Reflektieren

Ein Plädoyer fürs Hinterfragen

Das Warum

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2018.01659
Veröffentlichung: 09.05.2018
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2018;18(09):164

Stefan Neuner-Jehle

Mitglied der Redaktion, Leiter Chronic Care, Institut für Hausarztmedizin Zürich, Hausarzt in Zug

Wenn Sie Vorschulknirpse um sich haben, dann erleben Sie es täglich: Mit dem ­Warum löchern die Kleinen ihre Eltern oder Grosseltern und erschliessen sich so die Welt. Hier ist ein Plädoyer, weshalb wir das lebenslang so halten sollten.

Mir war schon früh im Leben klar, dass ich Medizin studieren und dann als Arzt arbeiten wollte. Ich hatte die karitative Überzeugung und die strahlenden Vorbilder dazu. Für mich war es nur eine Frage des Fleisses, aber keine Frage, ob ich diesen Beruf wählen sollte, oder ob ein anderer besser für mich wäre. Natürlich gab es in den anstrengenden Phasen der Ausbildung manchmal selbstkritische Fragen wie: «Warum tue ich mir das an?» Und die wiederholten sich in den erschöpfenden Zeiten der Weiterbildung, wenn nach tagelangen Bereitschaftsdiensten schwierige Pa­tientenverläufe mit extremer Arbeitslast und raunzigen Vorgesetzten zusammentrafen. Später, im Arbeitsleben, ­taten sich aber durch das Warum neue Welten auf: Es begann mich zu interessieren, wie es um die diagnostische Wertigkeit der Tests bestellt ist, die ich ­täglich verwende; wie sich Erkenntnisse aus der ­klinischen Epidemiologie (aus der heraus die evidenzbasierte Medizin entstanden ist) auf die Arbeit anwenden lassen. Einen Master of Public Health später trieb mich das «Warum gibt es so wenig Forschung zu Fragen der ambulanten Erstversorgung?» zurück an die Uni, wo ich solchen Fragen konkret und mit Freude nachspüren kann.

Warum betreibe ich die Sprechstunde und meine Praxis mit all ihren Mühseligkeiten weiterhin, könnten Sie sich fragen. «Warum tue ich mir das an?» Ist es wirklich nur die Notwendigkeit des Broterwerbs – das Haus will abbezahlt, die Kinder ausgebildet, die Freiheit der Mobilität mit schickem Auto ausgekostet, das Segelboot finanziert sein. Und in Haiti waren Sie auch noch nie. Ihre Patienten sind ja nicht nur manchmal mühsam, sondern oft auch dankbar, und ihre vielen bunten Geschichten möchten Sie auch nicht missen. Wenn Ihre Patienten in der Krankheit von Ihrer Begleitung und Behandlung profitieren, ist das auch für Sie sinnstiftend. Trotzdem zwingt ein Warum dazu, Farbe zu bekennen: Leisten Sie diese grosse Arbeit weiterhin aus vollem Herzen, oder wie ein Kollege kürzlich bemerkte, weil er halt nichts anderes gelernt habe? Leisten Sie sie den Patienten zuliebe (höchst legitim)? Gibt es aber keine plausible Antworten darauf, dann könnten Sie sich fragen: «Warum tue ich es dann, und nicht etwas anderes, neues stattdessen?»

Schrecklich das Warum, wenn jemanden eine Krankheit mit infauster Prognose trifft. Hier gibt es oft keine Antwort. Dies anzunehmen, ist ein schwieriger, aber letztlich heilsamer Prozess. Diesen Prozess zu begleiten, eine wertvolle ärzt­liche und zwischenmensch­liche Aufgabe.

Das Warum treibt Forscher, Entdecker, Erfinder und Philosophen zu Höchstleistungen an. Es ist die Neugierde: «Was hält die Welt zusammen?» Es ist die Sinnfrage: «Welche tiefere Bedeutung steht dahinter?» Gewisse Fragen zu stellen und gewisse Antworten auszuhalten, braucht Mut. Um die Verzweiflung an nicht beantwortbaren Fragen zu mildern, gibt es ein Bild aus der Philosophie, das den Raum wunderbar öffnet: Das Leben, unsere Existenz könnte nicht die Frage sein, sondern bereits die Antwort.

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Dr. med. Stefan Neuner-Jehle
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