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Eine dreimonatige Indienreise – im Rollstuhl

«Ich bin vom Indienvirus infiziert»

Interview: Nadja Pecinska, Stefan Neuner-Jehle

DOI: 10.4414/phc-d.2017.01394
Veröffentlichung: 11.01.2017
Prim Hosp Care (de). 2017;17(01):21-22

Der Basler Übersetzer, Blogger und Weltenreisender Walter Beutler ist aufgrund von Kinderlähmung seit seiner frühen Kindheit Rollstuhlfahrer. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, immer wieder zu grossen Reisen aufzubrechen.

Im 2015 haben Sie Ihren Rollstuhl ins Flugzeug verladen und sind zu einer dreimonatigen Reise durch Indien aufgebrochen. Was war Ihr Hauptgrund für diese Reise? Und wie lange ist die Idee in Ihnen gereift, bis Sie sie in die Tat umgesetzt haben?

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Ich war nicht das erste Mal in Indien, wusste also bereits, wie Indien tickt. Allerdings war ich die beiden anderen Male nur in Südindien, während ich auf meiner letzten Reise im Winter 2015 auch den Norden bereisen und insbesondere Varanasi, die heilige Stadt am Ganges, sehen wollte. Indien als Subkontinent hat mich schon lange interessiert – wegen seiner Vielfalt, aber hauptsächlich weil Indien so ganz anders ist als der Rest der Welt. Als ich mich vor ein paar Jahren entschloss, ein erstes Mal nach Indien zu reisen – und zwar alleine und auf eigene Faust –, war der Knackpunkt, von der Schweiz aus eine Unterkunft zu finden, die möglichst rollstuhlgängig war und wo ich zur Not die ganze Zeit meines ersten Indienaufenthaltes verbringen konnte. Als diese Unterkunft gefunden war, nahe Pondicherry im Osten Südindiens, stand der Reise nichts mehr im Wege. Ich verstand die Unterkunft als eine Art Basisstation, von wo aus ich je nach Möglichkeiten immer grössere Kreise ziehen konnte.

Wie wird man in Indien als Mensch mit Behinderung empfangen und behandelt? Was sind die grössten Unterschiede, verglichen mit der Schweiz?

Menschen mit Behinderung sind in Indien selbstverständlicher Teil des öffentlichen Alltags. Noch nicht so bei uns in der Schweiz. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass es in Indien weniger Sondereinrichtungen für solche Menschen gibt. Der Nachteil: Sie bekommen auch weniger Unterstützung in ihren besonderen Bedürfnissen. So ist es zum Beispiel alles andere als eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit einer Körperbehinderung einen Rollstuhl erhalten, wenn das nötig ist. Aufgefallen ist mir die Offenheit der Menschen, ihr Interesse, ja ihre Neugier. Sobald ich mit meinem Swiss-Trac, einem äusserst hilfreichen Rollstuhlzuggerät, an belebten Orten unterwegs war, kamen die Leute auf mich zu und stellten mir Fragen: ob der Trac mit Benzin oder elektrisch angetrieben sei, wieviel er koste. Blieb ich stehen, so bildete sich oft eine Menschentraube um mich. Manchmal wurde mir das fast zuviel, und ich hätte mir eine Tarnkappe gewünscht, um die indische Lebenswelt unerkannt und in Ruhe beobachten zu können.

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Unterschiedliche Gefährte für Behinderte aus unterschiedlichen Welten. Foto: Beat Schaub.

Was war Ihr schönstes Erlebnis auf der Reise?

Besonders berührten mich Begegnungen, die ich mit einheimischen Körperbehinderten hatte. Trotz sprachlicher Barrieren – die wenigsten von ihnen sprachen einigermassen Englisch – und kultureller Unterschiede fanden wir aus naheliegenden Gründen bald einen Draht zueinander und konnten uns – mal besser, mal weniger gut – über unsere Erfahrungen und Lebensumstände austauschen.

Was war Ihre schlimmste Erfahrung?

Varanasi, die heilige Stadt am Ganges und mein wichtigstes Reiseziel im Norden Indiens, war ehrlich gesagt ein Schock für mich: schmutzig, lärmig, von den vielen Pilgern überlaufen. Kurz nachdem ich dort ankam, sah ich im Strassengraben einen Mann, der offensichtlich im Sterben lag. Doch das Leben rundherum ging einfach weiter. Niemand kümmerte sich um ihn.

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In den Gassen der Altstadt von Varanasi. Foto: Beat Schaub.

Wie schätzen Sie die Situation von hochgradig Gehbehinderten in Indien ein – gibt es einen grösseren Handlungsbedarf, um deren Situation zu erleichtern? Gibt es Organisationen, die sich darum kümmern? Und wie können wir aus der Schweiz Unterstützung leisten?

Der Handlungsbedarf ist riesig, nicht nur bei den Mobilitätsbehinderten. Der Staat ist in Sachen Behindertenhilfe praktisch nicht anwesend. Wenn etwas geschieht, dann von privater Seite und oft in wohltätiger Art. Doch das ist nicht wirklich, was die Betroffenen brauchen. Vielmehr brauchen sie Chancengleichheit und die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, so dass sie sich, wo immer das möglich ist, selbst helfen und ein gleichwertiger Teil der indischen Gesellschaft werden können. Schon den Kindern fehlt es an angemessener medizinisch-therapeutischer Versorgung. Die Folge: Sie entwickeln ihre Mobilität und ihre Selbständigkeit weit weniger, als dies von der Behinderung her möglich wäre. Ihr Potenzial wird nicht gefördert, was ihr ganzes künftiges Leben prägen wird.

In der Nähe von Varanasi habe ich ein «Behindertendorf» mit Namen Kiran Village kennengelernt. In meinem Buch ist es näher beschrieben. Dort wird hervorragende Arbeit in einem modernen Sinn geleistet. Treibende Kraft und Begründerin des Dorfes ist die Schweizerin Judith Sangheeta Keller, die sich dem Ziel verschrieben hat, Kinder und Jugendliche mit Behinderung so zu fördern, damit sie als Erwachsene «ein möglichst befriedigendes und würdiges Leben in der Gesellschaft leben können». Dass das keine leeren Worte sind, empfand ich deutlich bei einem Rundgang durchs Dorf, geführt selbstverständlich durch einen Rollstuhlfahrer. Kiran heisst auf Hindi «Sonnenstrahl». Und wie ein freundliches, offenes Dorf voller Sonnenstrahlen nahm ich Kiran Village denn auch wahr. Näheres dazu und wie man diese wichtige Arbeit unterstützen kann auf www.kiranvillage.ch.

Sind Sie vorläufig «gesättigt» von dieser abenteuerlichen Reise, oder hegen Sie schon wieder nächste Reisepläne?

Als ich von meiner letzten Reise, die immerhin drei Monate dauerte, zurückkehrte, hatte ich die Empfindung: «So, jetzt hab ich’s gesehen. Es reicht.» Inzwischen sieht es schon wieder etwas anders aus ... Offenbar bin ich vom Indienvirus infiziert. Es gibt Leute, die Indien kennenlernen und das Land bestimmt kein zweites Mal bereisen werden. Andere kehren immer wieder zurück und sind zunehmend fasziniert von diesem vielfältigen Land, das so ganz anders ist – grad so als wäre es ein eigener Planet. Zu diesen Leuten gehöre ich.

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Unterschiedliche Gefährte für Behinderte aus unterschiedlichen Welten. Foto: Beat Schaub.
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In den Gassen der Altstadt von Varanasi. Foto: Beat Schaub.