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Resilienzfaktoren schützen vor Burnout im Arztberuf

Burnout und Resilienz bei ­Ärztinnen und Ärzten

Roland von Känel

DOI: 10.4414/phc-d.2017.01371
Veröffentlichung: 08.02.2017
Prim Hosp Care (de). 2017;17(03):51-56

Burnout infolge von chronischem Stress am Arbeitsplatz ist gesellschaftlich ein zunehmend anerkanntes Phänomen, das auch in den klinischen Alltag der allgemeinmedizinischen Grundversorgung Eingang gefunden hat und von dem Ärztinnen und Ärzte unmittelbar selbst betroffen sind. Resilienz schützt vor Burnout und kann aktiv gefördert werden.

In der erwerbstätigen Bevölkerung Europas und den USA beträgt die Prävalenz für Burnout gemäss repräsentativer Untersuchungen etwa 25% [1–3]. Ärztinnen und Ärzte sind gar doppelt so häufig von Burnout betroffen wie nichtärztliche Erwerbstätige [4, 5]. Unter den einzelnen Fachrichtungen belegen die Grundversorgerinnen und Grundversorger in der Allgemeinen Inneren Medizin einen vorderen Rang [4]; diese Gruppe erfuhr in den USA [4] und in der Schweiz [6] in den letzten paar Jahren auch eine eindeutige Burnout-Zunahme.

Angesichts der umfangreichen Forschung zu den Ursachen für ein berufsbezogenes Burnout-Syndrom [7–9] erhalten Faktoren, die vor Burnout schützen und die Genesung nach einem Burnout unterstützen, ­vergleichsweise weniger Beachtung. Solche Schutzfaktoren («Stresspuffer») werden gemeinhin unter dem Begriff der Resilienz («Widerstandsfähigkeit») zusammengefasst. Die Förderung allgemeiner und für den Arztberuf spezifischer Resilienzfaktoren trägt dazu bei, dass Ärztinnen und Ärzte in ihrem anspruchs­vollen Beruf nicht «ausbrennen», oder sie nach einem Burnout das «feu sacré» wiedererlangen, um ihren ­Beruf selbstfürsorglich, das heisst mit einem gesundheitsverträglichen Engagement, weiterhin ausüben können. Basiskenntnisse zu den gängigen Resilienzfaktoren im Berufsalltag lassen sich zudem für die Therapie von Patienten nutzen, die sich mit einem Burnout präsentieren.

Das Burnout-Syndrom

Fallvignette

Der 58-jährige Herr B. wurde von seinem Hausarzt wegen unklarem Erschöpfungszustand in die psychosomatische Sprechstunde zugewiesen. Mit Ausnahme ­einer neu aufgetretenen leichten arteriellen Hypertonie waren sämtliche somatischen Voruntersuchungen unauffällig. Herr B. hatte sich als Bücherexperte in den letzten 20 Jahren zum Abteilungsleiter hochgearbeitet und noch nie einen Tag am Arbeitsplatz gefehlt. Umso weniger Verständnis brachte er für seinen Sohn auf, der vor einem Jahr das Studium «hingeschmissen» habe und jetzt nur noch «jobbe». Vor zwei Jahren hatte Herr B. eine «sehr fordernde Chefin» erhalten. Wolle er keine Überstunden machen, müsse er «mit hohem Tempo» arbeiten. Eigentlich habe er schon seit drei bis fünf Jahren weniger Energie verspürt, nachdem zwei Personalabgänge aus Spargründen nicht ersetzt worden seien. Vor ­einem halben Jahr und kurz vor den Weihnachtsferien war sein Vater, zu dem er eine enge Beziehung hatte, sehr rasch an einem Lungenkrebs «weggestorben». In den Wochen danach sei es Herrn B. deutlich schlechter gegangen. Neben der Erschöpfung klagt er über Schweissausbrüche, Schwindel, Nackenverspannungen sowie Nervosität und Gereiztheit. Gegenüber der Sekretärin sei er zweimal «zu laut» geworden, was für ihn ungewohnt und peinlich gewesen sei. Er schlafe schlecht und komme dann ins Grübeln. Grübelgedanken sind: «Die Arbeit bleibt liegen»; «was bringe ich dem Geschäft überhaupt noch?»; «was ist, wenn ich die Stelle verliere?». Klinisch relevante Depressivität und Freudlosigkeit sowie Suizidgedanken werden von Herrn B. klar verneint. Ausser einer stützenden und verständnisvollen Ehefrau lagen keine stressprotektiven Resilienzfaktoren vor. Im vergangenen Jahr hatte Herr B. wegen seiner Erschöpfung keine Gartenarbeit mehr getätigt oder soziale Aktivitäten und Sport unternommen.

Gemäss den von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde ausgearbeiteten Definitionskriterien [10] lag bei Herrn B. ein Burnout vor (Abb. 1). Im Bericht an den Hausarzt wurden folgende ICD-10 Diagnosen festgehalten:

1 Anpassungsstörung mit verschiedenen emotionalen Qualitäten (inkl. Angst, Besorgnis, Anspannung, Ärger, Trauer) F43.23

2 Burnout-Syndrom Z73.0

3 Probleme in Verbindung mit der Berufstätigkeit Z56 und familiären Umständen Z63

4 Essentielle Hypertonie I10

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Abbildung 1: Burnout als Risikozustand für Folgekrankheiten mit Bezug zur Fallvignette.

Konzeptualisierung und Definition des Burnout-Syndroms

Nach der aktuellen Lehrmeinung wird Burnout (Z73.0) nicht als eigenständige Krankheit, sondern als ein durch Arbeitsstress bedingter Risikozustand für psychische und körperliche Folgekrankheiten definiert (Abb. 1). Zahlreiche Konstellationen, die Arbeitsstress und Burnout verursachen, wurden beschrieben, wobei den sieben in Tabelle 1 aufgeführten stresserzeugenden Arbeitsplatzfaktoren konsistent eine grosse Bedeutung zukommt. Entsprechende Screeningfragen können ­sowohl in der Patientenanamnese als auch zur Selbstexploration für den Arztberuf verwendet werden [11]. Ausserberufliche Belastungen wie familiäre Konflikte erhöhen den Gesamtstresslevel, indem sich bei gleicher Arbeitsbelastung vielfältige psychische, kognitive und funktionelle somatische Stresssymptome umso früher einstellen.

Die in Klinik und Forschung am häufigsten verwendete Konzeptualisierung des Risiko-Zustands Burnout beruht auf der Symptomtrias 1) Emotionale Erschöpfung durch die Arbeit, 2) Zynismus bzw. Depersonalisation/Entfremdung von der Arbeit und 3) subjektiv empfundene Leistungsminderung bei der Arbeit [9], die mit dem Maslach Burnout Inventar (MBI) erhoben wird [12]. Tabelle 2 zeigt die 16 Items des MBI-General Survey (MBI-GS) in einer kürzlich publizierten Eigenübersetzung [11]. Das MBI-Human Services Survey (MBI-HSS) besteht aus 22 Items und verwendet Formulierungen für Menschen, die mit anderen Menschen arbeiten und durch emotionale Beziehungsarbeit ausbrennen können.

Psychische Folgekrankheiten von Burnout sind An­passungsstörungen, Angststörungen (Panikzustände), Substanzmissbrauch und Depressionen. Burnout und Depression müssen klar voneinander abgegrenzt werden und sind nicht austauschbare Konstrukte [11, 13]. Die Kernsymptome einer Depression sind Nieder­gestimmtheit und Freudlosigkeit und waren beispielsweise bei Herrn B. nicht vorhanden. Allerdings steigt mit zunehmendem Burnout-Schweregrad die Wahrscheinlichkeit für eine Depression (50% bei schwerem Burnout, 20% bei mittelschwerem Burnout und 7% ohne Burnout) [1]. Mit Burnout assoziierte funktionelle Störungen (muskuloskelettale Schmerzen, Verdauungsprobleme, Tinnitus) und Schlafstörungen sind häufig, und nicht selten die Ursache für ein Aufsuchen der Hausärztin [14]. Als körperliche Folgekrankheiten von Burnout sind vor allem kardiometabolische Störungen einschliesslich Übergewicht, Diabetes, Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen und koronare Herzkrankheit, aber auch eine erhöhte Mortalität zu nennen [15]. Diese Zusammenhänge werden teils über ein ungünstiges Gesundheitsverhalten, teils direkt über autonome, psychoneuroendokrinologische und immunologische Mechanismen vermittelt [11, 15].

Schliesslich können Erschöpfung und Leistungsminderung durch mit Müdigkeit einhergehende, von Burnout primär unabhängige Krankheiten verstärkt werden (z.B. Schlafapnoe-Syndrom, chronische Herzinsuffizienz, Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis, Krebs, beginnende Demenz, Psychose). Selbstverständlich müssen mit chronischer Müdigkeit/Fatigue assoziierte Krankheiten immer in die Differentialdiagnose eines Burnout-Syndroms einfliessen. Die Differentialdiagnose sollte stets verschiedene somatische, psychische und verhaltensbezogene Ursachen (z.B. Schlafmangel) berücksichtigen [16].

Schweregrad von Burnout messen

Zur Bestimmung der Burnout-Schwere mit dem MBI werden die Mittelwerte der Items (Tab. 2) für Erschöpfung mit dem Faktor 0,4, für Depersonalisation und Leistungsfähigkeit jeweils mit dem Faktor 0,3 multipliziert und aufaddiert. Summenwerte zwischen 1,50 und 3,49 verweisen auf ein mittelschweres, Werte zwischen 3,50 und 6,00 auf ein schweres Burnout [11]. Basierend auf diesen Kriterien kann mit einer online verfüg­baren Webapplikation das Burnout-Risiko gratis und ­anonym eingeschätzt werden [17].

Für die rasche Selbsteinschätzung der Wahrscheinlichkeit als Ärztin oder Arzt selber ein klinisch relevantes Burnout zu haben, dienen folgende zwei Screeningfragen aus dem MBI-HSS [18]: «Ich fühle mich durch meine Arbeit ausgebrannt» und «Ich bin abgestumpfter gegenüber den Menschen geworden, seitdem ich in diesem Beruf arbeite.» Ist dies mindestens «wöchentlich» der Fall, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass relevante emotionale Erschöpfung und Entfremdung von der ­Arbeit (und den Patienten) vorliegen.

Warum Burnout im Arztberuf so häufig ist und stetig zunimmt

Die in Tabelle 1 aufgeführten Stressoren am Arbeitsplatz haben auch für den Arztberuf Gültigkeit, zeigen aber teilweise eine spezifische Qualität [19]. Gestiegen sind beispielsweise die Anforderungen und Erwartungen aufgrund eines «Machbarkeitswahns» durch Technisierung und Beschleunigung der Behandlungsprozesse. Nichtsdestotrotz benötigt Heilung Zeit und kann nicht eingefordert werden, in der «Sprechstunde» kann buchstäblich nicht schneller gesprochen werden. Ein Statusverlust mit weniger Anerkennung und geringerer (finanzieller) Belohnung hat stattgefunden, Ärztinnen und Ärzte sind in der öffentlichen Wahrnehmung von «Halbgöttern in Weiss» zu Kostenfaktoren und Kostentreibern mutiert. Gesundheit wird auf dem Gesundheitsmarkt als Ware angeboten, Ärztinnen und Ärzte fühlen sich genötigt, sich und ihr Produkt zu verkaufen, wodurch Wertekonflikte entstehen können.

Aus biographischer Sicht führt eine Verletzung in der Kindheit der psychischen Grundbedürfnisse, wie ­Bindung, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerter­höhung, und Lustgewinn/Unlustvermeidung, zu ­ungünstigen Verhaltensmustern im Arztberuf mit erhöhter Stressvulnerabilität und Burnout-Risiko [20]. Ängstlich-unsichere, kontrollierende Eltern oder ein permanent gefährdetes kindliches Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis, zum Beispiel durch unkalkulierbares Verhalten eines Elternteils, führt später zu ­überzogenem Kontrollverhalten, Perfektionismus und geringer Umstellungsfähigkeit. Diese «Kontroll-Schiene» wird zur Belastung bei unberechenbaren und Flexibilität fordernden Situationen, wie der Betreuung chronisch Kranker und im Notfall. Frühes Fehlen von Lob und Anerkennung, oder zu frühe Verantwortungsübernahme für andere (Parentifizierung), führt im Arztberuf zu Altruismus, Überaktivität und Selbstüberforderung auf der Suche nach Selbstwertbestätigung und Anerkennung. Das handlungsorientierte Muster dieser «Selbstwert-Schiene» lässt wenig Freiraum zum Reflektieren und Verarbeiten, bis die Arbeit dann «einfach zu viel» wird. Der Aufbau von Resilienz zur Stress- und Burnout-Prävention beginnt also bereits in der Kindheit durch Schaffung emotional stabiler Rahmenbedingungen mit einer hinreichenden Befriedigung der psychischen Grundbedürfnisse.

Resilienz

Konzeptualisierung und Definition von Resilienz

Resilire kann aus dem Lateinischen mit «Zurückspringen» übersetzt werden, was die Eigenschaft beschreibt, Widerwertigkeiten des Lebens unbeschadet an sich abprallen zu lassen und an diesen als Person auch noch zu wachsen. Obwohl primär als psychische Widerstandsfähigkeit verstanden, wird Resilienz auch mit günstigen körperlichen Voraussetzungen und Reaktions­weisen in Stresssituationen in Bezug gebracht [21]. Demnach kann Resilienz bezeichnet werden als das Vermögen, sich trotz widriger Lebensumstände (Stressoren) als Person erfolgreich adaptiv und proaktiv zu ent­wickeln und mit geringen psychologischen und physiologischen Kosten gestärkt aus diesen hervorzugehen [21, 22].

Resilienz verfolgt damit eine salutogene Perspektive, die darauf abzielt, Faktoren zu identifizieren, die Menschen gesund halten [23], im speziellen Fall vor Burnout schützen bzw. die Genesung von einem Burnout unterstützen. Resiliente Menschen sind eher in der Lage, persönliche Rückschläge zu verkraften und berufliche Krisen konstruktiv zu bewältigen. Resiliente in der Grundversorgung tätige Ärztinnen und Ärzte zeigen ein geringeres Burnout-Risiko als ­weniger resiliente Kolleginnen und Kollegen [24]. Resilienz wird sowohl als «angelegte» Persönlichkeitseigenschaft verstanden, als auch als veränderbares Attribut, das durch gezielte kognitive Massnahmen und Verhaltensänderungen, inklusive gesunder Lebensführung, verbessert werden kann [21].

Messung von Resilienz

Ein häufig verwendetes Instrument zur Messung von Resilienz als personale Ressource ist die Resilienzskala von Wagnild & Young [25], die als Kurzform in deutscher Übersetzung vorliegt [26]. Die 11 Items und das Frageformat sind in Tabelle 3 aufgeführt. Der Bezug zu erhöhter Stressvulnerabilität und Burnout-Risiko zeigt sich in Items, die nach der verfügbaren Energie, Fähigkeit zum Multitasking, Umgang mit Wertekonflikten, Selbstwert und Flexibilität fragen.

Mit erhöhter Resilienz einhergehende Faktoren

Tabelle 4 zeigt gut untersuchte stressprotektive Konstrukte, die mit erhöhter Resilienz assoziiert sind [23, 27–30]. Diese «Stresspuffer» erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass eine berufliche Belastung (Arbeitsstress) erfolgreich bewältigt wird, womit das Burnout-Risiko sinkt. Bei australischen Hausärztinnen und -ärzten waren zudem Temperament- und Charaktereigenschaften von erhöhter Selbstakzeptanz und Beharrlichkeit einerseits und niedriger Schadensvermeidung andererseits mit erhöhter Resilienz vergesellschaftet [31].

Wie Resilienz im Arztberuf gefördert werden kann

Tabelle 5 zeigt eine Zusammenfassung von resilienzfördernden Massnahmen, die ärztliche Grundversorgerinnen und Grundversorger anwenden, und ihren Kolleginnen und Kollegen teilweise auch empfehlen, um sich vor Burnout zu schützen [16, 20, 32–35]. Die erfolgreiche Umsetzung dieser Strategien kann teilweise nicht ohne Änderung von Einstellungen und Verhalten und damit der « kleinen kognitiven Verhaltenstherapie» als Ärztin und Arzt mit sich selbst gelingen. Inter­ventionsstudien an der Mayo Clinic zeigen, dass ­strukturierte Weiterbildungsprogramme für resilienzfördende Massnahmen im Berufsalltag, wie Achtsamkeitsübungen, Selbstreflexion und Sinngebung, bei ­allgemeininternistischen Grundversorgerinnen und Grundversorgern Burnout-Symptome, Empathie, Stimmung und Arbeitseinstellung signifikant verbessern können [36, 37].

Wenn es trotz allem zum Burnout kommt

Tabelle 6 zeigt die Massnahmen, die unternommen werden können, wenn sich trotz präventiver Bemühungen und resilienzfördernder Massnahmen ein Burnout-Syndrom einstellt, und dass ausgebrannte Ärztinnen und Ärzte erwägen sollten, selber professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen [38, 39]. Grundversorger scheinen unter anderem aufgrund von hoher Arbeitsbelastung durch den Verkehr mit Krankenversicherern, Veränderungen im Gesundheitswesen, Unsicherheiten mit der medizinischen Behandlung und der Schwierigkeit, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen, mehr von Burnout betroffen zu sein als andere medizinische Fachrichtungen [5]. Bisher nehmen die Tarifdiskussionen auf dieses erhöhte «Berufsrisiko» keinen Bezug, obwohl zum Beispiel ein in England im 2004 eingeführtes verbessertes Abgeltungssystem für Grundversorger-Leistungen, im Sinne eines Resilienzfaktors, die Arbeitszufriedenheit erhöhen und die Wochenarbeitszeit reduzieren konnte [40].

Die Burnout-Therapie kann, je nach Schweregrad der Symptomatik und Komorbiditäten, ambulant oder ­stationär im multimodalen Setting erfolgen [41]. Kernelemente der Burnout-Therapie sind die Psychotherapie, angemessene sportliche Aktivität, Entspannungs­verfahren und Körpertherapien, Kreativtherapien, ­Behandlung psychischer und somatischer Begleitkrankheiten, Pharmakotherapie, schlafhygienische Massnahmen und die Sozialarbeit mit vorbereitenden Massnahmen zur Reintegration in den Berufsalltag [16, 41]. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen vermochten die emotionale Erschöpfung in den meisten randomisiert-kontrollierten Studien zu verbessern [42]. Wir konnten kürzlich zeigen, dass 15 Monate nach einer sechswöchigen stationären Burnout-Therapie die Burnout-Symptomatik gegenüber dem Eintritt signifikant abgenommen hatte und die berufliche Reintergration in drei Viertel der Fälle erfolgt war [43].

Der Artikel basiert auf einem Referat, das im Rahmen der SGAIM-Frühjahresversammlung 2016 gehalten wurde.

 1 Ahola K, Honkonen T, Isometsä E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A,
et al. The relationship between job-related burnout and depressive disorders – results from the Finnish Health 2000 Study. J Affect Disord. 2005;88(1):55–62.

 2 Stressstudie 2010: Stress bei Schweizer Erwerbstätigen. Staatsekretariat für Wirtschaft (SECO), Bern. Available from http://www.news.admin.ch/NSBSubscriber/message/attachments/24101.pdf.

 3 The National Institute for Occupational Safety and Health (NIOSH). Stress at Work. Available from http://www.cdc.gov/niosh/docs/99–101/.

 4 Shanafelt TD, Hasan O, Dyrbye LN, Sinsky C, Satele D, Sloan J, et al. Changes in burnout and satisfaction with work-life balance in physicians and the general US working population between 2011 and 2014. Mayo Clin Proc. 2015;90(12):1600–13.

 5 Goehring C, Bouvier Gallacchi M, Künzi B, Bovier P. Psychosocial and professional characteristics of burnout in Swiss primary care practitioners: a cross-sectional survey. Swiss Med Wkly. 2005;135(7-8):101–8.

 6 Arigoni F, Bovier PA, Sappino AP. Trend of burnout among Swiss doctors. Swiss Med Wkly. 2010;140:w13070.

 7 Maslach C, Schaufeli WB, Leiter MP. Job burnout. Annu Rev Psychol. 2001;52:397–422.

 8 Maslach C, Leiter MP. Understanding the burnout experience: recent research and its implications for psychiatry. World Psychiatry. 2016;15(2):103–11.

 9 Burisch M. Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung. Heidelberg: Springer; 2014

10 Positionspapier zum Thema Burnout. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), 2012. Available from: www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/stellungnahmen/2012/stn-2012-03-07-burnout.pdf

11 von Känel R. Was der Klinikarzt vom Burnout-Syndrom wissen sollte. Von der gezielten Fragestellung bis zur Übermittlung der Verdachtsdiagnose. Klinikarzt. 2016;45(1):26–32.

12 Maslach C, Jackson SE, Leiter MP. Maslach Burnout Inventory Manual. Third Edition. CPP, Inc.: Mountain View, California; 1996.

13 Schwarzkopf K, Straus D, Porschke H, Znoj H, Conrad N, Schmidt-Trucksäss A, et al. Empirical evidence for a relationship between narcissistic personality traits and job burnout. Burn Res. 2016; 3(2):25–33.

14 von Känel R. Umgang mit durch Stress am Arbeitsplatz verursachten Beschwerden in der hausärztlichen Praxis. Primary Care. 2005;5(16):373–5.

15 von Känel R. Stressbedingte Krankheiten und deren körperliche Symptome. In Becker P. (Hrsg.): Executive Health - Gesundheit als Führungsaufgabe. Springer Gabler: Wiesbaden; 2015.

16 von Känel R. Das Burnout-Syndrom: Eine medizinische Perspektive. Praxis (Bern 1994) 2008;97(9):477–87.

17 Burnout Risiko Test (BRIXÔ). Burnout Protector GmbH: Erlinsbach, Schweiz. Available from: http://www.burnoutprotector.com/

18 West CP, Dyrbye LN, Sloan JA, Shanafelt TD. Single item measures of emotional exhaustion and depersonalization are useful for assessing burnout in medical professionals. J Gen Intern Med. 2009;24(12):1318–21.

19 Bergner T. Burnout bei Ärzten. Arztsein zwischen Lebensaufgabe und Lebens-Aufgabe. 2. überarb. Aufl. 2010. Stuttgart: Schattauer; 2010.

20 Egle UT. Burnout bei Ärzten. Zschr Med Ethik. 2015;61(1):13–21.

21 Herrman H, Stewart DE, Diaz-Granados N, Berger EL, Jackson B, Yuen T. What is resilience? Can J Psychiatry. 2011;56(5):258–65.

22 Epstein RM, Krasner MS. Physician resilience: what it means, why it matters, and how to promote it. Acad Med. 2013;88(3):301–3.

23 Antonovsky A. Unraveling the mystery of health. How people manage stress and stay well. San Francisco: Jossey-Bass Publishers; 1988.

24 Cooke GP, Doust JA, Steele MC. A survey of resilience, burnout, and tolerance of uncertainty in Australian general practice registrars. BMC Med Educ. 2013;13:2.

25 Wagnild GM, Young HM. Development and psychometric evaluation of the Resilience Scale. J Nurs Meas. 1993;1(12):165–78.

26 Schumacher J, Leppert K, Gunzelmann T, Strauss B, Brähler E. Die Resilienzskala – Ein Fragebogen zur Erfassung der psychischen Widerstandsfähigkeit als Personmerkmal. Z Klin Psychol Psychiatrie Psychother. 2005;53(1):16–39.

27 Maddy SR. Issues and Interventions in Stress Mastery. In Friedman HS (Ed.). Personality and Disease. New York: Wiley; 1990.

28 Scheier MF, Carver CS. Effects of optimism on psychological and physical well-being: Theoretical overview and empirical update. Cognit Ther Res. 1992;16(2):201–28.

29 Uchino BN. Understanding the links between social support and physical health: a life-span perspective with emphasis on the separability of perceived and received support. Perspect Psychol Sci. 2009;4(3):236–55.

30 Kaluza G. Stressbewältigung. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag; 2011.

31 Eley DS, Cloninger CR, Walters L, Laurence C, Synnott R, Wilkinson D. The relationship between resilience and personality traits in doctors: implications for enhancing well being. PeerJ. 2013;1:e216.

32 Zwack J, Schweitzer J. If every fifth physician is affected by burnout, what about the other four? Resilience strategies of experienced physicians. Acad Med. 2013;88(3):382–9.

33 Jensen PM, Trollope-Kumar K, Waters H, Everson J. Building physician resilience. Can Fam Physician. 2008;54(5):722–9.

34 Lee FJ, Stewart M, Brown JB. Stress, burnout, and strategies for reducing them: what’s the situation among Canadian family physicians? Can Fam Physician. 2008;54(2):234–5.

35 McCann CM, Beddoe E, McCormick K, Huggard P, Kedge S, Adamson C, et al. Resilience in the health professions: a review of recent literature. Int J Wellbeing 2013;3(1):60-81.

36 Krasner MS, Epstein RM, Beckman H, Suchman AL, Chapman B, Mooney CJ, et al. Association of an educational program in mindful communication with burnout, empathy, and attitudes among primary care physicians. JAMA. 2009;302(12):1284–93.

37 West CP, Dyrbye LN, Rabatin JT, Call TG, Davidson JH, Multari A, et al. Intervention to promote physician well-being, job satisfaction, and professionalism: a randomized clinical trial. JAMA Intern Med. 2014;174(4):527–33.

38 ReMed, das Unterstützungsnetzwerk für Ärztinnen und Ärzte der FMH. Available from: http://www.fmh.ch/services/fuer_die_mitglieder/remed.html.

39 Ambulante und stationäre psychosomatische Abteilungen in der Schweiz. Available from: http://www.fmh.ch/services/fuer_die_mitglieder/remed.html.

40 Whalley D, Gravelle H, Sibbald B. Effect of the new contract on GPs’ working lives and perceptions of quality of care: a longitudinal survey. Br J Gen Pract 2008;58(546):8-14.

41 Grosse Holtforth M, Keller AC, Hochstrasser B. Burnout und Burnouttherapie. Wieder mehr Energie und Sinn bei der Arbeit. Psychother Dial. 2016;17(2):26-30.

42 Korczak D, Wastian M, Schneider M. Therapy of the burnout syndrome. GMS Health Technol Assess. 2012;8:Doc05.

43 Schwarzkopf K, Conrad N, Straus D, Porschke H, von Känel R. Einmal Burnout ist nicht immer Burnout: Eine stationäre multimodale Psychotherapie ist eine effektive Burnout-Behandlung. Praxis (Bern 1994) 2016;105(6):315-21.

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Abbildung 1: Burnout als Risikozustand für Folgekrankheiten mit Bezug zur Fallvignette.
Tabelle 1: Stresserzeugende Faktoren am Arbeitsplatz mit Screeningfragen [11].
Zu hohe Anforderungen Arbeitsaufgabe, Übernahme von ­Verantwortung Erfordert Ihre Arbeit hartes Arbeiten? Kommt es zu Überstunden? Sind Sie genügend ausgebildet?
Zu wenig Kontrolle Handlungsspielraum, Einsatz persönlicher ­Fähigkeiten Können Sie bei der Arbeit mitbestimmen? Können Sie Ihre Fähigkeiten einsetzen?
Zu wenig Belohnung Bezahlung, Aufstiegsmöglichkeiten, ­Anerkennung, Arbeitsplatzsicherheit Sind Ihre Aufstiegschancen gut? Wird Ihre Arbeit von Vorgesetzen ­anerkannt?
Zu wenig soziale Unterstützung Rückhalt durch Mitarbeitende, ­Führungsverhalten der Vorgesetzten Fühlen Sie sich im Team gut ­aufgehoben? Erleben Sie den Vorgesetzen ­unterstützend?
Ungerechte Behandlung Fairness am Arbeitsplatz Werden Sie ungerechtfertigt kritisiert? Erhalten Sie genügend Informationen?
Wertekonflikte Ethische Standards, Work-Life-Balance, ­Auftreten gegenüber Kunden/Patienten, Zusammenarbeit Hat Ihr Arbeitgeber dieselben Werte wie Sie? Müssen Sie bei der Arbeit Dinge tun, die nicht mit ihren ­Wertvorstellungen übereinstimmen? Müssen Sie unsinnige Arbeiten ­ausführen?
Persönlichkeitseigenschaften «Overcommitment» (übersteigerte ­Verausgabungsbereitschaft), Perfektionismus, Narzissmus Kommen Sie beim Arbeiten in Zeitdruck? Opfern Sie sich für Ihren Beruf zu sehr auf? Können Sie von der Arbeit abschalten? Müssen Sie alles genau machen?
Tabelle 2: Maslach Burnout Inventar-General Survey [11, 12].
Emotionale Erschöpfung
Ich fühle mich gefühlsmässig leer durch meine Arbeit.
Ich fühle mich am Ende eines Arbeitstages erledigt.
Ich fühle mich müde, wenn ich morgens aufstehe und wieder einen Arbeitstag vor mir habe.
Den ganzen Tag zu arbeiten ist für mich wirklich eine ­Belastung.
Ich fühle mich durch meine Arbeit ausgebrannt.
Depersonalisation
Ich habe weniger Interesse in meiner Arbeit seit ich an dieser Arbeitsstelle arbeite.
Meine Begeisterung für meine Arbeit hat abgenommen.
Ich möchte nur meine Arbeit tun und in Ruhe gelassen ­werden.
Ich bin zynischer darüber geworden, ob ich mit meiner Arbeit irgendeinen Beitrag leiste.
Ich bezweifle, dass meine Arbeit wichtig ist.
Reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit
Ich kann die Probleme, die in meiner Arbeit entstehen, ­erfolgreich lösen.
Ich denke, dass ich einen wichtigen Beitrag für diese ­Arbeitsstelle leiste.
Ich leiste meiner Meinung nach gute Arbeit.
Ich bin guter Stimmung, wenn ich in meiner Arbeit etwas erreicht habe.
Ich habe in meiner derzeitigen Arbeit viele wertvolle Dinge erreicht.
Ich bin sicher, dass ich in meiner Arbeit die Dinge erfolgreich erledige.
Schweregrad je Item für emotionale Erschöpfung und Depersonalisation: 6 = täglich, 5 = ein paar Mal in der Woche, 4 = wöchentlich, 3 = ein paar Mal im Monat, 2 = monatlich, 1 = ein paar Mal im Jahr, 0 = niemals. Inverse Bewertung für persönliche Leistungsfähigkeit, von 6 = niemals bis 0 = täglich.
Tabelle 3: Kurzform der Resilienzskala nach Wagnild & Young [25, 26].
Wenn ich Pläne habe, verfolge ich sie auch.
Normalerweise schaffe ich alles irgendwie.
Es ist mir wichtig, an vielen Dingen interessiert zu sein.
Ich mag mich.
Ich kann mehrere Dinge gleichzeitig bewältigen.
Ich bin entschlossen.
Ich behalte an vielen Dingen Interesse.
Ich finde öfter etwas, worüber ich lachen kann.
Normalerweise kann ich eine Situation aus mehreren ­Perspektiven betrachten.
Ich kann mich auch überwinden, Dinge zu tun, die ich ­eigentlich nicht machen will.
In mir steckt genügend Energie, um alles zu machen, was ich machen muss.
Wie stark treffen die Aussagen im Allgemeinen auf Sie zu? «Ich stimme nicht zu» =1 bis «Ich stimme völlig zu» = 7
Tabelle 4: Mit Resilienz in Zusammenhang gebrachte Faktoren
Konstrukt Beschreibung
Kohärenz und Sinnerleben (Sense of Coherence) [23] Ein grundsätzliches Vertrauen, dass die Ereignisse im Leben vorhersehbar und erklärbar sind, Ressourcen verfügbar sind, um den Anforderungen des Lebens zu begegnen, und es sich lohnt, sich für diese zu engagieren.
Zähigkeit (Hardiness) [27] Grundsätzlicher Glaube, dass das Leben kontrollierbar ist, Aktivitäten interessant und wichtig sind und stressreiche Ereignisse Herausforderungen sind, die Möglichkeit für Wachstum und Entwicklung bieten.
Dispositionaler Optimismus [28] Die inhaltlich generalisierte und zeitlich stabile Tendenz, positive Ereignisse im Leben zu erwarten.
Soziale Unterstützung [29] Positiv erlebte zwischenmenschliche Kontakte, vor allem in Form emotionaler Unterstützung (positive Gefühle, Nähe und Vertrauen).
Effektives Stressmanagement [30] Flexibilität im Bewältigungshandeln durch ein breites Repertoire von verfügbaren ­kognitiven, emotionalen und verhaltensorientierten Copingstrategien (z.B. aktives ­Problemlösen, wo objektive Kontrollchancen bestehen, sonst eher kognitive ­Umbewertung und Beenden negativer Gefühle anwenden).
Tabelle 5: Empfehlungen zur Förderung der Resilienz und Burnout-Prophylaxe bei Grundversorgerinnen und Grundversorgern in Allgemeiner Innerer Medizin.
Ärztliche Identität: Bewusste Auseinandersetzung mit beruflichen Wertvorstellungen, um unreflektierter Selbstüberforderung und überzogener Verausgabung vorzubeugen.
Förderliche Haltungen: Eigene Grenzen akzeptieren; notwendige Veränderungen erkennen; aktive und realistische Auseinandersetzung mit den schwierigen Seiten des Arztberufs; positive Bewertung der Arzt-Patienten-Beziehung und ärztlichen Tätigkeit.
Professionalität: Austausch mit Kollegen (Intervision), Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten (z.B. Betreuung chronisch Kranker) und kontinuierliche Weiterbildung.
Gute Klinik- bzw. Praxisorganisation: «Vernünftig lange» Arbeitszeiten, Zeiten für Notfälle freihalten, Aufnahmestopp, gutes Personal rekrutieren und gute Personalführung.
Work-Life-Balance: Gezielte Planung eines privaten Gegengewichts zur beruflichen ­Beanspruchung (befriedigendes Privatleben, Sport, Kultur, karitatives Engagement).
Bewusstes Zeitmanagement: Zeit für sich selbst (Hobbys, Selbstreflexion), die Familie und für weitere soziale Kontakte. Termine gegebenenfalls in die eigene Agenda eintragen!
Tabelle 6: Massnahmen bei Burnout im Arztberuf.
Sich das Ausgebrannt-Sein eingestehen und allenfalls professionelle Hilfe holen.
Coaching bis Psychotherapie; im engeren Sinne: Stressmanagement, angepasste körperliche Aktivität.
Schonungslose Analyse von verantwortlichen Stressoren, biografischen Zusammenhängen, «brandgefährlichen» Lebensmotiven (z.B. «Ein guter Arzt ist immer für die Patienten da») und Persönlichkeitseigenschaften (Überleistertum, Perfektionismus, Narzissmus).
Notwendige Veränderungen identifizieren und konsequent und nachhaltig umsetzen.
Behandlung von psychischen und körperlichen Komorbiditäten, Schlafproblemen und Substanzmissbrauch (insbesondere übermässiger Alkoholkonsum, Stimulanzien, Schlaftabletten).
Resilienz fördern: Achtsamkeit, Selbstfürsorge, Sinnfindung, soziale Unterstützung holen.
Behutsamer Wiedereinstieg, Achtung: «alte Fahrwasser».
Rückfallprophylaxe: Warnzeichen der individuellen Stressreaktion rechtzeitig erkennen und reagieren.

Roland von Känel

Departement für Psychosomatische Medizin, Klinik Barmelweid; Universitätsklinik für Neurologie, Inselspital Bern, und Universität Bern;
Faculty of Health Sciences, North-West University, Potchefstroom Campus, South Africa

Korrespondenz:
Prof. Dr. med.
Roland von Känel
Klinik Barmelweid
CH-5017 Barmelweid
roland.vonkaenel[at]
barmelweid.ch