Editorial

Weihnachten im Spital

Glücklich sei, wer noch ein Bett hat

Alexander Minzer

DOI : https://doi.org/10.4414/phc-d.2017.01684
Veröffentlichung : 06.12.2017
Prim Hosp Care (de). 2017;17(23):439

Der 24. Dezember im Spital. Lange ist es her, dass ich Weihnachtsdienst im Spital leisten musste. Ich erinnere mich trotzdem. Wir haben alle Patienten, die für die Festtage beurlaubt werden konnten, für ein paar Stunden nach Hause gelassen. Die Abteilung war am Abend des 24. ziemlich leer. Ein paar wenige Schwerstkranke. Besucht von ihren Angehörigen. Pflegepersonal und Ärzteschaft in festlicher Stimmung.

Doch wie ist es heute? Heute ist davon auszugehen, dass die Abteilung bereits am 23. Dezember leer ist. Die Patienten werden jedoch nicht aufgrund der Feiertage für ein paar Stunden beurlaubt und dürfen sich danach wieder in die wohlwollende Spitalpflege begeben; nein, der Urlaubsgrund, respektive der Entlassungsgrund heisst Swiss-DRG. Auch eine Lösung, Menschen für die Feiertage nach Hause zu lassen. Das Spital spart Kosten. Der Patient ist zu Hause – bei seinen Angehörigen? Ja, wenn er welche hat, die sich um ihn kümmern. Sonst «schaut» die Spitex und der hausärztliche Notfalldienst.

Dieses Bild des kranken Menschen zu Hause, ohne Möglichkeit, bei Verschlechterung seiner Symptome wieder gut betreut im Spital aufgenommen zu werden. Leidend, in Sorge, wie es mit ihm oder ihr weitergehen soll. «Was mache ich, wenn die Wunde wieder blutet? Wenn die Schmerzen wieder kommen? Habe ich genügend Medikamente? Wer besorgt sie mir? Erreiche ich einen Arzt, eine Krankenschwester der Spitex?» Ganz andere Probleme sind es jetzt, die einen kranken Menschen an Weihnachten beschäftigen.

Überarbeitete Spitexmitarbeiter, von Personalmangel und Kostendruck gequält. Abwicklung möglichst vieler Patienten in kürzester Zeit. Der Weg vom einen zum anderen Patienten wird von der Krankenkasse nicht vergütet. Ja, es muss wirtschaftlich sein. Es bleibt kaum Zeit für ein Wort der Zuwendung, für ein kurzes Gespräch mit einsamen und kranken Menschen – gerade an Feiertagen besonders wichtig. Denn das hilft gemäss den Wirtschaftlichkeitskriterien nicht für die ­Gesundung. Wird deshalb nicht bezahlt.

Wo bleibt denn auch die Ärztin in der Notfallsituation, gesucht von der Spitexschwester oder direkt vom Pa­tienten? Um eine Verordnung zu machen, ein Medikament zu verabreichen oder ein Rezept auszustellen? Auch hier finden sich leider nur noch wenige, meist überalterte und strapazierte Kollegen, die für ihren Notfalldienst nicht mal mehr mit Notfallpauschalen abgegolten werden sollen. Wir sollen künftig erst einmal abklären, ob es sich überhaupt um einen vital-bedrohlichen Notfall handelt. Sonst ist sie ja nichts wert, die notfallmässige hausärztliche Leistung. Kein Notfall, keine Pauschale. Für was auch? Die Arbeit, die die noch verbliebenen Hausärztinnen während der Festtage leisten, ist die überhaupt etwas wert? Gemäss ­Beschluss Bundesrat und BAG eher nicht. Wir Hausärzte stehen im Generalverdacht, uns am Gesundheits­wesen zu bereichern. Wurde in den letzten Jahren von Stärkung der Hausarztmedizin geredet, waren dies wohl nur Lippenbekenntnisse. Die Hausarztmedizin bekommt – nett verpackt – einmal mehr eine finanzielle Kürzung für ihre wichtige Arbeit. Nun durch die Politik! Kassenlobbying sei Dank! Wir, die wir uns über die Feiertage mit chronisch kranken, aufwendigen, komplexen und polymorbiden Patienten, die nicht nur unter 6 oder über 75 Jahre alt sind, beschäftigen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, sollen einmal mehr wieder Haare lassen. Weil vielleicht andere Disziplinen mehr Haare lassen müssen (auf gut Deutsch «Einkommenseinbussen verzeichnen»), dürfen wir ja einmal mehr zufrieden sein! Wird uns eingeredet. Aber da haben wir was verpasst, leider! 24-Stunden Verfügbarkeit des Hausarztes zu einem Spartarif. Ist dies das Konzept, wie man junge Kollegen, ich muss wohl eher Kolleginnen sagen, ins Boot holen will? Die männlichen Kollegen haben sich längst in die lukrativeren Disziplinen mit weniger Notfalldienst verzogen.

Ja, unter diesen Bedingungen ist es direkt schön, Weihnachten im Spital verbringen zu dürfen, dann, wenn man schwer krank ist, umfassende Pflege und ärzt­liche Hilfe benötigt, die nicht ausschliesslich von finanziellen Überlegungen geprägt ist. Nicht nur ein paar Stunden, ambulant, da wirtschaftlicher mit mehr Ertrag für die Spital AG. Nein, stationär, ohne Angst davor, frühzeitig entlassen zu werden. Ich erhoffe mir, dass alle Menschen, die in der Weihnachtszeit ein ­Spitalbett brauchen, auch eines bekommen, genügend lange, und nicht mit einer vorzeitigen Entlassung ­unnötig verunsichert und medizinisch vernachlässigt werden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen und speziell den notfalldienstleistenden Kolleginnen und Kollegen schöne Festtage und einen guten Start ins 2018.

Alexander Minzer

Präsident Schweizerische Akademie für Psychosomatische und Psychosoziale Medizin

Korrespondenz:
Dr. med. Alexander Minzer
Facharzt FMH für ­Allgemeine Innere Medizin, Psychosomatische und Psychosoziale Medizin SAPPM, Präsident ­Schweizerische Akademie für Psychosomatische und Psychosoziale Medizin
Breitenstrasse 15
CH-4852 Rothrist
Alexander.Minzer[at]hin.ch