access_time veröffentlicht 15.11.2017

Bösewicht Cholesterin?

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Bösewicht Cholesterin?

15.11.2017

Wie gefährlich ist ein erhöhter Cholesterinwert? Und wann sollten Medikamente eingenommen werden? Drei Fälle, drei Antworten.

Seit der Eröffnung meiner Praxis ist Cholesterin ein Topthema und wird immer wieder kontrovers diskutiert. Das kam so:  Vor vielen Jahren begannen amerikanische Ärzte die Gesundheit der Einwohner der Stadt Framingham zu studieren. Ein unglaublicher Effort über Jahrzehnte – typisch amerikanisch! Aus diesen Studien wurden und werden immer noch eine Menge von Daten generiert, unter anderem zum Zusammenhang zwischen hohem Cholesterin und Krankheiten der Blutgefässe. Und da zeigte sich eben, dass die Menschen mit hohem Cholesterin mehr Herzinfarkte, Hirnschläge, Raucherbeine etc. haben. Aber was nie deutlich gesagt wurde ist, dass auch Menschen mit hohem Cholesterin alt werden können. Und es konnte auch nicht gezeigt werden, dass die Verabreichung von Cholesterinsenkern an eine ganze Population die gesamte Häufigkeit von Krankheit und vorzeitigem Tod senkt. Wo ist also das goldene Mittelmass? Dazu drei Fälle:

Der Jogger mit Stent

Hubi M. mag ich gut mit seiner aufgestellten und positiven Art. Er ist Gewerbelehrer und war bis zu seiner Angina pectoris ebenso überzeugter Jogger wie Raucher. Dann kam der Druck auf der Brust, und er erhielt seinen Stent. Er joggt immer noch, raucht aber nicht mehr. Das ist einige Jahre her, und er nimmt getreulich sein Statin. Die Wirkung der Statine bei nachgewiesener einengender Verkalkung der Gefässe ist in unzähligen Studien derart überzeugend nachgewiesen, dass es auch für mich als ewigen Zweifler in diesem Fall keine Diskussion gibt. 

Angst vor dem Hirnschlag

Martin H. war 50, als er vor 15 Jahren mit folgender Sorge zu mir kam: Sein Vater hatte mit 58 Jahren einen invalidisierenden Hirnschlag erlitten. Martin sagte mir damals, er wolle alles tun, um einem solchen Schicksal zu entgehen. Er ist normalgewichtig, Nichtraucher, treibt vernünftigen Ausgleichssport, isst gesund. Einmal hatte er ein minimales Ereignis, das ein winziger Hirnschlag hätte sein können. Er erhält seither ein Antihypertensivum, Acetylsalicylsäure und eben ein Statin, um das leicht erhöhte Cholesterin abzusenken. Der Hausarzt weiss, dass es keinen sicheren wissenschaftlichen Beleg für sein Handeln gibt, aber er würde es bei sich selbst auch so machen wollen. Vor Jahren wurde übrigens diese Dreier-Kombination von Medikamenten in England diskutiert für alle Männer über 55 Jahre. Die Idee hat sich nie durchgesetzt. Menschen sind kein Vieh, das abgefuttert werden will. Für Martin H. stimmt die Verordnung: Er ist unterdessen 65 Jahre alt, gesund und wird weiter seine Tabletten einnehmen. 

Risiko senken ohne Medikamente

Josi H. ist eine muntere 65-Jährige, etwas zu behäbig und wohlgenährt. Sie raucht fünf Zigaretten pro Tag. Beim Check-up zeigte sich ein leichter Diabetes und ein totales Cholesterin von 5,8 mmol und ein LDL von 4,0 mmol. Sie will abnehmen und sicher keine chemische Tablette einnehmen, sagt sie. Dann – hofft sie – würde der Zucker verschwinden und das Cholesterin etwas bessern … 

Ja, Frau H., sage ich, einverstanden, aber dann gehen Sie gleich morgen früh auf den Balkon und werfen die letzte Packung Zigis über Bord. Damit haben Sie das komplette Vorsorgepaket zusammen. Sie können Ihr Risiko mit minus 10 Kilogramm, minus Diabetes, minus Zigaretten genügend verbessern ohne einen chemischen Cholesterinsenker.

Was sich zusammenfassend sagen lässt

Statine sind aus Sicht des Arztes obligatorisch bei nachgewiesener Erkrankung der Herzkranzgefässe. Cholesterinsenkende Medikamente erhalten längst nicht alle, die ein mässig erhöhtes Cholesterin aufweisen, da der Nutzen bei Gesunden nicht nachgewiesen werden konnte. Es gibt übrigens viele uralte Menschen mit hohem Cholesterinwert! Spezialfälle sind die seltenen Familien mit vererbtem, massiv erhöhtem Cholesterin. Das sollte man ein Leben lang behandeln. Eine Diät senkt den Cholesterinspiegel um circa 10% und kann in gewissen Fällen eine Option sein. 

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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