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Herbstkolloquium der ICKS in Bellinzona

Appropriateness: Was wir aus unserem Projekt gelernt haben

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2018.01702
Veröffentlichung: 24.01.2018
Prim Hosp Care (de). 2018;18(02):24-25

Luca Gabuttia, Angela Grecob, Olivier Gianninic

a Chefarzt AIM Ospedale Regionale di Bellinzona e Valli – Bellinzona; b Quality and Risk Manager Ospedale Regionale di Locarno; c Stv. Chefarzt AIM, Ospedale Regionale di Mendrisio

Das Herbstkolloquium der Schweizerischen Gesellschaft Internistischer Chef- und Kaderärzte (ICKS) fand am 9. November 2017 im Tessin, im ­Auditorium des Ospedale Regionale di Bellinzona e Valli statt.

Die Innere Medizin des Ente Ospedaliero Cantonale (EOC) – des Netzwerks der öffentlichen Spitäler des Kantons Tessin mit mehreren Standorten – hat das Herbstkolloquium der ICKS gestaltet und sich dabei als funktionale Multisite-Abteilung präsentiert.

Der rote Faden des Fortbildungstages war die diagnostische und therapeutische Angemessenheit nach dem Motto «More is not always better» von Choosing Wisely (Abb. 1). Die 2012 auf Initiative der American Board of ­Internal Medicine (ABIM) Foundation aus der Taufe gehobene Kampagne Choosing Wisely hat von Beginn an eine innovative und mutige Botschaft einer auf die Patient/-innen und auf deren Bedürfnisse fokussierten Behandlung propagiert. Sie schliesst geeignete Care-Leistungen ein, die sich durch ein insgesamt günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis auszeichnen, und fördert den Dialog zwischen Ärzteschaft und Patient/-innen mit dem Ziel einer bewussten Wahl der Betroffenen.

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Abbildung 1: Das Motto der Kampagne Choosing Wisely diente dem Programm des Herbstkolloquiums der Schweizerischen Gesellschaft Internistischer Chef- und Kaderärzte – ICKS/AMCIS/ASIO – vom 9.11.2017 in Bellinzona als roter Faden.

Projekte für Choosing Wisely an Tessiner Spitälern

Am Kolloquium in Bellinzona konnte im Laufe des Tages der Wert von Initiativen wie derjenigen des EOC im Rahmen der Choosing-Wisely-Kampagne aufgezeigt werden. Seit Juni 2017 sind diese Aktivitäten auch im Trägerverein «smarter medicine–Choosing Wisely Switzerland» koordiniert. Das EOC gehörte zu den Initianten dieser landesweiten Kampagne: Im Juni 2013 wurde in seinen dezentralisierten regionalen Akutspitälern (Lugano, Bellinzona e Valli, Locarno und Mendrisio) ein konkretes Projekt ins Leben gerufen. Verschiedene Referenten der Kampagne Choosing Wisely EOC nutzten die ihnen von der ICKS gebotene Gelegenheit, um sich mit einigen Themen im Zusammenhang mit der Angemessenheit (Appropriateness) der Arzneimittelverschreibung zu befassen, namentlich von Benzodiazepinen, Protonenpumpenblockern und Vitamin D. Alarmierend ist zum Beispiel die Feststellung, dass im Zeitraum 2014–2017 rund 30% der Patient/-innen einer Abteilung für innere Medizin des EOC angaben, zu Hause Benzodiazepine einzunehmen.

Fehler bei der Verschreibung von ­Arzneimitteln vermeiden

Im Bereich der Appropriateness pharmakologischer Verschreibungen wurde das Konzept Antibiotic Stewardship präsentiert, eine innovative Methodik, auf der ein Pilotprojekt des Universitätsspitals Genf beruht und in das die Spitäler von Lugano und Bellinzona eingebunden werden.

Mit diesem Pilotprojekt soll die Ärzteschaft zu einer «überlegten» und evidenzbasierten Verschreibung angehalten werden, die sich vor allem an die geltenden Richtlinien für die Verschreibung von Antibiotika hält. Der Fehler bei der Verschreibung von Arzneimitteln an den Schnittstellen – insbesondere beim Spitaleintritt – war Thema eines Beitrags, der die Daten einer in der Abteilung Innere Medizin des Ospedale Beata Vergine in Mendrisio durchgeführten prospektiven Studie präsentierte. Diese Arbeit hat aufgezeigt, dass auch in einem fortschrittlichen Gesundheitssystem wie dem schweizerischen der Anteil therapeutischer Diskrepanzen gross ist (47%). Die Daten werden im Laufe des Jahres 2018 publiziert. Besonders relevant sind sie aus klinischer Sicht beim Spitaleintritt. Mit der Einführung einer Medication Reconciliation könnten sie sichtbar gemacht werden.

Die Thematik der Appropriateness der radiodiagnostischen Indikation wurde mit der Präsentation der vom EOC ergriffenen Massnahmen für das Monitoring der Strahlendosierung aufgegriffen. Die Fragestellung lautete, wie man sich in Zukunft in Richtung einer besser an die Situation und die Patient/-innen angepassten Strahlendosis bewegen könnte. Die den Teilnehmenden des Kolloquiums gebotenen Präsentationen zeigten die wichtigen Elemente des von der Abteilung ­Innere Medizin und Chirurgie zusammen mit den Support-Abteilungen des EOC eingeschlagenen Weges auf: Das kontinuierliche Monitoring der Parameter, das Benchmarking und die Transparenz dank Schaffung eines EOC-eigenen EDV-Systems, das Reporting Wisely genannt wird. Hierbei handelt es sich um ein intuitives Dashboard, das vom gesamten Kader der Ärzteschaft und des Pflegepersonals abgefragt werden kann und den ständigen und ungehinderten Zugang zu den überwachten Daten sowie den Vergleich mit anderen Diensten und Spitälern der Einrichtung ermöglicht.

Interessanter Austausch und gelungene Vernetzung

In der heutigen Zeit, in der sich alle Akteur/-innen des schweizerischen Gesundheitssystems fragen, wie man die Leistungen verbessern und die Kosten senken kann, ohne Abstriche bei der nach wie vor hohen ­Behandlungsqualität zu machen, erlauben diese Themenbereiche, auf der täglichen Suche geeigneter Lösungen den Horizont zu erweitern. Der Weg zu einem besseren Bewusstsein in Sachen diagnostische Wahl und/oder einer rationelleren und auf den einzelnen Patienten abzielenden Therapie ist noch weit, aber der Veränderungsprozess hat begonnen.

Der Austausch zwischen den verschiedenen Chef- und Kaderärzt/-innen der nach Bellinzona eingeladenen Schweizer Spitäler ermöglichte einen bereichernden und stimulierenden Schulungstag, neue Vernetzungen, Gedankenanstösse für zukünftige Projekte im Hinblick auf den Austausch über Erfahrungen für ein gegenseitiges Wachstum.

Das Kolloquium von Bellinzona klang mit einer Besichtigung der Burg Sasso Corbaro aus, die von der Daro-Anhöhe aus die Hauptstadt und den Kanton Tessin dominiert (Abb. 2).

Die Lichterspiele, die Aussicht in die teilweise bereits schneebedeckten Berge und die Wärme der Tessiner Herbstsonne dienten als würdiger Rahmen für den Nachmittag, der dazu beitrug, dass das Kolloquium zu einem Erfolg mit guten Vorsätzen für die zukünftigen Projekte der neugeborenen Schweizerischen Gesellschaft Internistischer Chef- und Kaderärzte wurde.

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Abbildung 2: Einige Teilnehmende, die am Ende des Schulungstages das Burgmuseum Sasso Corbaro besuchten.

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