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Am kantonalen Blasmusikfest Bodenkontakt erlangen

Der Zapfhahn-Anthropologe

Edy Riesen

DOI : https://doi.org/10.4414/phc-d.2017.01619
Veröffentlichung : 08.11.2017
Prim Hosp Care (de). 2017;17(21):416

Da stand ich also und versuchte mit mehr oder weniger Erfolg schöne Schaumkragen auf die Bierbecher zu zaubern. Das Los hatte mich bei der Getränkeausgabe zugeteilt, und die andern Helfer amüsierten sich köstlich über den tappigen «Dorfdokter», dem das Bier statt in den Becher über beide Hände lief. Ein Abstinenzler am Bierhahn. Ich aber fand nach einer Weile fast so etwas wie Gefallen an meinem neuen Job. Es herrschten dreissig Grad im Schatten und es war kantonales Blasmusikfest. In unserem kleinen Dorf musste jede verfügbare Kraft aufgeboten werden, um den Anlass zu «stemmen». Während das kühle Bier in den schräg gehaltenen Becher lief und die Schaum­kronen von Stunde zu Stunde prächtiger wurden, konnte mein Blick durch das Festzelt schweifen. Hier sass und lief, ass und trank, plauderte und lachte ein mehrhundertköpfiger Querschnitt unserer blasenden Bevölkerung. Wir aber tränkten sie mit Bier und ­Limonaden und fütterten sie mit Pommes und Schnitzeln, so dass der Schaum und das Fett nur so herum spritzte. Ab und zu blitzte ein einsames Blättchen Salat unter den Zutaten hervor. Das Ganze wurde mit Hektolitern von Flüssigkeiten hinuntergespült. Gesund ist anders, aber es behauptete ja auch niemand, dass dies ein Wellness-Wochenende mit Saftfasten sei. Je mehr ich die gemütlichen und zufriedenen Gesichter der Musikanten und Festbesucher betrachtete, desto mehr wurde mir wieder einmal die Relativität unseres ärztlichen Tuns bewusst. Hier fand das Leben statt und nicht in den Sprechzimmern, Labors und OPs der Damen und Herren Doktoren. Bitte, wir sind da, um die Leute fit zu machen, damit sie mit ihren Arthrosen und Stents wieder ans nächste Fest humpeln können. Wir verfüttern ihnen Säurehemmer, damit sie nach der Völlerei am Abend zufrieden schlafen gehen können. Ein solches Fest dauert für die Hardliner drei Tage (!), und das ist kein Pappenstiel, das ist eine echte Leistung. Dass hierbei Blasmusik vor gestrenger Jury und eine Marschmusikparade bei 37 Grad an der Sonne dazugehören, sei auch erwähnt. Kurz, der Hausarzt staunte über die Begeisterungsfähigkeit und das Durchhaltevermögen der Leute. Bei manchen schätzt er über den Daumen gepeilt den 17 Uhr-Zucker auf 15 mmol/l, bei andern sorgt er sich ein wenig über das Erythem von Gesicht und Armen und insgesamt verdoppelte er den Mittelwert der Gamma-Glutamyl-Transferase für diese blasende und paukende Zelt­population. Wenn es etwas gibt, wodurch ein Arzt wieder einmal echten Bodenkontakt erlangt, dann sind es solche Gelegenheiten. Weder im KKL in Luzern noch beim 18-Loch-Golfturnier erhält der anthropologisch Interessierte einen Eindruck, was ein grosser Teil der Bevölkerung tut, leistet, sündigt und opfert.

Hinter mir hielt ein heldenhafter, baumlanger Gymnasiallehrer geschlagene acht Stunden (!) an der Pommes-Fritteuse durch. Sein Ansehen bei den Leuten ist dadurch viel mehr gestiegen, als wenn er einen gelehrten Vortrag aus seinem Fachgebiet gehalten hätte. Wir mögen unsere Arbeit als Ärzte noch so gut tun. Wenn wir aber menschliche Anerkennung unter Nachbarn wollen, dann auf zum Bänke stapeln, Bäche putzen, Platzarztdienst leisten, Posten stehen, kurz dabei sein. Es muss beileibe nicht jedes Wochenende sein. Es reicht vollauf, zwei-, dreimal im Jahr mitzumachen und gleich die Hierarchie etwas auf den Kopf zu stellen. Und wissen Sie was: Man lernt manchmal mehr dabei als an einer müden Nachmittagsfortbildung!

Edy Riesen

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