access_time veröffentlicht 17.05.2018

Eine Frage der Würde

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Eine Frage der Würde

17.05.2018

Seit einem Erlebnis mit seiner dementen Mutter lässt Edy Riesen das Thema Würde nicht mehr los. An zwei Beispielen aus seiner Hausarztpraxis schildert er, wie man für die Würde der Patienten sorgt.

Wenn es ein wichtiges Wort gibt bei der Frage nach der Menschlichkeit in der Medizin, dann ist es die Würde. Als meine Mutter damals mit ihrer Demenz in unserem provinziellen Städtchen, wo jeder jeden kennt, verwirrt umherirrte, sprach die beratende Psychiaterin genau dieses Thema an. Ob wir, Sohn und Tochter, uns vorstellen könnten, was unsere Mutter, eine immer adrette und freundliche Dame, dazu sagen würde, wenn sie sich selbst so sehen könnte? Meine Kollegin meinte, wir seien zur Erhaltung der Würde unserer Mutter geradezu verpflichtet, etwas zu tun, und dürften sie nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Dies führte dann zu einer vorübergehenden Hospitalisation. Seither hat mich diese Frage nicht mehr losgelassen. 

Zigaretten trotz Bronchitis
In unserer Praxis gehen täglich Menschen ein und aus, und ab und zu sorge ich mich um die Würde von Einzelnen. Aber – aufgepasst  – es liegt in den meisten Fällen nicht an mir, darüber zu entscheiden, was würdig ist und was nicht. Die Demenz, die Psychose, die Sucht sind in diesem Zusammenhang ganz schwierige Themen, weil man sich oft überlegen muss, ob man den Menschen vor sich selber schützen muss. 
Ganz anders ist es aber, wenn Frau A. in die Sprechstunde kommt, eine verhärmte starke Raucherin Mitte siebzig, die ihren Glimmstengel trotz einer schweren chronischen Bronchitis und kaputter Lunge partout nicht wegwerfen will. Sie ist arm (ja, das gibt es auch bei uns) und wohnt in einem spartanisch eingerichteten alten Dorfhaus, wo die Zeit vor 50 Jahren stehengeblieben ist. Wenn man sie auf der Strasse sieht, passt sie nicht in unser stattliches mittelständisches Dorf. Sobald man aber mit ihr redet, kommt eine psychisch durchaus intakte, klar denkende Frau zum Vorschein. Sie will ihren Zustand nicht verändern und klagt nicht. Meine Aufgabe ist, ihr dazu zu verhelfen, dass sie möglichst lange in ihrem Haus bleiben kann. Sie tut niemanden etwas zuleide und hat genau das gleiche Recht dazu wie der Millionär in seinem Prunkbau oben am Hang. Die Erhaltung der Autonomie ist im Fall der Frau A. prioritär und steht über dem medizinischen Problem, das schicksalhaft seinen Verlauf nehmen wird.  

Im Haus bleiben
Gestern war ich beim Nachbarn von Frau A.: Herr W. ist hochbetagt und leidet seit langem unter schweren Arthrosen, was er mit einer wegwerfenden Handbewegung quittiert. Mehr zu schaffen macht ihm schon seit Jahren ein Problem im Bereich der Harnwege. Er hat auch einen Tumor im Unterbauch, den man nicht mehr operieren kann, weil es zu gefährlich wäre. Die Meta­stasen sitzen überall und engen jetzt auch die Lunge ein. Glücklicherweise hat er wenig Schmerzen. Er ist einfach sehr schwach, geistig aber voll da. 
Nun ist er auf seiner letzten Wegstrecke und schaut gradlinig voraus, so, wie er es immer getan hat in seinem Leben. Er strahlt etwas Würdiges aus. Alle um ihn herum, Tochter, Spitex und wir, schauen, dass er zu Hause sterben kann. Das ist sein letzter grosser Wunsch. Wir müssen uns nicht sorgen um seine Würde, wir müssen nur Sorge tragen zu ihr. Dabei gilt vor allem, genau hinzuhören. Was sagt uns der Patient wirklich? Was wünscht er? Oft ist es nicht Medizin, sondern Menschlichkeit. Der Mensch, den du vor dir hast, hat sich ein Leben lang seine eigenen Rituale und Vorstellungen erschaffen, und die möchte er beibehalten. Daher ist auch ein Wechsel ins Heim oder Spital so schwierig. Obwohl die Pflege besser und auch nachts möglich wäre, geht nichts über die eigenen vier Wände, so armselig sie sein mögen. 
Wir kennen in der Medizin Checklisten für die Beurteilung von Situationen, manchmal sprechen wir von Guidelines. Als Hausärzte haben wir aber auch eine ganze Reihe von oft auch unbewussten Mindlines (Gedankenstützen). Beziehe ich den Patienten wirklich ein in meine Entscheidungen? Hat er Zeit, mir die wichtigen Dinge zu sagen? Bekommt er das für ihn richtige Mass (es kann auch zu viel sein!) an Information und Ehrlichkeit? Schütze ich ihn vor zu hohen Ansprüchen von Medizin, Spitex, Familie? Denke ich daran, dass die Veränderungen von kleinen Dingen oft wichtiger sind als grosse Sprüche? 
Gestern begann W. plötzlich aus seinem Leben zu erzählen. Dabei wurde mir wieder bewusst, wie sehr das Erzählen einen Menschen erleichtert, wie gerne Menschen ihre Geschichte mit anderen teilen und wie gut es tut, das Leben zu würdigen und zurückblickend Sinn und Trost darin zu finden.

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

Bildnachweis: © Ivan Kruk | Dreamstime.com

 

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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