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Interview mit Dr. med. Philippe Luchsinger, Hausarzt und Präsident mfe, und Marianne Pfister, ­Geschäftsführerin Spitex Schweiz

Hausärzteschaft und Spitex: ein starkes Team mit Zukunft

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2022.20189
Veröffentlichung: 03.08.2022
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2022;22(8):228-231

Das Interview führten:, Hügli Sandraa, Morf Kathrinb

a Kommunikationsbeauftragte mfe

b Redaktionsleiterin "Spitex Magazin"

Die Nachfrage nach ambulanten Leistungen wächst stetig, während der Fachkräftemangel für Spitex und Hausärzteschaft eine Herausforderung ist. Wie kann das «Team Hausärzte-Spitex» trotz dieser Ausgangslage weiterhin gemeinsam eine qualitativ hochstehende ambulante Versorgung gewährleisten? Über diese und weitere Fragen diskutieren Marianne Pfister, Geschäftsführerin von Spitex Schweiz, und Philippe Luchsinger, Präsident von mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz.

Zu den Personen

Marianne Pfister hat eine Ausbildung zur Pflegefachfrau Psychiatrie, ein Jurastudium sowie ein Nachdiplomstudium zum Master of Health Administration MHA absolviert. In der Vergangenheit arbeitete sie unter anderem im Bundesamt für Gesundheit (BAG). Seit 2015 ist sie Geschäftsführerin von Spitex Schweiz.

Dr. med. Philippe Luchsinger ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH. Seit 1988 ist er in Affoltern am Albis ZH als Hausarzt in eigener Praxis tätig – anfangs in einer Einzelpraxis, heute in einem grösseren Team. Seit 2016 ist er Präsident von mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz.

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Spitex Schweiz und mfe stellten 2017 in einer ­gemeinsamen Medienmitteilung klar, dass eine bessere Zusammenarbeit der Leistungserbringer nötig sei, um die markante Zunahme der ambulanten ärztlichen und pflegerischen Leistungen zu bewältigen. Wieso ist es besonders wichtig, dass die Hausärztinnen und Hausärzte1  mit der Spitex ein Team bilden?

Philippe Luchsinger (PL): Das Team Hausärzte-Spitex braucht es, weil dieselben Patientinnen und Patienten auf uns angewiesen sind. In ihrer Versorgung hat die Spitex genauso wichtige Kompetenzen wie die Hausärzte und zunehmend überschneiden sich diese Kompetenzen. Die Politik muss nun dafür sorgen, dass wir die Voraussetzungen vorfinden, um unsere gemeinsame Arbeit gut zu machen.

Marianne Pfister (MP): Damit Menschen trotz Krankheit oder Beeinträchtigung zu Hause leben können, braucht es den Hausarzt und die Fachpersonen der Spitex. Die Spitex ergänzt den Hausarzt gut, weil die Spitex ihre Klienten regelmässig sieht und dadurch Veränderungen wahrnimmt, die dem Arzt nicht auffallen. Hausärzte und Spitex bilden ein wichtiges Tandem – und dieses wird mit dem Leitsatz «ambulant vor stationär» immer bedeutsamer.

PL: Dieses «ambulant vor stationär» erleben wir derzeit auch hinsichtlich der Entwicklung, dass Menschen nicht mehr in Alters- und Pflegeheime wollen. Die ­Covid-19-Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt und auch Menschen mit hohem Pflegebedarf wollen länger zu Hause bleiben. Dies stellt sehr hohe Ansprüche an die Ärzteschaft und Pflege.

MP: Die wachsende Nachfrage nach ambulanten Leistungen bringt es mit sich, dass sich immer mehr Leistungserbringer dafür interessieren, wie die Spitäler zum Beispiel.

Verschiedene Spitäler entwickeln derzeit ambulante Angebote, zum Beispiel rund um «Hospital at Home» in Zürich. Was bedeutet ihr Vordringen in den ambulanten Bereich?

MP: Der Begriff «Patient at Home» gefällt mir besser. Dieses Modell ist nicht neu und wird vom Team Hausärzte-Spitex seit langem erfolgreich umgesetzt und weiterentwickelt.

PL: Die Spitäler werden schon noch merken, dass die Versorgung zu Hause komplexer und schwieriger ist, als sie es sich vorstellen. Bei der umfassenden Arbeit der Gesundheitsversorgung zu Hause zeigt sich der Vorteil des Teams Spitex-Hausärzte: Wir versuchen, an das ganze System zu denken – und auch für das ganze System Lösungen zu finden.

MP: Im Gegensatz zum Spital ist ein Patient im ambulanten Setting den grössten Teil des Tages autonom, und damit müssen Leistungserbringer umgehen können. Das Konzept «Hospital at Home» existiert seit langem erfolgreich und es ist wichtig, dass die Spitäler bei solchen Modellen mit uns zusammenarbeiten.

PL: Ich habe bisher aber von keinem Fall gehört, in dem die Spitäler uns in ihre Planung eingebunden haben. Da die stationären Leistungen immer weniger werden, versuchen sie als Ausweg den Versicherern ein existierendes Modell unter einem neuen Namen zu verkaufen.

Früher hatte der Arzt «das Sagen» und die Pflegefachpersonen folgten seinen Anweisungen. 2017 nahmen Sie, Philippe Luchsinger, Stellung zu diesem Thema und hielten fest, dass der Arzt in der Kooperation mit der Spitex nicht mehr «immer der Chef sein muss». Wie gestaltet sich eine ideale Kooperation zwischen Hausärzten und Spitex?

MP: Ich betrachte integrierte Versorgung als Kultur, die man täglich leben muss. Diese Kultur beinhaltet, dass alle ambulanten Leistungserbringer gemeinsam ihre Rolle als «Gatekeeper» wahrnehmen: Kommt ein Patient zu ihnen, analysieren sie, welche Leistungen er braucht und wer die besten Kompetenzen dafür hat.

PL: Zum Glück hat in Bezug auf die erwähnte Kultur der integrierten Versorgung ein Wandel stattgefunden: Heute wird nicht mehr so hierarchisch gearbeitet wie früher. In einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe sehe ich mich als Informant für die Spitex darüber, was ich über einen Patienten aus medizinischer Sicht berichten kann. Die Spitex hält dann fest, was der Patient aus pflegerischer Sicht braucht und nimmt umfangreiche Kompetenzen wahr

MP: Wir sind auf gutem Weg, aber ein Kulturwandel braucht Zeit und die richtigen Rahmenbedingungen. Spitex Schweiz und mfe haben 2017 den Leitfaden ­«Erfolgsfaktoren für den Aufbau integrierter Versorgungsmodelle» [1] mitverfasst. Dabei hat sich eindrücklich gezeigt, dass sehr vielschichtige Faktoren für das Funktionieren einer integrierten Versorgungskultur nötig sind.

Es scheint allerdings, dass der Wille zur Kooperation nicht überall besteht? Alte Rollenbilder und das «Gärtchendenken» der einzelnen Leistungserbringer halten sich offenbar hartnäckig.

PL: Damit integrierte Versorgung funktioniert, müssen neben externen auch interne Faktoren stimmen. Jede einzelne Berufsgruppe und Fachperson muss sich als Teil des interprofessionellen Teams sehen. Daran arbeiten die Spitex und die Hausärzteschaft – aber auch viele andere Berufe wie Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Ernährungsberater. Und im Sinne des «Shared Decision Makings» muss auch der Patient in das Team eingebunden werden.

MP: Auch die Kompetenzen der Klientinnen und Klienten müssen in der Versorgung berücksichtigt werden. Einige kommen zum Beispiel nicht allein zurecht im immer komplexer werdenden Gesundheitssystem und brauchen viele Koordinationsleistungen.

Ist vielleicht das Image daran schuld, dass Spitex und Hausärzteschaft teilweise um die Finanzierung ihrer Leistungen kämpfen müssen?

PL: In den vergangenen 30 Jahren hat sich das Image des Hausarztberufes stark zum Positiven gewandelt und die Emanzipation in der akademischen Arbeit hat zu einem besseren Stellenwert in der gesamten Ärzteschaft geführt. Für die Bevölkerung waren wir immer ein fixer Wert in der Gesundheitsversorgung und wir Hausärzte geniessen in der Bevölkerung sogar die höchste Glaubwürdigkeit.

MP: Die Pflege hat ebenfalls eine Weiterentwicklung erlebt und ihre Kompetenzen werden von Leistungserbringern wie den Hausärzten stärker akzeptiert als früher. Trotz des guten Rufs der Spitex in der Bevölkerung hat sie in Bezug auf ihr Image aber noch Hausaufgaben zu erledigen: Ein Grossteil der Bevölkerung weiss nicht, wie breit und professionell das Angebot der ­Spitex heute ist. Zentral sind darum Kommunikation und politische Arbeit.

Derzeit wird die Umsetzung der Pflegeinitiative ­vorangetrieben, die eine grössere Autonomie der ­Pflegefachpersonen verheisst. Stört es die Hausärzte nicht, wenn die Spitex künftig weniger ärztliche ­Anordnungen braucht?

PL: Überhaupt nicht. Wir Hausärzte engagieren uns auch für Interprofessionalität, weil wir auf einen Fachkräftemangel zusteuern. Wir müssen vorsorgend überdenken, wie wir die Arbeit neu aufteilen können, um alle kranken und beeinträchtigten Menschen versorgen zu können. Künftig könnten beispielsweise Fachpersonen Aufgaben übernehmen, die sie laut den heutigen Berufsprofilen nicht übernehmen dürfen.

MP: Die Spitex bräuchte bei der Koordination und Beratung sowie den Leistungen der Grundpflege im Gegensatz zur Behandlungspflege eigentlich keine Anordnung eines Arztes. Wollen wir den Fachkräftemangel bekämpfen und die Attraktivität des Pflegeberufes stärken, dürfen wir die Pflegefachpersonen nicht weiter in ihrer Autonomie einschränken.

Könnte das Versorgungsmodell Advanced Practice Nurse (APN) eine Lösung für die Schweiz und ein Modell der Zukunft sein?

MP: Den Einsatz von Pflegeexpertinnen APN halte ich für ein gutes Beispiel, um die Übergänge zwischen den Leistungserbringern zu optimieren. Allgemeingültige Aussagen darüber, welche Aufgaben die Spitex, welche der Arzt und welche beide gemeinsam übernehmen sollten, kann man aber kaum machen. Die Kultur der integrierten Versorgung verlangt nach gemeinsamen Entscheidungen über die jeweilige Aufgabenteilung.

PL: APN sind eine mögliche Antwort zur künftigen ­Arbeitsteilung. Wichtig ist, dass die Arbeit aller Berufsgruppen gut ineinander spielt. Übergänge zwischen gemeinsamen Bereichen müssen fliessen und keine Unterbrüche in der Versorgung sein. Darum sollten wir auch von «Nahtstellen» statt von «Schnittstellen» sprechen.

In der Gesundheitsbranche wird oft von Sensoren und digitalem Datenaustausch gesprochen. Wie ­werden Digitalisierung und Technologisierung die ­Kooperation zwischen Spitex und Hausärzteschaft verändern?

MP: Durch die Digitalisierung wird es immer mehr Möglichkeiten geben, wie verschiedene Akteure miteinander kommunizieren können. Diese Technologien werden uns auch helfen, bisher zeitaufwendige Auf­gaben einfacher wahrzunehmen, beispielsweise durch die Überwachung von Vitalwerten aus der Ferne dank Sensoren.

PL: Solche Hilfsmittel werden uns allerdings nie ersetzen können, sie können aber unsere Arbeit erleichtern. Beispielsweise sind Gespräche mit einem Patienten über Videotelefonie in der schnell wachsenden ambulanten psychiatrischen Versorgung eine gute Ergänzung zu Gesprächen vor Ort.

Der Austausch von Patientendaten gilt derzeit als besonders grosse Herausforderung in der integrierten Versorgung. Wichtig ist ein reibungsloser Austausch vor allem in Bezug auf die Medikation. Was fordern Sie hier?

MP: Die Patientensicherheit ist besonders an den Nahtstellen gefährdet. Teilweise werden einer Patientin im Spital, bei der Hausärztin und beim Psychiater Medikamente verschrieben und die Spitex muss mühsam mit allen Ärzten Rücksprache nehmen, welche Medikamente die Klientin nun einnehmen soll. Gemeinsam genutzte digitale Systeme wären hier sehr hilfreich.

PL: Meiner Meinung nach funktionieren Kooperationen am besten, wenn alle beteiligten Leistungserbringer unter einem Dach zu finden und mit dem gleichen digitalen System und einem gemeinsamen Patientendossier tätig sind. So eine Plattform bräuchten alle ambulanten Leistungserbringer und idealerweise hätten auch Spitäler darauf Zugriff. Wir Hausärzte weisen seit zehn Jahren darauf hin, dass es in der Schweiz ein standardisiertes System für den Austausch zwischen den Leistungserbringern braucht, damit nicht jede Praxis sich selbst organisieren muss. Das ist für mich eines der wichtigsten Ziele im Gesundheitswesen.

Muss dieses einheitliche System vom Bund zur ­Verfügung gestellt werden oder sind privatwirtschaftliche Lösungen denkbar?

PL: Im Ausland gibt es Systeme, bei denen dies sehr gut funktioniert – und die sind allesamt staatlich. Die existierenden privatwirtschaftlichen Lösungen vermögen das nicht zu garantieren. Auch das elektronische Patientendossier (EPD) wird nie in der Lage sein, eine digitale Plattform für die interprofessionelle Kommunikation zu sein.

MP: Wir dürfen nicht tatenlos auf das geforderte System warten und können bereits jetzt bei einem gemeinsamen System rund um das wichtige Thema ­Patientensicherheit ansetzen. Wir brauchen Projekte, welche auf die gesamte Behandlungskette zugeschnitten sind.

PL: Man müsste auch auf interprofessionelle Qualitätszirkel setzen, welche heute nur in wenigen Fällen vergütet sind und darum sehr selten sind. Es bräuchte ein neues Finanzierungssystem, das auch Qualitätszirkel fördert, in denen Hausärzte und Spitex vertreten sind.

Betrachten wir ein weiteres grosses Thema der ­Finanzierung von interprofessioneller Arbeit: ­Derzeit werden ambulante und stationäre Leistungen unterschiedlich finanziert. Könnte die einheit­liche Finanzierung ambulanter und stationärer ­Leistungen (EFAS) eines Tages die Kooperation Hausärzte-Spitex vereinfachen?

PL: Vor allem in komplexen Fällen ist die Tendenz zu beobachten, dass es für Versicherer günstiger ist, wenn ein Patient stationär versorgt wird statt in seinem Zuhause. Dies ist stossend, weil die Versorgung des Patienten zu Hause für das Gesamtsystem immer am günstigsten ist.

MP: Aus Sicht von Spitex Schweiz könnte EFAS hier Abhilfe schaffen, wenn die Pflege einbezogen wird. Denn für die Versicherer wäre es dann nicht mehr attraktiver, einen Patienten ins Spital zu überweisen, statt ihn zu Hause von der Spitex pflegen zu lassen. Durch EFAS Pflege würde der Patient dort versorgt, wo der Nutzen für ihn am grössten ist – und nicht dort, wo der finanzielle Anreiz am grössten ist.

Wie sehr braucht es die teureren Spitäler in Zukunft überhaupt noch angesichts der Tatsache, dass die ­ambulanten Leistungserbringer immer komplexere Fälle übernehmen können?

MP: Es braucht die Spitäler auch in Zukunft, aber primär als Zentren für medizintechnisch komplexe Aufgaben und mit einer massiv kürzeren Aufenthaltsdauer der Patienten.

PL: Spitäler sind nun einmal extrem teuer aufgrund ­ihrer Infrastruktur und ihres Personals. Statt dass man die Spitäler puscht, sollte man schauen, wo es dieses teure Angebot wirklich braucht – und wo man statt­dessen auf den ambulanten Bereich setzt.

Würden Sie abschliessend in «Kürze und Würze» ­zusammenfassen, was sich ändern muss, damit das zu Beginn eingeführte «Team Spitex-Hausärzte» in ­Zukunft seine volle positive Wirkung entfalten kann?

PL: Es braucht die Anerkennung des Aufwands für interprofessionelle Arbeit und es braucht eine gesetzlich geregelte, gemeinsame Basis für alle Leistungserbringer für die interprofessionelle Arbeit.

MP: Diese Basis muss zum Beispiel einheitliche Instrumente für die Kommunikation und den Datenaustausch zwischen den Leistungserbringern umfassen. Weiter muss die bedarfsgerechte Versorgung aller Menschen mit medizinischen, pflegerischen und ­betreuerischen Leistungen angemessen finanziert werden.

PL: Nur, wenn all diese Forderungen erfüllt werden, können wir all unseren Patientinnen und Patienten auch in Zukunft Qualität und Sicherheit garantieren.

Redaktionelle ­Verantwortung:

Sandra Hügli-Jost, mfe

Korrespondenzadresse

Sandra Hügli-Jost

Kommunikations­beauftragte

mfe Haus- und Kinderärzte

Schweiz

Geschäftsstelle

Effingerstrasse 2

CH-3011 Bern

Sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch

Literatur

1. Kündig J, Hametner C, Höchli D, Kirschner M, Luchsinger P, Wiesli R Leitfaden «Erfolgsfaktoren für den Aufbau integrierter Versorgungsmodelle». https://www.spitex.ch/files/M8YBZYB/2021_05_31_broschuere_integrierte_versorgung_de.pdf

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