access_time veröffentlicht 10.01.2018

Digitaler Dienstverweigerer

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Digitaler Dienstverweigerer

10.01.2018

Der analoge Grossvater und Hausarzt ist der digitalen Welt gegenüber skeptisch eingestellt. Dennoch fährt er mit vier Bildschirmen im Auto ans Familienfest in Holland und freut sich über die Bilderotik des digitalen Röntgens.

Kürzlich machten wir uns mit einem Teil der Grossfamilie auf die lange Fahrt an eines der legendären Familienfeste in Holland. Eine unserer Töchter lebt mit ihrer Familie dort und hat das Treffen organisiert. An Bord waren meine Frau und ich, fünf von zehn Grosskindern, zwei Töchter und ein Schwiegersohn. Die wichtigste Ausrüstung neben Wasserflaschen und Süssigkeiten waren vier (!) an den Rückseiten der Sessel montierte Videobildschirme, daneben vier Smartphones für die Erwachsenen, der Laptop des Schwiegersohnes für alle Fälle und mein Uralt-Nokia-Allwettergerät. Vorne blinkte das GPS des gemieteten Kleinbusses. 

Halbnarkotisierte Kinder

Während mein Mobiltje (wie die Holländer sagen) friedlich im Gepäck ruhte und vorne laufend via Smartphones der Zwischenstand der Reise mit dem Zwischenstand der Festvorbereitungen in Holland verglichen wurde, sassen die fünf Kinder mit ihren Ohrstöpseln wie hypnotisiert vor ihren Bildschirmen, worauf die Figürchen von Disneys Bambi über den kleinen Wikinger bis zu den Legos von Ninjago herumzappelten. Es herrschte fast unheimliche Ruhe. Nur das gemütliche Geplapper meiner Töchter, die einander immer etwas zu erzählen haben, war über drei Sitzreihen undeutlich zu vernehmen.

Ich war ganz zufrieden mit diesen halbnarkotisierten Kindern, meinem bravourös chauffierenden Schwiegersohn und der Futter-Grossmutter, welche die kleinen Raubtiere mit schrecklich gefärbtem Zucker versorgte. Aber es wurde mir wieder einmal bewusst, welche digitale Kluft sich auftun könnte zwischen mir und der nächsten, geschweige denn übernächsten Generation. Meine Frau hat neben unserem PC wenigstens ein Tablet und ein Smartphone und kommuniziert mit WhatsApp. Ich dagegen bin so etwas wie ein halbbatziger digitaler Dienstverweigerer, andere sagen, ein klassischer digitaler Immigrant. Trotzdem glaube ich nicht, dass ich um ein «Smartie» herumkommen werde. Schliesslich liegt mir viel am engen Kontakt mit meinen Kindern und deren Familien.  

Wie ein aufgeregtes Huhn

Und in der Praxis? Dort benützen wir dank meines Schwiegersohnes seit 2012 die elektronische Krankenakte. Sie war anfänglich eine wahre Plage für meine beiden Zeigefinger, die wie ein aufgeregtes Huhn auf der Tastatur herumhacken und meinen schnellen Gedanken nie ganz nachkommen. Dann auch immer die Entscheidung: Bei wem bin ich jetzt, beim Patienten oder beim Computer? Gut, ich habe es so gelöst, dass ich von unserem fabelhaften Programm wahrscheinlich nicht mehr als 10 bis 20 Prozent brauche und das Ausstellen von Rezepten, Verordnungen, Zeugnissen und mehr unseren hoch geschätzten medizinischen Praxisassistentinnen überlasse. Ich arbeite also mit einer Art Schreibmaschine und den in der elektronischen Krankenakte abgelegten Dokumenten. Aber ein echter IT-Freak werde ich nie und nimmer.  

Die Liebe zum digitalen Röntgenbild

Es gibt durchaus Kollegen in meinem Alter, die fasziniert sind von den Möglichkeiten der Informationstechnik, und wirklich gut darin sind. Wie viele Stunden sie aber extra damit verbringen, möchte ich lieber nicht fragen. Informatik ist für mich Mittel zum Zweck und ohne jeglichen Sexappeal. Ich finde auch, dass die Kiste unanständig imposant auf meinem Pult zwischen mir und dem Patienten steht, und ich versuche alle möglichen Tricks, damit wir beide auf das Display und uns in die Augen sehen können. Kürzlich konnte ich im Traum blind und fehlerfrei mit dem Zehnfingersystem schreiben und mein Gegenüber dabei ansehen. Ach, war das schön! Das Erwachen war dementsprechend hart. Der einzige Trost ist, dass ich gut formulieren kann und meine Berichte oft mühelos schreibe, weil sie immer noch Kopf- und nicht Fingerarbeit sind. 

Übrigens: Vor Kurzem hat mich das neue Zeitalter doch noch voll erwischt – und zwar mit der Bilderotik des digitalen Röntgens. Es war Liebe auf den ersten Blick. Kein Vergleich mehr mit den ewig zu hellen, zu dunklen, zu matten, zu weichen, zu harten Aufnahmen. Seit August 2016 flitzt das digitale Röntgenbild, kaum erstellt, vom Aufnahmegerät auf den PC im Sprechzimmer, und das in einer nie gesehenen Qualität. Bei der gemeinsamen Besprechung muss ich jeweils meine Begeisterung für die fantastische Auflösung der Bilder bremsen, damit die Patienten nicht das Gefühl bekommen, ich würde mich an ihren Frakturen oder Lungenentzündungen ergötzen.  

Humorvolle Schwiegersöhne

Damit kann ich meine Kolumne versöhnlich abschliessen mit einem riesen Dank an meine verständnisvolle digitale Frau und unsere Kinder und Grosskinder, noch viel mehr aber an unsere humorvollen Schwiegersöhne, die dem verirrten Immigranten immer wieder einmal aus der Patsche helfen. 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

Bildnachweis: © Hannu Viitanen | Dreamstime.com

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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