Lehren und Forschen

Modul «immersion communautaire» der Fakultät für Biologie und Medizin der UNIL

Studierende des dritten Studienjahres Medizin der UNIL forschten während vier Wochen an einem Community-Thema ihrer Wahl. Zweck dieses Moduls ist, den zukünftigen Ärzten und Ärztinnen die nicht-biomedizinischen Aspekte von Gesundheit, Krankheit und der medizinischen Tätigkeit aufzuzeigen: Lebensstil, psychosoziale und kulturelle Faktoren, Umwelt, politische Entscheidungen, wirtschaftliche Zwänge, ethische Fragen usw. In Fünfergruppen definierten die Studierenden zunächst den Gegenstand ihrer Forschung und konsultierten dazu die wissenschaftliche Literatur. Ihre Forschungsarbeit brachte sie in Kontakt mit dem Netzwerk von Akteuren der betroffenen Community, Berufs- aber auch Patientenverbände, deren Rollen und wechselseitige Einflüsse sie untersuchten. Jede Gruppe wurde von einem Tutor/einer Tutorin der Fakultät für Biologie und Medizin der UNIL begleitet. Zum Abschluss des Moduls unterbreiteten die Studierenden anlässlich ­eines zweitägigen Kongresses eine Zusammenfassung ihrer Arbeit. Sechs Forschungsarbeiten entstanden aus interprofessioneller Zusammenarbeit mit Studierenden der Pflege der Haute Ecole de la Santé La Source, zwei davon auch unter Mitarbeit von Studierenden der ­Anthropologie der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften, finanziell unterstützt vom Amt für Hochschulbildung des Kantons Waadt. Vier der herausragendsten Arbeiten wurden für die Veröffentlichung in Primary und Hospital Care ausgewählt.

Leitung und Verantwortung des Moduls: Prof. Jean-Bernard Daeppen, Dr. Jacques Gaume (Koordinator), Prof. Patrick Bodenmann, Prof. Bernard Burnand, Dr. Aude Fauvel, Sophie Paroz, Dr. Daniel Widmer und Prof. Madeleine Baumann (HEdS «La Source»).

Ein wachsender Anteil

Die Attraktivität der Schweiz für ausländische Ärzte

Marco Arduini, Camille Boross, Parwana Latif, Liza-Marie Marquis, Flora Pajazitaj

DOI : https://doi.org/10.4414/phc-d.2018.01740
Veröffentlichung : 13.06.2018
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2018;18(11):192-193

Einführung

In der Schweiz besitzt ein wachsender Anteil der Ärzte ein Diplom, das im Ausland vergeben wurde. Damit machten sie im Jahr 2016 27,6% der ambulant tätigen Ärzte aus [1]. Das Kommen dieser Ärzte in die Schweiz ist das Resultat eines Gleichgewichts zwischen Anreizen, die sie anziehen, und Hindernissen, die gegen ihr Kommen sprechen. In unserer Untersuchung interessierten uns deshalb diese verschiedenen Faktoren, die das Kommen eines ausländischen Hausarztes in die Schweiz beeinflussen.

Methode

Für diese Untersuchung betrachteten wir jeden Arzt als ausländischen Arzt, der seine Grundausbildung im Ausland erworben hatte. Darüberhinaus haben wir uns ausschliesslich für Hausärzte mit eigener Praxis interessiert. Wir haben eine Literatur-Recherche durchgeführt, um die Faktoren zu identifizieren, welche die Einwanderung von Ärzten in die Schweiz beeinflusst haben, und wir haben uns für die dazu notwendigen administrativen Formalitäten interessiert.

Als Nächstes führten wir Interviews mit Personen durch, ausgewählt gemäss folgendem Schema: Vier in Lausanne praktizierende ausländische Hausärzte, deren Zeugnisse nach dem Jahr 2000 anerkannt wurden (dies deshalb um relativ neue Daten erheben zu können), ein Vertreter des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF), ein Vertreter der Ärzte-Gesellschaft des Kanton Waadt (SVM) sowie der Kantonsarzt des Kanton Waadt. Die Identifikation ausländischer Ärzte erfolgte über das Online-Register der Medizinalberufekommission (MEBEKO) [2]. Wir haben zudem eine private Gesellschaft kontaktiert, die im Bereich der Vermittlung ausländischer Ärzte in die Schweiz aktiv ist, diese aber wollte nicht über ihre Tätigkeit sprechen.

Ergebnisse

Gemäss unserer Literaturrecherche sind die Gründe, welche die Einwanderung von ausländischen Ärzten begünstigen, die folgenden: Hohe Lebensqualität und ­höhere Löhne, die ausgezeichnete Qualität der Medizin, die Sicherheit des Landes und die Nachfrage nach Pflege sowie die Anstellungsmöglichkeiten [3]. Zu den möglichen Hindernissen gehört hauptsächlich die Anerkennung des Arztdiploms durch die Medizinalberufekommission, die aufgrund der bilateralen Abkommen nur für in Europa ausgebildete Ärzte vereinfacht ist. Der Facharzttitel wird vom Schweizerischen Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) verliehen. Das Amt des Kantons­arztes erteilt dann die Erlaubnis, praktizieren und abrechnen zu können.

Wir haben mit vier Ärzten gesprochen, die ihr Diplom in Frankreich erworben haben und nach dem Jahr 2000 in die Schweiz gekommen sind, die meisten wurden aktiv von privaten Firmen rekrutiert. Alle Ärzte stimmten überein, dass die Organisation des Gesundheitssystems und der medizinischen Tätigkeit in der Schweiz sich sehr von ihrem Herkunftsland unterscheide, während das medizinische Wissen aufgrund der Standardisierung der Medizin durch die wissenschaftliche Literatur gleich sei. Das schweizerische ­Gesundheitssystem sei für sie attraktiv aufgrund der Bezahlung, der Kostenerstattung durch die Krankenkassen und der Möglichkeit, weiterführende Untersuchungen vor Ort in der Praxis, insbesondere bestimmter ­Laboruntersuchungen, durchführen zu können. Was die Lebensbedingungen und die Möglichkeiten der Ausübung des Berufs betrifft, so wurden die Sicherheit, die hohe Kaufkraft und die Patientenbeziehung, basierend eher auf der Vergütung von Zeit statt von Handlungen, als attraktive Faktoren genannt. Zu den persönlichen Faktoren zählten meist familiäre Gründe.

Gemäss den Vertretern der verschiedenen Behörden ist der Hauptgrund für das Kommen ausländischer Ärzte in der finanziellen Vergütung zu finden, die Lebensqualität und die Organisation des Gesundheitssystems werden ebenso erwähnt. Bei den Hindernissen wird die Anerkennung des Diploms genannt, die sehr schwierig sein kann, wenn die Person in einem Land ausserhalb der Europäischen Union oder Europäischen Freihandelszone (EU/EFTA ) studiert hat. Sprache kann sowohl ein Hindernis als auch ein erleichtender Faktor sein, da die Schweiz mehrsprachig ist.

Diskussion

Die in unserer Untersuchung erwähnten Anreize zeigen, dass die Schweiz ein attraktives Land für ausländische Ärzte ist, was der hohe Anteil bestätigt, den sie derzeit stellen. Unsere Ergebnisse sind jedoch limitiert angesichts der Tatsache, dass nur 4 der 50 Ärzte, die wir kontaktierten, unsere Fragen beantworten wollten, und dass nur eine Nationalität in unserer Stichprobe vertreten war. Zudem war die Literatur zu diesem landesspezifischen Thema sehr begrenzt, was einen Forschungsbedarf anzeigt. Während unserer Untersuchung stellen wir zusätzlich fest, dass diese Zuwanderung auch andere Probleme verursacht, nämlich die Abhängigkeit der Schweiz von der Personalpolitik der emigrierenden Länder [4] sowie den Brain Drain derselben [3].

1 Hostettler S, Kraft E. Statistique médicale 2016 de la FMH. Bulletin des médecins suisses 2017;98(13):394–400.

2 Office fédéral de la santé publique. Registre des professions médicales – Medregom (Internet). Disponible: https://www.medregom.admin.ch/fr

3 Martineau T, Decker K, Bundred P. Briefing note on international migration of health professionals: levelling the playing field for developing country health systems. Liverpool: Liverpool School of Tropical Medicine. 2002.

4 Jaccard Ruedin H, Widmer M. L’immigration du personnel de santé vers la Suisse. Neuchatel: Observatoire suisse de la santé. 2010.

Marco Arduini, Camille Boross, Parwana Latif, Liza-Marie Marquis, Flora Pajazitaj

Studenten im dritten Jahr, Bachelor, an der Fakultät für Biologie und Medizin der Universität Lausanne

Wir danken unserer Tutorin, Yolanda Müller, sowie allen Personen, die für ein Interview bereit waren.

Kopfbild : © Ammentorp | Dreamstime

Korrespondenz:
Dr méd. Jacques Gaume
Centre Hospitalier ­Universitaire Vaudois (CHUV)
Avenue de Beaumont 21 bis, Bâtiment P2
CH-1011 Lausanne
Jacques.Gaume[at]chuv.ch