access_time veröffentlicht 23.08.2017

Brief an einen Freund mit Reizdarm

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Brief an einen Freund mit Reizdarm

23.08.2017

Beim Colon irritabile ist die Kunst des Arztes, den richtigen Schuh für den schwierigen Fuss zu finden.

Lieber Hans, Du fragst mich, was Du noch unternehmen könntest, um Deinen Bauch zu beruhigen. Du hast seit jungen Jahren immer wieder monatelange Episoden durchgemacht mit Bauchbeschwerden in der Form von Blähungen, Krämpfen, Durchfall und manchmal auch Verstopfungen. Zwischendurch warst Du auch lange Zeit beschwerdefrei. Aber bei beruflichen Belastungen wie Stellenwechseln und einmal nach einem Reisedurchfall während einer Ägyptenreise kam es zu monatelangen Problemen. 

Nun hast Du Dich endlich durch Deinen Hausarzt untersuchen lassen. Er hat alles richtig gemacht, hat sich Deine Geschichte aufmerksam angehört und Dich gut untersucht. Dann hat er einige Laboruntersuchungen und eine Spiegelung des Dickdarmes veranlasst. Alle diese Untersuchungen fielen normal aus. Er hat Dir dann erläutert, dass Du an einem Reizdarm oder nervösen Dickdarm leidest, was eine harmlose Sache sei, absolut gutartig. Aber er verstehe es, dass es Dich manchmal sehr plage. Es sei eigentlich keine Krankheit, eher eine Störung des Körpers. Er hat Dir ein einfaches Quellmittel verordnet.

Der Darm ist eine Art Gehirn

Trotz des ehrlichen Bemühens Deines Arztes fühlst Du Dich nicht ganz verstanden. Das ist etwas, das ich aus meiner eigenen Erfahrung kenne. Die Botschaft eines nervösen Dickdarmes ist schwierig zu überbringen. Es klingt fast so, als mache der Patient etwas falsch oder sei psychisch gestört. 

Davon kann bei Dir keine Rede sein. Was Dir zu schaffen macht, ist die hohe Empfindlichkeit Deines Darmes, der von einem Netzwerk von rund hundert Millionen Nervenfasern umgeben ist, wie eine Art Gehirn reagiert und zudem eine intensive Verbindung zu Deinem Grosshirn hat. Sowohl Dein Darm als auch Dein Gehirn registrieren jede kleinste Veränderung, was zu einer Verstärkung des Bauchwehs führt. Mit anderen Worten: Der Feuermelder im Bauch geht zu schnell los. 

Das ist aber nur die eine Seite. In der Tat können Infektionen, bestimmte Lebensmittel oder Zusatzstoffe und auch Stress oder Depressionen die Funktion des Darmes durcheinanderbringen und «ein Gnusch im Darm» verursachen, wie einer meiner Kollegen zu sagen pflegt. Den vielen Auslösern entsprechend gibt es eine Unzahl von Therapien. Hier ist es die Kunst des Arztes, den richtigen Schuh für den schwierigen Fuss zu finden. Es ist absolut verständlich, dass Dein Arzt mit einem einfachen, nicht chemischen Mittel begonnen hat. Du musst mit ihm Geduld haben und er mit Dir! 

Oft ist es ein längeres Probieren und Suchen, bis eine Therapie stimmt. Er kann Dir für Krämpfe sogenannte Spasmolytika verordnen, für Blähungen und Verstopfung Mittel, die den Stuhl weicher machen, für Durchfälle Mittel, die eindicken oder sogar eines der neuen Medikamente, welche die Durchfälle über eine Beruhigung der Nervenfasern des Darmes lindern.  

Geduldig dranbleiben

Wichtig ist das schrittweise, systematische Vorgehen, und dass Du eine Zeit lang geduldig dranbleibst. Du weisst ja selbst, dass es mit Deinem Bauch immer wieder spontan auf und ab, schlechter und besser geht. Es braucht meist ein paar Monate Beobachtung, bis man sagen kann, ob eine Therapie wirksam ist. Du musst auch wissen – ich sage es Dir ganz offen –, dass die Plazebowirkung beim Reizdarm enorm ist. Geschätzte 80% der Patienten haben anfänglich eine Verbesserung der Symptome, egal, ob sie natürliche oder chemische Mittel nehmen.

Ich selbst bin ich ein sehr kritischer Beobachter der Therapieszene, habe ich doch die Einführung von zuerst hochgepriesenen Medikamenten miterlebt, von denen viele  wieder verschwunden sind. Aber das ist kein Grund aufzugeben. Die Störung ist glaubhaft vorhanden und betrifft in verschiedenen Ausprägungen wahrscheinlich etwa 10% der Menschen. 

Am Schluss noch mein Lieblingstipp: Die Steuerung der Inneren Organe kann kein Mensch direkt übernehmen, aber durch Erlernen von Autogenem Training oder Selbsthypnose kannst Du die Funktion des Darmes (und nicht nur des Darmes) in wohltuender Weise beeinflussen. Das ist durch viele Studien belegt. Was für ein Erlebnis, wenn das ruderlose Schiffchen plötzlich wieder Kurs aufnimmt mit einer sanften Methode, wo man selbst sein eigener Therapeut ist!

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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