Editorial © Tomert | dreamstime.com

Editorial

Neue Mythen für die Zukunft

Neuer Blick auf unseren Beruf mittels Geisteswissenschaften

Daniel Widmer

DOI: 10.4414/phc-d.2017.01492
Veröffentlichung: 08.03.2017
Prim Hosp Care (de). 2017;17(05):85

Der Artikel in dieser Ausgabe von Anne-Laure Pittet und Anne-Françoise Chevalley – basierend auf der gehaltvollen Doktorarbeit in Life Sciences von Anne-Laure Pittet [1] – zeigt uns, dass die Hausärzte eine kritische Distanz gegenüber den Quellen, wovon sie ihre Informationen erhalten, erkennen lassen. Bestimmte Vorfälle haben sie vorsichtiger werden lassen: Arzneimittel mit Wunderwirkungen, die unter Pauken und Trompeten von den Pharmavertretern, begleitet von Opinion leaders, angekündigt werden – und bald darauf wieder vom Markt verschwunden sind.

Doch es geht nicht nur um Arzneimittel, sondern auch um unsere Gewissheit. Unser Wissen und unser Können stehen zur Debatte. Die Bewegung «Less is more» erinnert uns daran. Die Gewissheit von gestern ist nicht mehr die von heute, und morgen wird man über das lachen, was man 2017 getan hat. Ist das die Rückkehr des medizinischen Skeptizismus, der im 16. Jahrhundert mit Francisco Sanchez [2], der an die Unmöglichkeit jeder Wissenschaft glaubte ( quod nihil scitur ; dass nichts gewusst wird), eine Blütezeit erlebte?

Gilt es, radikaler zu sein und für eine neue Wissenschaftstheorie einzutreten, nach dem Zusammenbruch des medizinischen Hegemonialmodells ? Diesen Ausdruck verwendete Ricardo la Valle [3], ein argentinischer Kollege und Hausarzt auf dem WONCA-Kongress in Rio 2016 in der Arbeitsgruppe über quartäre Prävention. Er beschreibt, wie unsere zeitgenössische Medizin die Interessen der Universität artikuliert – mit ihrer auf Biologie beruhenden positivistischen Sichtweise (Flexnersches Modell aus den USA) – sowie jene des Kapitalismus (Umwandlung des Rechts auf Gesundheit in ein Konsumgut). «Less is more» ist in seinen Augen lediglich eine pasteurisierte Sicht (sic), und eine andere Vorgehensweise ist dringend geboten. Aber welche?

Und wie steht es mit dem, was noch auf uns zukommt? Die NBIC (Nanotechnologien, Biotechnologien, Informationstechnologien und kognitive Wissenschaften) [4] begründen eine neue Mythologie für die Zukunft. Es wird viel Geld investiert und einige bauen Brücken, damit Ingenieure – Missionare – die Medizin verwandeln können. Was wird aus dem Hausarzt? Das ist ein Hauptanliegen der UEMO, die sich derzeit mit einem Verhaltenskodex für die Beziehungen mit der Industrie im Allgemeinen befasst, der diese Veränderungen berücksichtigt. Die Arbeiten laufen noch und sollen im Mai bei der Generalversammlung vorgestellt werden. Vorerst arbeiten wir an den Grundprinzipien: Unabhängigkeit, Qualität, Integrität, Verantwortung (Accountability), Transparenz und Professionalität.

Bei all diesen Veränderungen ist qualitative Forschung wie die von Anne-Laure Pittet willkommen. Sie zeigen uns den Hausarzt unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Veränderungen und wie er alledem im Alltag die Stirn bietet. Ich könnte auch die spannende anthropologische Studie von Norman erwähnen [5], in der die Reaktionen der englischen Ärzte auf das QOF ( Quality and Outcomes Framework ; System der Bezahlung nach Leistung) beschrieben werden: Sie könnte als Modell eines Ansatzes dienen, der zugleich pragmatisch (wie arbeitet der Arzt in Wirklichkeit) und kritisch (er zeigt in seiner Studie den Übergang von der Arzt-Patient-­Beziehung zur Kommerzialisierung auf) ist. Wir wünchen uns mehr Untersuchungen dieser Art, die uns helfen könnten, anders zu handeln!

1 Pittet A.L. https://news.unil.ch/display/1447679659626097

2 Quod nihil scitur ed 1581. Paris: Hachette Livre-Bnf; 2012.

3 La Valle R. Sobre la forma actual de ser medico. Revista del Hospital Italiano de Buenos Aires. 2013;33(2).

4 Ferry L. La révolution transhumaniste: comment la technomédecine et l’uberisation du monde vont bouleverser nos vies.
Paris: Plon; 2016. 274 p.

5 Norman AH, Russell AJ, Merli C. The Quality and Outcomes Framework: Body commodification in UK general practice.
Soc Sci Med. 2016;170:77–86.