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Frühe Förderung als gesundheits-, sozial- und integrationspolitische Investition

Prävention in der ersten ­Lebensphase

Martin Hafen

DOI: https://doi.emh.ch/10.4414/phc-d.2017.01589
Veröffentlichung: 08.11.2017
Prim Hosp Care (de). 2017;17(21):411-413

Die Forderung nach Früher Förderung ist wissenschaftlich umfassend begründet. Sie beinhaltet nicht nur Aspekte der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung, sondern auch Massnahmen im Bereich der Familie, der Sozial-, Gesundheits-, Arbeitsmarkts- und Migrationspolitik. Das Ziel dieses Textes ist, einige dieser Begründungen für die präventive Bedeutung der Frühen Förderung anzuführen.

Die öffentliche Hand ist auch in der Schweiz zunehmend durch steigende Kosten belastet. Die Kosten im Gesundheitswesen steigen kontinuierlich, wobei nicht übertragbare Krankheiten wie Krebs oder Diabetes und psychische Störungen inklusive Suchterkrankungen besonders stark ins Gewicht fallen. Die Sozialhilfe­kosten wiederum sind seit einigen Jahren nicht massgeblich angestiegen. Trotzdem belasten sie die Budgets der Gemeinden beträchtlich und führen zu vermehrten Diskussionen, ob wir uns den Sozialstaat überhaupt noch leisten können. Auffallend ist, dass Haushalte mit Kindern im Vergleich zu Haushalten ohne Kinder (2,9%) überdurchschnittlich oft (5,2%) auf Sozialhilfe angewiesen sind. Besonders dramatisch ist die Situation bei den Alleinerziehenden, denn 22% der Haushalte mit einem allein erziehenden Elternteil sind von der Sozialhilfe abhängig [1].

«Give every child the best start in life»

Die Forschung zeigt seit vielen Jahren, dass zwischen sozio-ökonomischer Benachteiligung und Gesundheit ein enger Zusammenhang besteht [2]. So zeigt Marmot [3], dass die reichsten Menschen in England im Vergleich zu den ärmsten 10 Jahre später sterben und 18 Jahre mehr ohne chronische Krankheiten leben. Die Reduktion von sozialer Ungleichheit ist für ihn entsprechend eine der wichtigsten gesundheitspolitischen Strategien. An erster Stelle der sechs zentralen Policy-Empfehlungen der Marmot-Review steht denn auch die Forderung «Give every child the best start in life». Diese Forderung nach Früher Förderung ist wissenschaftlich umfassend begründet, und sie beinhaltet bei weitem nicht nur Aspekte der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung, sondern auch Massnahmen im Bereich der Familie, der Sozial-, Gesundheits-, Arbeitsmarkts- und Migrationspolitik. Das Ziel dieses Textes ist, einige dieser Begründungen für die präventive Bedeutung der Frühen Förderung anzu­führen und dann einen Blick auf die Situation in der Schweiz zu werfen1.

Für die Bedeutung der Frühen Förderung zur Prävention von Armut sowie von sozialen und gesundheitlichen Problemen kann zuerst ein systemtheoretisches Argument angeführt werden [4]: Soziale, psychische und körperliche Systeme bauen von Beginn an Strukturen auf. Diese Strukturen bilden die Basis für jede weitere Strukturbildung. Das bedeutet, dass den früh gebildeten Strukturen eine besondere Bedeutung zukommt. Für den Menschen bedeutet dies, dass die ­körperliche und psychische Strukturbildung in der frühen Kindheit für die physische und psychosoziale Entwicklung eines Menschen von zentraler Bedeutung ist. Aus präventionstheoretischer Perspektive [5] lässt sich sagen, dass gewisse Strukturen im weiteren Leben als Belastungsfaktoren ungünstige Wirkung entfalten und andere Strukturen als Schutzfaktoren die Resilienz eines Menschen begünstigen.

In den letzten Jahren werden die Erkenntnisse aus ­Disziplinen wie der Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung oder Stressforschung zunehmend durch naturwissenschaftliche Forschung ergänzt. Die Neurobiologie ermöglicht mit ihren bildgebenden Verfahren einen vertieften Einblick in die Funktionsweise des Gehirns und die Lernprozesse in der frühen Kindheit. Dadurch ist sie in der Lage, viele Erkenntnisse aus den geisteswissenschaftlichen Disziplinen naturwissenschaftlich zu untermauern. So kann sie unter anderem zeigen, dass eine hohe Stressbelastung durch Gewalt oder emotionale Vernachlässigung in den ersten Lebensjahren den Aufbau von neuronalen Strukturen für die Aggressionsregulation behindert – ein Mechanismus, der die übermässige Aggression von schweren Gewalttätern erklären hilft [6].

Die Epigenetik wiederum revolutioniert die Annahme der Genetik, dass Veränderungen von Genen nur über viele Generationen hinweg möglich sind, und der Mensch und sein soziales Umfeld keinen Einfluss auf die Gene hätten. Die entsprechenden Forschungen konnten in den letzten Jahrzehnten unter anderem zeigen, dass die Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft einen Einfluss auf das spätere Ausbrechen von ernährungsbedingten Krankheiten hat, und dass emotionale Zuwendung in der frühen Kindheit die spätere Stressresilienz beeinflusst. Diese Einflüsse aus der Umwelt des Kindes tragen dazu bei, dass gesundheitsrelevante Gene eher aktiviert oder deaktiviert werden, indem sie die Aktivierungsschalter der Gene blockieren oder freigeben. So wird durch emotionale Zuwendung im frühen Kindesalter ein Antistressgen freigeschaltet, das die Aktivitäten des Stressgens reguliert. Bleibt diese Zuwendung im ersten Lebensjahr mehrheitlich aus, so bleibt dieses Gen das ganze Leben deaktiviert, was zu einer erhöhten Stressanfälligkeit des betroffenen Menschen führt [7].

Belastende und schützende ­Umweltfaktoren

Wie sich die Strukturen eines Kindes während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren entwickeln, wird weitgehend geprägt durch Belastungen und schützende Faktoren in der Umwelt des Kindes. Auf der Seite der Belastungen stehen die sogenannten Adverse Childhood Experiences (ACE) im Vordergrund [8]. Gemeint sind damit langfristige und übermässige Stressbelastungen von Kleinkindern durch emotionale Vernachlässigung, häusliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch. Solche Erfahrungen stehen in einem deutlichen Zusammenhang mit schwerwiegenden psychischen und sozialen Problemen sowie vielen körperlichen Krankheiten im Erwachsenenalter. Der Vermeidung von solchen Stresserfahrungen in der ­frühen Kindheit kommt in diesem Sinn eine zentrale Bedeutung zu, und es ist klar, dass sämtliche Fachpersonen, die mit Familien in Kontakt stehen (Kinderärztinnen, Sozialarbeitende, Kleinkindererzieher etc.) einen massgeblichen Beitrag zur Prävention und Früherkennung von solchen frühkindlichen Belastungen leisten können und sollen.

Auch für die Bildung von Schutzfaktoren ist die frühe Kindheit entscheidend. So lässt sich mit Blick auf unterschiedliche Forschungsbereiche sagen, dass die Grundlage für die meisten Lebenskompetenzen (Urvertrauen, Selbstwirksamkeitserwartung, Selbstregulation, Sozial-, Risiko-, Gesundheitskompetenz etc.) in den ersten Lebensjahren gelegt wird. Oder nehmen wir die Sprachkompetenz: Die neurobiologische Forschung zeigt, dass das kindliche Gehirn im Alter von zwei bis vier Jahren optimal auf das Erlernen von zwei oder gar drei Sprachen ausgerichtet ist, weil die Sprachen im gleichen neuronalen Netzwerk verankert werden [9]. Wird die erste Zweitsprache später erlernt, wird dafür ein neues Netzwerk angelegt, und es ist nur in Ausnahmefällen möglich, die gleiche Sprachkompetenz zu erwerben. Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, welche die Landessprache erst im Kindergarten oder gar in der Schule lernen, haben in Hinblick auf ihre Bildungsbiographie entsprechend einen entscheidenden Nachteil. Dies wiederum kann sich nachteilig auf ihre Integration auswirken.

Als Zwischenfazit lässt sich formulieren, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung vor allem auf drei Umweltbedingungen angewiesen sind: Absenz von übermässiger Stressbelastung, verlässliche Bindungen zu den primären Bezugspersonen sowie eine anregende Umgebung. Die meisten Familien bieten ihren Kindern solche Bedingungen, aber es gibt doch einen beträchtlichen Anteil von Familien, die – aus unterschiedlichen Gründen – nicht dazu in der Lage sind. Doch nicht nur diese Familien sind auf professionelle Unterstützung (z.B. durch ein qualitativ hochstehendes, kostengünstiges Angebot an familienergänzender Kinderbetreuung) angewiesen. Die Lebensentwürfe von Frauen sind nicht mehr die gleichen wie noch vor 40 Jahren. Entsprechend kann nicht erwartet werden, dass junge Mütter ihre beruflichen Ambitionen einfach zurückstellen, auch wenn diese Meinung in der Schweiz im internationalen Vergleich noch überdurchschnittlich häufig anzutreffen ist [10]. Aber natürlich leisten nicht nur Kindertagesstätten einen wichtigen Beitrag zu ­einer altersgerechten und gesunden Entwicklung von Kindern im Vorschulalter, sondern alle Institutionen und Fachleute, die professionell mit diesen Kindern und ihren Familien in Kontakt stehen. Eine gut funktionierende Vernetzung dieser Institutionen und Fachleute, wie sie aktuell mit dem Projekt PrimoKiz der Jacobs Foundation in Gemeinden und kleinen Kantonen angestrebt wird, ist ein Qualitätselement der Frühen Förderung, das allen Familien, aber besonders den sozial benachteiligten, zugutekommt.

Die Frühe Förderung wirkt präventiv

Mittlerweile gibt es Dutzende von Langzeitstudien, die die präventive Wirkung von Aktivitäten der Frühen Förderung belegen. Im Vordergrund stehen dabei Angebote der familienergänzenden Kinderbetreuung. Von diesen Angeboten profitieren alle Familien, aber in besonderem Ausmass sozio-ökonomisch schlechter gestellte und Familien mit Migrationshintergrund – vor allem, wenn die Angebote noch durch Angebote der Sozialen Arbeit (Sozialhilfe für die Eltern, sozialpädagogische Familienbegleitung etc.) ergänzt werden. Die entsprechenden Studien (z.B. [11]) zeigen, dass geförderte Kinder im Vergleich zu nicht geförderten Kindern einen besseren Schulerfolg und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, insbesondere, wenn sie aus sozial benachteiligten Verhältnissen stammen. Weiter begehen sie in ihrer Jugend und im Erwachsenenalter weniger Rechtsbrüche, sind seltener auf Sozial­hilfe angewiesen und sind gesünder. Das wirkt sich nicht nur individuell positiv auf die Lebensverläufe aus, sondern lohnt sich auch ökonomisch. So wird für die bekanntesten US-amerikanischen Förderprogramme für sozial benachteiligte Kinder und ihre Familien ein ROI (return on investment) von 1:9 bis 1:16 errechnet [12]. Das bedeutet, dass die öffentliche Hand für jeden investierten Dollar Ausgaben in der Höhe von 9 bis 16 Dollar für schulische Fördermassnahmen, Arbeitsintegrationsprogramme, Sozialhilfe, Straf­rechts­kosten und Gesundheitskosten einspart resp. durch höhere Steuereinnahmen infolge des erhöhten Einkommens einnimmt. Bei universellen Programmen, die sich an alle Kinder und Familien richten, liegt dieser Wert tiefer, in der Regel aber immer noch zwischen 2 und 3%. Aus dieser Perspektive kann sich eine Volkswirtschaft überhaupt nicht leisten, nicht in den Frühbereich zu investieren.

Und wie sieht es in der Schweiz aus?

Vor dem Hintergrund dieser theoretischen und empirischen Evidenz ist es erstaunlich, dass in der Schweiz so wenig in den Frühbereich investiert wird. Gemäss dem neuesten OECD-Bildungsbericht [13] investiert die Schweiz nur 0,2% ihres Bruttoinlandproduktes (BIP) in den Frühbereich. Der Durchschnitt aller OECD-Staaten liegt bei 0,8%, also beim Vierfachen, und skandinavische Staaten wie Norwegen investieren sogar mehr als das Zehnfache. Weiter fällt auf, dass einige der OECD-Staaten (z.B. Norwegen und Frankreich) ihre Aufwendungen in den letzten drei Jahren verdoppelt haben, während die Ausgaben der Schweiz schon im Bildungsbericht von 2012 bei 0,2% Prozent des BIP lagen. Eine Konsequenz dieser zurückhaltenden Familienpolitik, die sich unter anderem auch in fehlendem Vaterschaftsurlaub und Qualitätsdefiziten in der familienergänzenden Kinderbetreuung ausdrückt, liegt in der vergleichsweise hohen Kostenbeteiligung, die den Schweizer Familien zugemutet wird. Während eine Zürcher Familie im Durchschnitt zwei Drittel der Kosten für eine Kindertagesstätte selber übernehmen muss, liegt dieser Wert in Deutschland, Österreich und Frankreich durchgehend unter 25% und in skandinavischen Ländern sogar unter 5% [14]. Die hohe Belastung führt unter anderem dazu, dass Kinder unter drei ­Jahren im internationalen Vergleich äusserst selten ­familienergänzende Kinderbetreuung in Anspruch nehmen [13]. Das ist vor allem für Kinder aus problembelasteten Familien ein grosser Nachteil.

Zusammenfassung

Der Frühbereich ist eines der wichtigsten Handlungsfelder der Prävention, weil hier die Grundlagen für eine gesunde körperliche und psychosoziale Entwicklung gelegt werden. Viele Länder in der OECD haben das erkannt und investieren zunehmend in die frühe Kindheit, um Sozialhilfe- und Gesundheitskosten zu reduzieren. Damit leisten sie einen zentralen Beitrag zur Verringerung von sozialer Ungleichheit, und sie fördern die Integration von sozial benachteiligten Familien im Allgemeinen und Familien mit Migrationshintergrund im Besonderen. Obwohl es in der Schweiz in der Romandie und in vielen Städten positive Entwicklungen zu verzeichnen gibt, täte die Schweiz – nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen – gut daran, ihre familienpolitischen Bemühungen auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene deutlich auszubauen. Ein solcher Ausbau ist eine Investition in unsere Kinder und damit in die Zukunft des Landes.

1 Auf ausführliche Quellenbelege wird aus Platzgründen verzichtet. In diesem Zusammenhang sei auf zwei umfassende Analysen der Frühen Förderung als Prävention verwiesen, in denen weiterführende Quellenangaben aufgeführt sind [15, 16].

 1 Bundesamt für Statistik (BFS) (2016). Schweizerische Sozialhilfestatistik 2015: Nationale Resultate. Bern: BFS.

 2 Stringhini S, Carmeli C, Jokela M, Avendaño M, Muennig P, Guida F, et al. (2017). Socioeconomic status and the 25 × 25 risk factors as determinants of premature mortality: a multicohort study and meta-analysis of 1.7 million men and women. Lancet. 2017;389(10075):1229–37.

 3 Marmot, M. (2010). Fair Society, Healthy Lives. The Marmot Review. strategic review of health inequalities in england post-2010. www.ucl.ac.uk/marmotreview.

 4 Luhmann, N. (1994). Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. 5. Auf. Frankfurt: Suhrkamp.

 5 Hafen, M., 2014. ‚Better Together‘ – Prävention durch Frühe Förderung. Präventionstheoretische Verortung der Förderung von Kindern zwischen 0 und 4 Jahren. 2., umfassend überarbeitete Version des Schlussberichts zuhanden des Bundesamtes für Gesundheit. Luzern: Hochschule Luzern.

 6 Bauer J. (2011): Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. München: Blessing.

 7 Bauer J. (2006). Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. 8. Auflage. Frankfurt: Piper.

 8 Felitti, VJ, et al. Relationship of childhood buse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults. The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study. American Journal of Preventive Medicine 1998;14:245–58.

 9 Leopoldina (2014). Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Halle/München/Mainz: Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften

10 OECD (Hrsg.) (2012). Gender Initiative, calculations based on the data from the European Social Survey 2010. Paris: OECD.

11 Heckman JJ, Conti G. (2012). Early childhood development: Creating Healthy Communities with Greater Efficiency and Effectiveness. S. 327–337 in: Nancy O. Andrews, David J. Erickson (Hrsg.), Investing in What Works for America’s Communities. Essays on People, Place & Purpose. San Francisco: Federal Reserve Bank of San Francisco; Low Income Investment Fund.

12 Heckman/Masterov 2007 Heckman, J. J., Masterov D. V., 2007. The Productivity Argument for Investing in Young Children. NBER Working Paper No. 13016.

13 OECD (Hrsg.) (2015). Bildung auf einen Blick 2015. OECD-Indikatoren. Paris: OECD.

14 Netzwerk Kinderbetreuung Schweiz & Schweizerische UNESCO-Kommission [Hrsg.] (2015): Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz. Unser Appell. Zofingen: Netzwerk Kinderbetreuung.

Martin Hafen

Hochschule Luzern, Soziale Arbeit, Institut für Sozialmanagement, Sozialpolitik und Prävention, Luzern

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Korrespondenz:
Prof. Dr. med. Martin Hafen
Hochschule Luzern
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