Reflektieren

Den Emotionen muss man sich aussetzen wollen

Unendlich fern, unglaublich nah

Stefan Neuner-Jehle

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2017.01604
Veröffentlichung: 11.10.2017
Prim Hosp Care (de). 2017;17(19):373

Nähe und Distanz, das sind grosse Themen in Beziehungen. So auch in der Beziehung zwischen Patient und Arzt. Aber braucht es wirklich diese extremen Adjektive dazu?

Extremely loud and incredibly close (Extrem laut und unglaublich nah) lautet der Titel eines Romans von Jonathan Safran Foer (s. Kasten), 2011 berührend verfilmt unter der Regie von Stephan Daldry (mit Tom Hanks, Sandra Bullock und Thomas Horn in den Hauptrollen). Er handelt von der Suche eines Jungen nach den Spuren seines ­toten Vaters. Er lässt uns ahnen, dass eine grosse Nähe gerade bei einem plötzlichen Verlust auch zu nah, schmerzhaft nah sein kann. Genauso schmerzhaft –wenn manchmal auch heilsam – kann es sein, wenn Nähe verlorengeht, wenn Distanz entsteht, wenn in der Beziehung zweier Menschen einer auf Distanz geht. Dieses Ausbalancieren von Nähe und Distanz, sodass sie am Ende für beide stimmig sind, muss in Beziehungen immer wieder neu erarbeitet werden. Denken Sie an Ihren Partner, an Ihre Eltern, an Ihre Kinder. Glücklich, wer Nähe und Distanz in Harmonie mit dem Partner zusammen vereinen kann. Faszinierend, wenn es gelingt, starke Gegensätze anzunähern, wo sie im Alltag eher Ursache von Stress und Frustration sind, wo Erwartungen und Bedürfnisse oft auseinanderdriften.

In der Beziehung zwischen Patient und Arzt gibt es durchaus Misstöne in diesem Spannungsfeld. Eine schwere Erkrankung, ein mühsames Leiden, unser Mit-Leiden, kann Nähe unerträglich machen. Aber auch wieder wunderbare Nähe, wenn sich Patienten unglaublich aufgehoben fühlen, und das auch so sagen können. Gefährliche Nähe, wenn erotische Phantasien leise mitschwingen – sofort Distanz, sofort ein Sicherheitsabstand! Unendliche Distanz, wenn jemand Befremdliches aus seinem Leben extrem laut erzählt, das uns abstösst, uns anekelt. In der Sprechstunde haben wir die seltene Chance, diese beiden Welten – die ferne, die nahe – unglaublich nah mitzubekommen, im Wechselbad der Gefühle während unserer Patientengespräche. Verbissen wünscht man den einen auf den Mond, oder sich selbst, aber bitte nicht gleichzeitig ... Warmherzig freut man sich an der Liebenswürdigkeit oder Dankbarkeit des anderen. Mir schwant, dass ich meinen Beruf genau deswegen ausgewählt habe: Um die Herausforderungen von unendlicher Ferne und unglaublicher Nähe anzunehmen. Um emotional zu arbeiten. Wer sich diesen Emotionen nicht aussetzen will oder kann, wird in der Hausarztmedizin nicht glücklich.

Jonathan Safran Foer – Extrem laut und unglaublich nah

Oskar Blum ist altklug und naseweis, hochbegabt und phantasievoll. Eine kleine Nervensäge, die schon mit neun Jahren eine Visitenkarte vorweist, auf der sie sich als Erfinder, Schmuckdesigner und Tamburinspieler ausweist. Vor allem aber ist Oskar todtraurig und tief verstört. Auch noch zwei Jahre nachdem sein Vater beim Angriff auf das World Trade Center ums Leben kam. Nun will er herausfinden, warum Thomas Schell, der ein Juweliergeschäft hatte, sich ausgerechnet an diesem Tag dort aufhielt. Mit seinem Tamburin zieht Oskar durch New York und gerät in aberwitzige Abenteuer.

fullscreen

Jonathan Safran Foer

Extrem laut und unglaublich nah

Roman

Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens

FISCHER Taschenbuch

ISBN: 978-3-596-16922-1

Stefan Neuner-Jehle

Mitglied der Redaktion, Chefredaktor, Institut für Hausarztmedizin, Zürich

Korrespondenz:
Dr. med.
Stefan Neuner-Jehle
MPH, Institut für ­Hausarztmedizin
Pestalozzistrasse 24
CH-8091 Zürich
sneuner[at]bluewin.ch