Editorial

Anwendung von smarter medicine an Spitälern

Smarter Hospital – für eine Medizin mit Augenmass

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2018.01795
Veröffentlichung: 25.07.2018
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2018;18(14):241

Jean-Michel Gaspoz

Co-Präsident SGAIM, Präsident des Vereins smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland

Am vergangen 7. Juni haben 40 Ärztinnen und Ärzte des Kantonsspitals Freiburg in einem feierlichen Akt den neuen «Schweizer Eid» abgelegt. Dieser Eid ist eine aktualisierte Form des hippokratischen Eids, die sich insbesondere auch mit der zunehmenden Ökonomisierung der Medizin beschäftigt. Darin wird unter anderem ­gelobt: «Ich betreibe im Rahmen der mir zur Ver­fügung stehenden Möglichkeiten eine Medizin mit Augenmass und empfehle oder ergreife nur Massnahmen, die sinnvoll sind.» Und: «… (ich) gehe keinen Vertrag ein, der mich zu Leistungsmengen oder -unterlassungen ­nötigt.»1

Unsere Kolleginnen und Kollegen verlangen damit, dass sie zwingend vor wirtschaftlichen Zwängen in der Medizin geschützt werden. Eine medizinische Handlung darf ausschliesslich dann durchgeführt werden, wenn sie dem Wohl der Patientinnen und Patienten dient.

Der Verein smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland steht dafür ein, dass die Lebensqualität der Behandelten im Zentrum steht und dass kein Geld für unnötige oder gar schädliche Behandlungen ­verschwendet wird. Seit der Gründung des Vereins vor einem Jahr haben sich sechs Fachgesellschaften mit der Publikation von Top-5-Listen unnötiger Behandlungen diesem Grundsatz angeschlossen, nachdem die SGAIM bereits im Jahr 2014 und 2016 entsprechende 
Listen veröffentlicht hatte. Weitere Fachgesellschaften sind aktuell daran, solche Listen zu erarbeiten, so dass von einer eigentlichen Bewegung der medizinischen Fachgesellschaften zum Schutz der Patient/-innen vor unnötigen und schädlichen Behandlungen gesprochen werden kann.

Es stimmt mich auch optimistisch, dass sich verschiedene Spitäler darum bemühen, die Idee von smarter medicine in konkreten Projekten an ihren Häusern anzuwenden. Allen voran das Ente Ospedale Cantonale (EOC) im Tessin, das sich schon seit 2015 mit der gezielten ­Umsetzung von Choosing Wisely beschäftigt. So wurden eine intensive Kampagne gegen die unnötige Verschreibung von Benzodiazepinen durchgeführt und regel­mässige, vielbeachtete Symposien zum Thema smarter medicine organisiert. An den Hôpitaux Universitaires de Genève (HUG), die als erstes «Smarter Hospital» schon im letzten Herbst Partnerinnen des Vereins smarter medicine geworden sind, hat am 22. Juni 2018 der Generaldirektor des HUG diesen Status offiziell bekannt gegeben. Auf Initiative des medizinischen Direktors, Arnaud Perrier, waren zuvor insgesamt 47 Projekte im Bereich smarter medicine entwickelt und präsentiert worden.

Erfreulicherweise kommt diese Bewegung nun auch in der Deutschschweiz an. Nachdem sich das Spital Limmattal als Partnerin beim Verein eingeschrieben hat, schliesst sich nun auch das Zürcher Stadtspital Triemli der Idee von smarter medicine an. Die Verantwortlichen des Triemlis wollen, ähnlich wie die HUG, in den nächsten Monaten verschiedene konkrete Projekte lancieren und mit diesen Aktivitäten auch andere Spitäler dazu motivieren, sich als Smarter Hospital zu etablieren.

Ich erachte es als wichtiges Zeichen, dass sowohl medizinische Fachgesellschaften wie auch Spitäler ihre Verantwortung gegen unnötige Behandlungen und damit gegen die Verschwendung in der medizinischen Ver­sorgung selber an die Hand nehmen. Sie sind die Expert/-innen auch in diesem Bereich.

Der Verein smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland sieht seine Aufgabe einerseits darin, verschiedene Initiativen zu koordinieren, gute Ideen zu fördern und Akteure zu motivieren, ebenfalls konkrete Projekte zu lancieren, und andererseits in der Vermittlerrolle zwischen Behandelnden und Behandelten.

Die Themen von smarter medicine müssen auch in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert werden, damit eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Themen der Fehl- und Überversorgung sachlich und qualifiziert möglich ist. Aus diesem Grund organisieren wir im Herbst auch eine öffentliche Tagung zur Frage «Wie fördern wir eine smarte Medizin in der der Schweiz?» und lancieren eine spezifische Kampagne für Patientinnen und Patienten (Details siehe Seite 242).

1 Auszug aus dem Schweizer Eid, http://www.dialog-ethik.ch/der-eid/

Redaktionelle ­Verantwortung:
Bruno Schmucki, SGAIM

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