Reflektieren

Weihnachten im Spital

Wütende Weihnacht?

Edy Riesen

DOI : https://doi.org/10.4414/phc-d.2017.01679
Veröffentlichung : 06.12.2017
Prim Hosp Care (de). 2017;17(23):443-444

Und dann schrie die junge Frau laut heraus, man solle sie endlich in Ruhe lassen, einfach einmal alleine lassen, sie könne nicht mehr. Die Kinder, die Praxis, die pflegebedürftige Mutter und immer das verdammte Handy, alles sei zu viel. Wir waren in einem Workshop in einer alten, heimeligen, ehemaligen Werkstatt irgendwo im Mittelland. Thema Kommunikation und dergleichen. Dieser Kursteil bestand aus Musik und Meditation, und als der Workshopleiter merkte, dass unserer Kollegin Tränen hinunterliefen, fragte er sie, ob sie etwas sagen möchte. Der Notschrei kam für einige überraschend. Ich hatte vorher beim Pausenkaffee eines dieser kurzen intensiven Gespräche, wo ich erfuhr, dass unsere Kollegin zwar alles hatte, was man sich wünscht, aber eben von allem zu viel. Sie war klug, erfolgreich, eine stattliche starke Frau, Ärztin, Mutter und Tochter, Sportlerin, Chorsängerin, aber jetzt war der Akku leer. Sie begriff, dass ihre eigenen Ansprüche an sich und das Leben überzogen waren. Aber was sollte sie tun? Das ganze Gerede und die guten Ratschläge um die Work-Life-Balance machte sie nur noch wütender. Sie brauche einfach hie und da eine Stunde mehr Zeit für sich. Sie wüsste schon etwas damit anzufangen.

Ich bin sicher, dass es jetzt zur Weihnachtszeit hundertausende von Menschen gibt, die einfach nur diesen ­einen Wunsch haben, nämlich in Ruhe gelassen zu werden. Die Konflikte in der kleinen Welt der Familie und der Dauerbeschuss durch die Bad News der auf­geregten Medienwelt sind schon Grund genug. Dazu überall Glitter, Konsum, Beleuchtungen, Beschallungen. Nicht vorzustellen eine Weihnacht, wo ein ganzes Land das Geschäft verweigern würde. Jede Familie eine Schachtel Kerzen, ein paar Äpfel und Nüsse. Autofahrverbot. Mobiltelefone ausgeschaltet. Eine nie mehr gekannte Stille über dem Land. Vielleicht würde es sogar wieder einmal schneien bis in die Städte hinein? Ich weiss, ich weiss, es wäre der wirtschaftliche Untergang von Spielzeug- und Geschenkläden die 80% (!) ihres Umsatzes vor Weihnachten machen. Aber nur schon die Vorstellung ist schön.

Ich bin ja auch einer, der manchmal in die Welt hinausschreien möchte und nicht weiss, wo er mit seiner Wut hin soll, wenn ich an Syrien, Afghanistan, Yemen denke, an die schutzlosen Frauen und Kinder auf der Flucht, das ganze Elend in Afrika. Und manchmal packt mich die Wut über die Gier der Menschen, die nur das Geld sehen. Die Rohstoffgeschäfte, der Waffenhandel! Oder wenn in einem Jubel-Artikel über ein neues Krebsmedikament die einzige Abbildung den Verlauf des Aktienkurses der Firma in der Form einer Fieberkurve zeigt! Und jetzt, wo wir endlich einen Arzt als Bundesrat haben, werden als Nächstes gleich acht ­Milliarden budgetiert für neue Kampfjets (Bravo!), und ­daneben bekommt die völlig abgebaute Frau X. aus meiner Praxis keine IV-Rente, wie zehntausend andere Kranke im Lande. Ich bringe es oft nicht mehr zusammen.

Plötzlich beschleicht mich ein Gefühl, dass ich womöglich zu den sogenannten Wutbürgern gehören könnte (was für ein abscheuliches Wort) und das will ich absolut nicht.

Schreien ist ok im Workshop. Aber es gilt weiter daran zu glauben, dass – obwohl man nur eine Ameise, eine Winzigkeit im grossen Haufen ist – aus der geduldigen und beharrlichen Arbeit Vieler etwas Neues entstehen kann. Denken erwünscht, diskutieren dringend nötig, protestieren: jawoll! Aber es soll mit Anstand geschehen, mit Respekt vor dem «Gegner». Es gibt genug zu tun in den Praxen, Gemeinden und Familien. Wir haben in dieser Hinsicht den perfekten Job. Wir können im kleinen Rahmen immer wieder etwas verbessern, dem Benachteiligten, dem Schmerzgeplagten, der Süchtigen, dem Depressiven, der Asylbewerberin, dem Verlassenen Hilfe anbieten, ein paar Minuten «Seelenwärme», das richtige Medikament, die lindernde Behandlung und auch immer wieder einmal – ja halt auch dies – einen Bericht an die Unfall-Versicherung, die IV, die Krankenkasse.

Es wird einem nicht erspart bleiben, sich gelegentlich aufzuhalten und sich immer wieder zu sorgen. Aber ich nehme mir vor, meine innere Wut umzusetzen in äussere positive Aktionen. In diesem Sinne wünsch ich allen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ruhige, stille und wutfreie Festtage!

Edy Riesen

Mitglied der Redaktion, Hausarzt in Ziefen BL

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Korrespondenz:
Dr. med. Edy Riesen
Facharzt für ­Allgemeinmedizin FMH
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