Reflektieren

Alles eine Frage der Perspektive

Ansichtssache

Stefan Neuner-Jehle

DOI: https://doi.emh.ch/10.4414/phc-d.2018.01639
Veröffentlichung: 03.01.2018
Prim Hosp Care (de). 2018;18(01):20

Es gibt, so meine Wahrnehmung, Zauberwörter, die uns durchs Leben helfen. Eines davon lautet: Perspektive.

Es ist eine Frage der Perspektive, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Nicht mehr der Jüngste1? Eine Frage der Perspektive, ob man auf ein erfülltes Leben zurückblickt und dessen Endlichkeit eine akzeptable ­Logik ist, oder ob man ängstlich die Restlebenszeit ­verrinnen sieht. Zack, der Herzinfarkt! Eine Frage der Perspektive, ob man Krankheit als Fluch interpretiert, oder als Chance für eine Veränderung des Lebensstils sehen kann. So ein Stress...! Eine Frage der Perspektive, ob wir Belastungen als üble Launen des Schicksals oder als Bewährungsproben bewerten, die unsere Kreativität herausfordern. No risk no fun? Eine Frage der Perspektive, wie wir mit gesundheitlichen Risiken umgehen: Dominiert das Bedürfnis nach Sicherheit oder können wir auch einmal waghalsig (ein schönes Wort!) sein?

Der eine ist glücklich, wenn er sein Leben vernunftgesteuert seriös verbringen kann, für jemand anderen wäre ein solches Leben ohne Risiken tödlich langweilig. Und wieviel Risiken gehen wir für andere ein – für diejenigen, die wir lieben, oder für unsere Patienten? Da wechseln Perspektiven plötzlich.

Ungewohnte Perspektiven können faszinieren, sogar erheitern, jedenfalls aufschlussreich sein. Frosch- und Vogelperspektiven, Innenansichten (zum Beispiel das begehbare Darmmodell), schräge Ansichten, grandiose Aussichten. Dramatisch der Perspektivenwechsel, wenn wir Ärzte plötzlich selbst zu Patienten werden.

Als Erzieher daheim oder im Unterricht geht gar nichts ohne Perspektivenwechsel, wenn Sie die nächste Generation erreichen wollen. Und für uns Ärzte gilt, beweglich zu sein und ganz verschiedene Perspektiven einnehmen zu können: Eine Frage der Kommunikation, ob wir die Perspektiven und die Werte unserer Patienten erkennen. Eine Frage der Empathie, ob wir sie nachvollziehen können. In der Gesprächsführung mit ­Pa­tienten kann es hilfreich sein, auch sie zu einem ­Perspektivenwechsel einzuladen: «Ich verstehe Ihre ­Ansicht, aber versuchen Sie doch einmal, einen ganz anderen Blickwinkel einzunehmen – nur so probehalber...»

Es tut gut, den Blickwinkel auf die kleinen und grossen Dinge des Lebens zu variieren. Manches wird grösser, manches kleiner. Sie wollen doch nicht auf der Stelle verharren, sondern dynamisch sein, oder? Das bedingt, immer wieder eine neue Perspektive zu finden.

1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

Stefan Neuner-Jehle

Mitglied der Redaktion; Leiter Chronic Care, Institut für Hausarztmedizin Zürich; Hausarzt in Zug

Kopfbild: © Choneschones | Dreamstime;

Korrespondenz:
Dr. med. Stefan Neuner-Jehle
Facharzt für Innere Medizin FMH
Schmidgasse 8
CH-6300 Zug
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