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«Art meets science meets art» am europäischen Wonca1-Kongress 2017 in Prag

Ein Kunstprojekt von art-dialog2

Bruno Kissling, Esther Quarroz, Andreas Fahrni

DOI : https://doi.org/10.4414/phc-d.2018.01715
Veröffentlichung : 07.03.2018
Prim Hosp Care (de). 2018;18(05):85-87

Mit unserer Kunst-Performance/-Installation «Growing together in diversity» suchten wir erneut den Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft. In komplex adaptiver Interaktion zwischen diesen unterschiedlichen Welten kann Bekanntes anders gesehen und erfahren werden. Erkenntnisse können vertieft werden und neue Lösungsansätze emergieren.

Art-science Dialog

Unseren Art-science Dialog starteten wir 2016 mit dem Kunstprojekt «Pictures in the body». Wir arbeiteten in Bern in virtueller Interaktion mit dem internationalen Kongress der «Society for complexity sciences» in Billings, USA3. Mit den beiderseits positiven Erfahrungen aus diesem Austausch strebten wir ein Kunstprojekt direkt an einem Kongress an. Am WONCA-Kongress in Prag kreierten wir eine Kunstinstallation. Wir arbeiteten auf einer Fläche von 8 × 4 m, einer Insel mitten im turbulenten öffentlichen Raum, und waren in stetem Kontakt mit interessierten Kongress-Teilnehmenden. Mit Slides auf den Screens des Plenarsaals waren wir zusätzlich präsent.

Die Ästhetik des Unscheinbaren im Continuum unseres Schaffens

Für unsere, während vier Tagen wachsende Installation verwendeten wir PET®-Verpackungen, Draht, Transparentfolien, Metallwürfel und Farbe. Wir arbeiten vorzugsweise mit unscheinbaren, überall ver­fügbaren Materialien, die einen alltäglichen Zweck erfüllen und danach achtlos entsorgt werden. Die nähere Betrachtung bringt ihre verborgene Schönheit an den Tag und würdigt ihr Potenzial, das über ihre erkennbare übliche Bestimmung hinausgeht. Die Utensilien stammten aus früheren gemeinsamen Installationen. Diese Wiederverwertung reiht das Prager Projekt in das Continuum unseres gemeinsamen kreativen Schaffens ein.

Komplex adaptive Interaktion mit ­unvorhersehbarem Resultat

Unsere Installation zum Kongressthema «Growing ­together in diversity» wuchs aus dem «Nichts». Sie war das unvorhersehbar emergierende Resultat aus der ­Interaktion zwischen uns Kunstschaffenden mit unserem induktiven, improvisierenden und ästhetisch ­gelenkten Tun und den Kongress-Teilnehmenden mit ihrem deduktiv, kognitiv wissenschaftlich geprägten Denken.

Die begrenzte Zeit gewährleistete, dass unsere Installation mit ihren verschiedenen Entwicklungsstufen unfertig blieb, ein vorläufiges Zwischenresultat in einem fortwährenden Prozess des Erkennens.

Die Kunstinstallation als Analogie für die Konsultation – Ars medici

Viele Kongress-Teilnehmende erkannten und erlebten in unserer Installation die Begegnungen von Arzt und Patient in der Konsultation. In kommunikativer Interaktion befasst sich der Arzt mit dem, was den Patienten bewegt. Durch die Betrachtung vor dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen Welten würdigen sie das Problem. Sie schaffen eine gemeinsame, oft nur vorläufige Wirklichkeit. Aus dieser können immer ­wieder unvorhersehbare Lösungsschritte emergieren. Die Konsultation mit ihrer Ästhetik als unsichtbares Kunstwerk – Ars medici.

Samen in den Wind gestreut

Für uns Kunstschaffende war die Erfahrung in Prag sehr stimulierend. So führten wir im Oktober 2017 ein weiteres öffentliches Kunstprojekt zu einem medizinisch relevanten und hochkomplexen Thema durch, zum Schmerz: «pain, my pain – 48 hours open non stop performance»4.

Ob weitere wissenschaftliche Kongresse diesen brisanten und neuen Weg des Art-science Dialogs wagen? –Wir haben «Samen in den Wind gestreut» ...

Art-dialog: www.art-dialog.com

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Unterschiedliche «Welten» begegnen sich.
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In komplex adaptiver Interaktion …
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… entsteht eine gemeinsame und vorläufige Wirklichkeit …
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… auf dem Weg zu neuen Erkenntnissen und unvorhersehbaren Lösungsschritten.

1 WONCA ist der Welt­verband der Hausärzte, www.globalfamilydoctor.com

2 Esther Quarroz, Kunstschaffende, Kunsttherapeutin; Bruno Kissling, Hausarzt, Kunstschaffender; Andreas Fahrni, Fotograf, Kunstschaffender, www.art-dialog.com

3 Putting Systems and Complexity Sciences Into Practice, Joachim Sturmberg, Springer, Publikation voraussichtlich 2018 – Chapter 16: Leo’s Lions: An Art-Science Project, B Kissling und E Quarroz.

4 «pain, my pain – 48 hours open non stop performance» 26.–28.10.2017, Bern, www.art-dialog.com/blog

Bruno Kisslinga, Esther Quarrozb, Andreas Fahrnic (Fotos)

a Hausarzt, Kunstschaffender, Bern; b Kunstschaffende, Kunsttherapeutin, Bern; c Fotograf, Kunstschaffender, Bern

Korrespondenz:
Dr. med. Bruno Kissling
Facharzt für ­Allgemein­medizin FMH
ElfenauPraxis
Elfenauweg 52
CH-3006 Bern
bruno.kissling[at]hin.ch