedizin einen bevorzugten Bereich für diese traditionellere Art der Lehre, die im Aufwind zu sein scheint.

Schlussfolgerungen

Insgesamt hat diese turbulente Zeit dazu geführt, dass sich die junge Generation insbesondere des Platzes des Individuums in einer sich tief verändernden Welt bewusst geworden ist. Diese Haltung, die geeignet ist, dem philosophischen Schwung eines erheblichen Teils der Studierenden Ausdruck zu verleihen, könnte sich dadurch zeigen, dass sie zum Aufbau von Institutionen beitragen, die krisenresistenter sind als jene, die wir bisher kannten. Damit die junge Generation ein bisschen von der Zukunft träumen kann und diese Träume wahr werden, ist ohne Zweifel eine durchdachte Kombination aus Innovationsgeist und einer gewissen Abschwächung der normierenden Tendenzen nötig, die in den letzten Jahrzehnten in unserer Gesellschaft in Mode waren.

Disclosure Statement

Die Autorinnen und Autoren haben deklariert, keine finanziellen oder persönlichen Verbindungen im Zusammenhang mit diesem Beitrag zu haben.

Korrespondenzadresse

Arabelle Rieder, MD

Chargée d’enseignement

Institut de Médecine de Famille et de l’Enfance

Rue Michel-Servet 1

CH-1206 Genève

Literatur

1 Dost S, Hossain A, Shehab M, Abdelwahed A, Al-Nusair L. Perceptions of medical students towards online teaching during the COVID-19 pandemic: a national cross-sectional survey of 2721 UK medical students. BMJ Open. 2020 Nov 5;10(11):e042378. doi: 10.1136/bmjopen-2020-042378.

2 Aebischer O, Porret R, Pawlowska V, Barbier J, Caratsch L, Moreira De Jesus M, et al. Étudiant·e·s en médecine engagé·e·s au chevet des patient·e·s hospitalisé·e·s pour COVID-19 Motivations et enjeux. Rev Med Suisse. 2020 May 6;16(692):958–61.

3 Semesterabschluss-Evaluation Online-Formate, Frühjahrsemester 2020, Medizinische Fakultät, Universität Basel.

4 Everard KM, Zoberi Schiel K. Changes in Family Medicine Clerkship Teaching Due to the COVID-19 Pandemic. Fam Med. 2021 Apr;53(4):282–4.

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