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10 Jahre JHaS: Verbreitung des JHaS-Virus durch militante junge Hausärzte in der Schweiz

Bioterror oder ein infektiologischer Glücksfall?

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2019.10071
Veröffentlichung: 08.05.2019
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2019;19(05):135-136

Gabriela Rohrer

Präsidentin JHaS

Das Gesundheitswesen 2009. Wir befinden uns im Jahre null nach Couchepin. In der ganzen Schweiz ergeben sich die letzten altgedienten Hausärztinnen und Hausärzte in ihr unausweichliches Schicksal. «Die Hausarztmedizin ist tot!» verkünden die Experten des BAG landauf, landab. Das unausweichliche Ende der medizinischen Grundversorgung durch Hausärzte in der Schweiz? Nein! Ein kleines Grüppchen von militanten jungen Ärztinnen und Ärzten hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Unermüdlich verbreitet es ein hoch kontagiöses Virus. Das BAG ahnt noch nichts von den Ausmassen der sich anbahnenden Epidemie, doch ein Fieber greift um sich. Das ominöse «JHaS»…

Wo und wann genau es zur Erstansteckung gekommen ist, vermag heute niemand mehr so genau zu sagen. Es wird aber vermutet, dass der Erreger ungefähr 2008 aus Istanbul eingeschleppt wurde. Am ehesten im Umfeld eines Treffens der international operierenden Hausärzteorganisation Wonca. Überträger waren vermutlich eine militante Delegation infizierter holländischer Hausärztinnen und -ärzte, die in hautengen blauen ­T-Shirts mit ihrem Schlachtruf «Hausarztmedizin ist sexy!» noch nicht infizierte Teilnehmende in ­ihren Bann zogen.

In den Wochen und Monaten danach waren erste Krankheitsausbrüche in der Schweiz zu beobachten. Durch das Virus induziert, verspürten bisher völlig unbescholtene junge Medizinerinnen und Mediziner plötzlich einen kaum überwindbaren Drang, Hausarzt zu werden. Getrieben von dem ebenfalls durch das Virus induzierten, fast zwanghaften Wunsch, diesen Enthusiasmus weiter zu verbreiten, fingen die Betroffenen an, sich zu gruppieren und zu organisieren. Mit dem Erreichen einer kritischen Grösse von etwa zwanzig Infizierten war die Rebellion gegen die Ausrottung der Hausarztmedizin geboren. Die militante Gruppe nannte sich fortan JHaS.1

Die Aktivistinnen und Aktivisten gingen zunächst eher verdeckt vor. Unter dem harmlosen Begriff «JHaS Stammtisch» wurde in Bern eine aktive Zelle gegründet mit dem Ziel, das JHaS-Virus unter möglichst vielen Jungärzten zu verbreiten. In nur einem Jahr gelang es, die Zahl der infizierten Personen zu verdoppeln und im nächsten Jahr zu verdreifachen. Viele der Neuinfizierten erlagen nicht nur dem Berufswunsch Hausarzt, sondern schlossen sich auch aktiv der Rebellion an. Neue Zellen in Basel und Zürich folgten. Von hier aus verbreitete sich das Virus unaufhaltsam in der ganzen Schweiz. Bis dato sind dreizehn Endemieherde bekannt, wobei es auch ausserhalb dieser Herde immer wieder zu Neuansteckungen kommt. Bemerkenswert ist dabei, dass es den Rebellen ab etwa 2016 auch gelang, das Virus über den Röstigraben in die Romandie zu tragen. Inzwischen spricht eine wachsende Zahl der um die 1’200 infizierten Jungärztinnen und -ärzten Französisch. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis das JHaS-Fieber vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) als nationale Epidemie anerkannt wird.

Ein spannendes Phänomen der JHaS-Endemie wurde bis heute nicht ganz verstanden, man vermutet aber Folgendes: Irgendwann in den Anfangsjahren muss es zu einer Punktmutation im Virusgenom gekommen sein. Fortan verursachte das JHaS-Virus zusätzlich zu den beschriebenen Symptomen einen unerklärlichen Drang, sich orange zu kleiden. Ein unübersehbares Stigma, das bei einigen Betroffenen mit einem hohen Leidensdruck verbunden ist. Trotzdem scheint die orange ­Mutation gegenüber dem Wildtyp einen Überlebensvorteil zu bieten oder zumindest wesentlich virulenter zu sein. Es wird vermutet, dass das Tragen der Farbe Orange zu einem ausgeprägten «Wir-Gefühl» führt. Süchtig nach diesem «Wir-Gefühl» versammeln sich die Mutanten jährlich an einem Kongress und zelebrieren ihr Orange-Sein. Angelockt von der Signalfarbe besuchen auch zahlreiche noch nicht infizierte Jungärzte das Treffen. Viele davon stecken sich noch vor Ort an und tragen das Virus so immer weiter in die Peripherie. Dies würde erklären, warum an immer mehr ­Ärztekongressen in der ganzen Schweiz auffällig orange gekleidete junge Leute enthusiastisch versuchen, ­andere Jungärztinnen vom Berufswunsch «Hausärztin» zu überzeugen.

So weit, so gut

Dass das Aussterben der Hausärzte nicht nur durch die willkürliche Verbreitung einer Infektionskrankheit verhindert werden kann, war unseren orangen Rebellen natürlich auch klar. Strategisch schlau wurden von Anfang an die für die Ausbildung junger Ärztinnen wichtigen Institute und Gremien, beispielsweise die Weiterbildungskommission AIM, infiltriert. Hier konnten bald erste Erfolge verzeichnet werden, wie etwa die Anerkennung der Praxisassistenz für insgesamt drei statt einem Jahr. Einigen Rebellen gelang es mit Fleiss und Ausdauer, sich in die Leitungsetage universitärer Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen einzuschleusen. So konnte etwa der Aufbau der Weiterbildungsplattform myAIM getriggert werden. Oder auch die Schaffung von immer mehr Curriculum- und Praxisassistenzstellen.

Was vor zehn Jahren als kleine Gruppe von sechs idealistischen, enthusiastischen, meinetwegen auch verrückten und naiven jungen Leuten begann, ist heute ein aus der Gesundheitslandschaft nicht mehr weg­zudenkender Verein mit über 1’200 Mitgliedern, professio­neller Geschäftsstelle und nationaler sowie internationaler Vernetzung. Zu verdanken ist diese Erfolgsgeschichte all jenen nicht namentlich ­genannten Mitstreiterinnen und Mitstreitern, die trotz Überstunden, Familiengründung oder laufender Praxiseröffnung ihre verbleibende Freizeit in das gemeinsame Projekt investiert haben. Ihnen allen ein herzliches Dankeschön! Und natürlich auch den älteren Hasen, die sie auf ihrem Weg unterstützt und gefördert haben.

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Das Gesundheitswesen 2019. Wir befinden uns im Jahre zehn nach Couchepin. In der ganzen Schweiz kämpfen die letzten Altgedienten und eine Handvoll Nachwuchshausärzte um ihr Überleben. Die Folgen jahrelanger Misswirtschaft in Sachen Nachwuchsförderung werden nun manifest. Bevölkerung und Ärztinnen an der Front leiden gleichermassen unter dem grassierenden Hausärztemangel. «Die Hausarztmedizin muss leben!» verkünden die Experten des BAG landauf, landab. Steht uns das unausweichliche Ende der medizinischen Grundversorgung durch Hausärztinnen und Hausärzte bevor? Nein! Eine wachsende Zahl orange gekleideter Enthusiasten befindet sich in der Pipeline. Bis sie ihren Platz in der Grundversorgung einnehmen können, werden noch Jahre vergehen. Aber es lohnt sich, durchzuhalten.

Das Gesundheitswesen 2029. Die JHaS feiern ihr zwanzigstes Jubiläumsjahr. Eine inzwischen altgediente Gruppe nicht mehr ganz junger Ärztinnen und Ärzten schaut zurück auf eine längere Durststrecke in der medizinischen Grundversorgung. Nur gut, dass sie vorbei ist. Zufrieden stossen sie an auf ihre Zukunftsvision 2030 …

1 Anmerkung der Autorin: Ob das zumindest in der Romandie kaum artikulierbare Wort «JHaS» dabei tatsächlich ein Akronym für «Junge Hausärztinnen und -ärzte Schweiz» darstellt oder ob es sich doch eher um eine Anlehnung an den erstaunten Ausruf «I has ou!» (Ich habe es auch) handelt, wird derzeit noch kontrovers diskutiert.

Redaktionelle ­Verantwortung:
Manuel Schaub, JHaS

Korrespondenzadresse

Sandra Hügli-Jost
Kommunikations­beauftragte
mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz
Geschäftsstelle
Effingerstrasse 2
CH-3011 Bern
sandra.huegli[at]hausaerzteschweiz.ch

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